Antibiotikaresistente Keime in Seen Bundesregierung hält Erkrankung von Badenden für möglich

In Gewässern in Niedersachsen haben Forscher multiresistente Bakterien nachgewiesen, auch in Badeseen. Nach Einschätzung der Bundesregierung kann eine Übertragung auf Schwimmer nicht ausgeschlossen werden.
Badesteg am Zwischenahner Meer (Archivbild)

Badesteg am Zwischenahner Meer (Archivbild)

Foto: Ingo Wagner/ dpa

Antibiotikaresistente Keime in Seen und Flüssen können unter Umständen auf badende Menschen übergehen und diese krank machen. Eine Übertragung könne nicht ausgeschlossen werden, insbesondere "bei Personen, die nach medizinischen Maßnahmen nur über eine abgeschwächte Immunabwehr verfügen", erklärte die Bundesregierung in einer Antwort auf eine Kleine Anfrage der Grünen-Fraktion, die dem SPIEGEL vorliegt.

Wissenschaftler hatten im Rahmen einer Recherche des Norddeutschen Rundfunks (NDR)  antibiotikaresistente Bakterien in Seen, Bächen und Flüssen in Niedersachsen gefunden. Die Forscher untersuchten Wasser- und Sedimentproben von zwölf unterschiedlichen Standorten - und wurden an allen zwölf Stellen fündig, zum Beispiel im Zwischenahner Meer und an der Thülsfelder Talsperre.

Sie fanden laut NDR unter anderem multiresistente gram-negative Keime (MRGN), auch solche, die gegen wichtige Reserveantibiotika unempfindlich sind. Dabei handelt es sich um Mittel, die nur eingesetzt werden, wenn die herkömmlichen Antibiotika nicht mehr wirken. Experten äußerten sich besorgt über die Funde.

Wie weit verbreitet sind die Bakterien?

Unklar ist bisher, wie weitverbreitet solche Keime in deutschen Gewässern sind. Die Bundesregierung kann auch vier Wochen nach Veröffentlichung der Ergebnisse nicht sagen, ob es dazu überhaupt Daten gibt. Es lägen "keine Angaben aus den Ländern darüber vor", schreibt das Umweltministerium in seiner Antwort. Man wolle die Länder kurzfristig um Auskunft bitten. Diese seien auch für konkrete Handlungsempfehlungen zuständig.

Die Opposition im Bundestag hält den Umgang der Regierung mit dem Thema für naiv und fahrlässig. "Weder Bund noch Länder scheinen derzeit genau zu wissen, wie weitverbreitet solche gefährlichen Keime in unseren Badegewässern sind", sagte die umweltpolitische Sprecherin der Grünen, Bettina Hoffmann, dem SPIEGEL. "Die Bundesregierung muss dringend einen bundesweiten Bedarfsatlas anstoßen, damit wir eine Vorstellung davon bekommen, wie groß das Problem in Wirklichkeit ist."

Multiresistente Bakterien können auf unterschiedlichen Wegen in die Umwelt gelangen, etwa aus der Landwirtschaft oder über die Abwässer aus Kläranlagen. Zwar gelten für Abwässer bestimmte Mindestanforderungen. Diese berücksichtigten Antibiotika und antibiotikaresistente Keime jedoch nicht, so die Bundesregierung.

Kläranlagen nachrüsten

Das Umweltbundesamt forderte bereits Anfang Februar, Kläranlagen mit einer sogenannten vierten Reinigungsstufe auszustatten, die unter anderem Medikamentenreste aus dem Abwasser entfernen soll. Die Kosten dafür müssten die Verbraucher über ihre Wasserrechnung tragen. Die Bundesregierung will hingegen die Ergebnisse des Forschungsprojekts Hyreka  abwarten. Seit 2016 untersuchen Forscher darin die Verbreitung von antibiotikaresistenten Keimen in der Umwelt.

Die meisten multiresistenten Keime sind weiterhin mit Antibiotika behandelbar, weil sie zwar gegen viele, aber nicht alle Mittel unempfindlich sind. In den USA gab es allerdings vergangenes Jahr einen Fall, bei dem eine Patientin an einer Infektion mit Klebsiella-Bakterien starb, die auf kein einziges in den USA zugelassenes Antibiotikum ansprachen.

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NDR
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