Tödlicher Behandlungsfehler Hausarzt muss 500.000 Euro Schmerzensgeld zahlen

Die Spritzen sollten seine Rückenschmerzen lindern, doch sie kosteten ihn das Leben: Ein Mann aus Niedersachsen ist an den Folgen eines Behandlungsfehlers gestorben. Seine Familie hat den Arzt verklagt.

Karl-Josef Hildenbrand / DPA


Ein Hausarzt aus Niedersachsen muss wegen eines Behandlungsfehlers eine halbe Million Euro Schmerzensgeld an die Witwe des Patienten und seine drei Kinder zahlen. Der Arzt hatte im August 2017 den damals 50-Jährigen wegen akuter Rückenschmerzen behandelt, die nach mehreren Bandscheibenschäden aufgetreten waren. Innerhalb einer Woche verabreichte ihm der Hausarzt viermal jeweils zwei Injektionen der Präparate Solu-Decortin und Diclofenac.

Wenige Stunden nach der vierten Behandlung brach der Patient zusammen und kam mit Schüttelfrost und Atemschwierigkeiten ins Krankenhaus. Dort stellten die Ärzte einen schweren septischen Schock fest, der zu einem multiplen Organversagen und einer dauerhaften Lähmung führte. Mehr als ein Jahr lang musste der Mann künstlich beatmet werden. Dass sich sein Zustand bessern würde, schlossen die Ärzte aus. Der Patient entschied sich schließlich für den "ärztlich begleitenten Freitod", heißt es in einer Mitteilung des Oberlandesgericht Celle, das nun über den Fall urteilte (Aktenzeichen VI ZR 355/18).

Im Video: Wenn Ärzte Fehler machen - Wie sicher bin ich im Krankenhaus?

Folgen eines Spritzenabszesses

Die Witwe und die Kinder des Verstorbenen hatten gegen den Hausarzt geklagt und 500.000 Euro Schmerzensgeld gefordert. Das Oberlandesgericht Celle entschied nun im Sinne der Hinterbliebenen und bestätigte damit ein vorhergehendes Urteil des Landgerichts Lüneburg. Das Urteil ist rechtskräftig. Eine Revision wurde vom Bundesgerichtshof zurückgewiesen.

Das Gericht wertete die Behandlung des Hausarztes als grob fehlerhaft. Demnach widersprach die Injektion der zwei verabreichten Präparate in die Muskulatur "dem fachlichen medizinischen Standard und gängigen Leitempfehlungen".

Ursache für die Sepsis war laut Sachverständigen ein sogenannter Spritzenabszess. Dieser entsteht beispielsweise, wenn die Haut des Patienten vor der Injektion nicht ordnungsgemäß desinfiziert wird. Dadurch können Krankheitserreger in den Körper eindringen und eine eitrige Entzündung auslösen. Im aktuellen Fall gelangten die Keime in die Blutbahn und lösten eine Sepsis aus, die auch als Blutvergiftung bekannt ist.

Mehr als 300.000 Menschen in Deutschland erkranken pro Jahr an einer Sepsis. Hinweise sind extremes Unwohlsein, schwere Atmung, Verwirrtheit, hohes Fieber und eine verfärbte Haut, zum Beispiel schwarzverfärbte Fingerkuppen. Auch Schüttelfrost und Schläfrigkeit sind mögliche Symptome. Wer diese Beschwerden bei sich beobachtet, sollte den Notruf unter der Nummer 112 wählen und Hilfe holen.

koe/dpa



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