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04. September 2018, 12:36 Uhr

Diagnose und Therapie

Wie Nierensteine entstehen - und was dagegen hilft

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Heftige stechende Schmerzen im Bauch - das können Nierensteine sein. Wer einmal betroffen war, muss damit rechnen, dass neue entstehen. Mit einfachen Maßnahmen lässt sich dem verbreiteten Leiden vorbeugen.

Reinigungssystem, Blutdruck-Regulator, Hormonproduzent: voilà, die Nieren. Sie filtern Stoffwechselprodukte und Giftstoffe aus dem Blut und leiten sie über den produzierten Harn ab. Sie steuern den Salz- und Wasserhaushalt sowie den Blutdruck, und sie stellen lebenswichtige Hormone her. Ohne die zwei etwa faustgroßen Organe, die am unteren Ende des Brustkorbs rechts und links neben der Wirbelsäule liegen, könnte ein Mensch ohne medizinische Hilfe nicht überleben.

Normalerweise spürt man die Nieren und Harnleiter nicht. Wenn sich allerdings Nierensteine bilden, kann es zu heftigsten Schmerzen kommen. Der Überblick über ein häufig auftretendes Leiden.

Was sind Nierensteine?

Nierensteine bestehen aus eigentlich im Urin gelösten Stoffen, die kristallisieren. Sie können unterschiedlich groß sein - die Bandbreite reicht von wenigen Millimetern - etwa so groß wie ein Reiskorn - bis zu mehreren Zentimetern. Meist ist nur eine Niere betroffen. Ein Nierenstein, der in den Harnleiter gelangt, wird als Harnleiterstein bezeichnet.

Was ist die Ursache?

Früher ging man davon aus, dass Nierensteine immer entstehen, wenn eigentlich gelöste Salze im Harn im Überschuss vorliegen und kristallisieren. Aus den kleinen Kristallen, die sich in der Niere bilden, entwickeln sich im Laufe der Zeit Steinchen. Allerdings: "Mittlerweile weiß man, dass dies stark vereinfacht ist - und für die meisten Steine nicht zutrifft", sagt Thomas Knoll, Chefarzt an der Urologischen Klinik Sindelfingen. Anders gesagt: Manche Menschen haben zu viel an bestimmten Stoffen im Urin - und bilden dennoch keine Steine. "Andere hingegen weisen geringere Konzentrationen auf und leiden unter Steinen", so Knoll. "Warum das so ist, weiß man noch nicht genau."

Zu den sogenannten steinbildenden Stoffen zählen Kalzium, Harnsäure oder Oxalat. Problematisch ist es auch, wenn sich zu wenig steinauflösende Stoffe wie Magnesium oder Citrat im Urin befinden. Auch das trägt dazu bei, dass sich Nierensteine bilden.

Die Steinchen werden entsprechend ihrer Zusammensetzung nach unterschiedlichen Typen unterschieden:

Steine können sich auch bilden, wenn der Urin sehr konzentriert ist - etwa durch starkes Schwitzen oder zu geringe Flüssigkeitszufuhr. "Auch bestimmte Medikamente, Übergewicht, Vorerkrankungen wie Gicht, Diabetes oder chronischer Durchfall sowie wiederkehrende Harnwegsinfekte begünstigen die Kristallbildung", so Knoll. Diskutiert wird zudem, ob eine familiäre Veranlagung eine Rolle spielt. Allerdings ist nicht klar, ob hier wirklich die Gene dafür verantwortlich sind oder ein ähnlicher Ernährungsstil und Lebenswandel innerhalb einer Familie.

Wie häufig sind Nierensteine?

Nierensteine sind ein weitverbreitetes Leiden: Etwa fünf Prozent der Deutschen sind davon betroffen, Männer doppelt so oft wie Frauen. Sie können in jedem Alter entstehen, am häufigsten erkranken Erwachsene zwischen 35 und 55 Jahren.

Welche Symptome zeigen sich?

Kleine Steine gehen meist unbemerkt über den Urin ab und verursachen keine Beschwerden. Sie werden häufig nur durch Zufall entdeckt - etwa bei einer Ultraschalluntersuchung. Sind die Steine größer, rufen sie Schmerzen hervor, wenn sie in den Harnleiter gelangen und darin stecken bleiben. "Sie blockieren dann den Harnabfluss", so Knoll.

Bei einer solchen Nierenkolik treten plötzlich heftige, krampfartige und stechende Schmerzen auf, die sich in der Flanke, im Rücken, der Leistengegend oder im Unterbauch zeigen und bis in die Genitalien ausstrahlen können. Oft kommen Übelkeit und Erbrechen hinzu. "Nierenstein-Geplagte winden sich meist ruhelos, bis die Kolik aufhört", sagt der Urologe. Je nachdem, wie schnell der Stein wandert, kann eine Kolik wenige Minuten bis Stunden dauern. Harndrang, Schmerzen beim Wasserlassen oder sichtbares Blut im Urin können ebenfalls Anzeichen sein.

"Zeigen sich bei Problemen mit Nierensteinen Fieber und Schüttelfrost, ist dies ein Notfall, der sofort behandelt werden muss", so Knoll. Es kann zu einer lebensgefährlichen Blutvergiftung kommen.

Wie stellt der Arzt die Diagnose?

Die meisten Nieren- oder Harnsteine lassen sich durch eine Ultraschalluntersuchung auffinden. Manchmal ist eine Computertomografie (CT) notwendig. Auf eine Röntgenuntersuchung wird heute wegen der Strahlenbelastung in der Regel verzichtet. Zudem untersucht der Arzt den Urin und das Blut. So lässt sich abklären, ob die Nierenwerte stimmen, Harnsäure -und Kalziumwerte erhöht sind oder ob eine Infektion besteht.

Wie wird behandelt?

Je nach Lage und Größe geht der Arzt unterschiedlich vor. "Kleinere Steine von höchstens fünf Millimetern gehen meist innerhalb eines Monats von selbst ab", so Knoll. Daher reicht es oft aus, bei Beschwerden Schmerzmittel einzunehmen, viel Wasser zu trinken und abzuwarten. Das ist auch bei etwas größeren Steinen (höchstens zehn Millimeter) einen Versuch wert. Bei Bedarf können Medikamente gegeben werden, die die Muskulatur entspannen. Auch Wärme (Wärmflasche, Bad) hat diesen Effekt. Sinnvoll auch: sich bewegen, vorsichtig hüpfen etwa oder Treppen steigen. Wichtig: Steine beim Wasserlassen mit einem Sieb abfangen. Nur so lässt sich abklären, wie sie entstanden sind.

Größere Steine (über zehn Millimeter) müssen meist durch Schallwellen zertrümmert oder endoskopisch entfernt werden. Eine offene OP ist nur selten notwendig. Mit speziellen Medikamenten lassen sich lediglich Harnsäuresteine manchmal auflösen.

Lässt sich vorbeugen?

Einmal Nierenstein, wieder Nierenstein? Bei etwa einem Viertel bis zur Hälfte der Patienten ist das der Fall. Das Risiko lässt sich allerdings senken - durch ein paar einfache Maßnahmen:

Viel und regelmäßig trinken

Mindestens 2,5 Liter ungesüßte Flüssigkeiten wie Wasser pro Tag. Cola und andere Softdrinks hingegen sollten Sie besser meiden. Sie enthalten Phosphorsäure (Zusatzstoff E 338), was vermutlich die Bildung von Nierensteinen begünstigt. Gegen ein Glas Wein oder Bier sei ab und zu nichts einzuwenden, sagt Knoll. "Kaffee hemmt offenbar sogar die Steinbildung, durch den entwässernden Effekt." Auch Zitrussäfte - etwa eine selbstgemachte, kaum gesüßte Zitronenlimonade - sind gut, sie erhöhen die Citrat-Konzentration im Urin. Wichtig vor allem: "Regelmäßig trinken", so Knoll.

Ernährung umstellen

Ist einmal festgestellt worden, aus welchen Stoffen sich die Nierensteine zusammensetzen, kann man durch eine gezielte Ernährungsumstellung versuchen, deren Konzentration im Urin zu senken.

Mit Medikamenten vorbeugen

Reichen viel trinken und eine Ernährungsumstellung nicht aus, können auch Medikamente verschrieben werden. Sie senken gezielt die Konzentration bestimmter Salze im Urin. Sinnvoll sind sie, wenn das Risiko für weitere Nierensteine groß ist - etwa wenn die Steine erstmals in der Kindheit oder Jugend aufgetreten sind, eine familiäre Belastung besteht oder es eine Vorerkrankung gibt.

Wie sinnvoll sind Hausmittel?

Mancher Steingeplagte greift zu Natron, das meist in Backpulver enthalten ist. Ist das sinnvoll? "Der Wirkstoff ist hier Bikarbonat, das zu dem Steinhemmer Citrat verstoffwechselt wird", so Knoll. "Patienten mit schlechter Nierenfunktion erhalten Bikarbonat-Tabletten, chemisch ist das im Prinzip nicht viel anders als Backpulver. Es wirkt, indem es den pH-Wert anhebt." Allerdings: Es sorgt auch für Blähungen.

Dafür, dass Apfelessig oder Ingwer hilft, fehlen dem Urologen zufolge die Belege. Brennesseltee ist harntreibend und dadurch günstig - wenn insgesamt ausreichend Flüssigkeit aufgenommen wird. Mancher hofft auch, dass zusätzlich eingenommenes Magnesium steinhemmend wirkt. Doch auch hier gilt: "Das ist nicht belegt", sagt Knoll.

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