Noroviren Hat es einer, haben es alle

Das Norovirus arbeitet höchst effektiv: Jedes Jahr im Winter zwingt es Tausende Infizierte in die Knie. Kaum ein anderer Erreger ist so ansteckend und widerstandsfähig. So breitet er sich in Deutschland aus.
Hochansteckend: Für eine Norovirus-Infektion können zehn Viruspartikel ausreichen

Hochansteckend: Für eine Norovirus-Infektion können zehn Viruspartikel ausreichen

Foto: DPA/ Robert-Koch-Institut

Der dreijährige Henri brachte das Virus aus dem Kindergarten mit. Das sah man dem Kind zu dem Zeitpunkt freilich noch nicht an. Erst als er sich auf dem Weg in den Skiurlaub mehrfach schwallartig in seinen Kindersitz übergab, war klar: Der Junge ist krank. Henri hatte sich mit dem Norovirus angesteckt, das nach Ankunft in der Berghütte dominoartig die ganze Skigruppe aus 14 Erwachsenen und fünf Kindern in die Knie zwang.

"Typisch für das Norovirus", sagt Klaus Stark. Der Leiter des Fachgebiets Gastrointestinale Infektionen, Zoonosen und tropische Infektionen am Robert Koch-Institut muss es wissen, er beschäftigt sich hauptberuflich mit Magen-Darm-Keimen: "Das Norovirus ist ein perfekter Krankheitserreger." Perfekt im Sinne von hochansteckend. "Nur 10 bis 100 Viruspartikel braucht es, um sich anzustecken", sagt Stark. Eine sehr effektive Strategie, wenn man bedenkt, dass pro Durchfall oder Erbrechen mehrere Millionen Viruspartikel in Umlauf geraten.

Serie Infektionskrankheiten

In loser Reihenfolge stellen wir sieben wichtige Infektionskrankheiten vor. Darunter drei der häufigsten Durchfallerkrankungen (ausgelöst durch Salmonellen , Noroviren  und Rotaviren ), außerdem die Grippe , die Masern , die durch Zecken übertragene Frühsommermeningitis (FSME) und eine eher unbekannte Infektion mit einem ungewöhnlichen Übertragungsweg: die Hantaviruserkrankung , die von Rötelmäusen übertragen wird.

Außerdem ist das Virus extrem widerstandsfähig, auf Türklinken und Spielzeug kann es etliche Tage überleben und übersteht sowohl tiefe Temperaturen der Tiefkühltruhe als auch Hitze bis zu plus 60 Grad Celsius. Untersuchungen haben ergeben, dass Noroviren bis zu 14 Tage lang über den Stuhl  ausgeschieden werden können. Kein Wunder also, dass man dem Virus nur schwer entkommen kann, wenn es einen Mitmenschen aus der Familie, in der Skihütte oder auf der Kreuzfahrt erwischt hat. "Am besten man hält sich von erkrankten Personen fern", so Epidemiologe Stark.

Die Saison des Norovirus ist der Winter. Damit haben die Durchfallerreger das Jahr ganz gut unter sich aufgeteilt. Das Norovirus hat seinen saisonalen Gipfel im Dezember und Januar und schwächt sich danach wieder ab, während Rotavirusinfekte zunehmen und im April ihren Höhepunkt erreichen. Mit dem Sommer nehmen bakterielle Durchfälle zu: Salmonellen lieben Juli und August, genauso wie Campylobacter, dessen höchste Fallzahlen die RKI-Epidemiologen von Juli bis September verzeichnen.

Warum das Norovirus den Winter so gern mag, können die RKI-Forscher nicht genau erklären. "Das Virus befindet sich immer irgendwo in der Bevölkerung, aber es kommt eben nur zu bestimmten Zeiten zu einem deutlich messbaren Infektionsanstieg", sagt Stark. Im Winter eben, weshalb die Engländer den Infekt auch treffend "winter vomiting disease" nennen.

Kinder unter fünf Jahren trifft es besonders häufig, wie die nächste Grafik zeigt. In einem Alter, in dem noch alles in den Mund gesteckt wird, sind häufig auch Noroviren dabei. Aber auch ältere Menschen erkranken vermehrt an der durchschnittlich zweitägigen Infektion, weil viele an einem Norovirus-Lieblingsplatz leben: in Gemeinschaftseinrichtungen wie Seniorenwohnheimen und Pflegestationen. Todesfälle gibt es zum Glück nur selten.

Das Norovirus braucht den Menschen für die Vermehrung und Verbreitung - Küchenpersonal hat sich dabei als besonders effizient erwiesen, ein kranker Koch kann ein ganzes Salatbuffet verseuchen. Das wurde im Jahr 2012 auch chinesischen Lebensmittelproduzenten zum Verhängnis: Die widerstandsfähigen Erreger lassen sich hervorragend verpacken, verschiffen und lagern. So verursachten chinesische Tiefkühl-Erdbeeren damals einen riesigen Norovirusausbruch in Ostdeutschland, weil ein Caterer für Schulessen die kontaminierten Beeren zu Kompott verarbeitet hatte. Über 11.000 Kinder und Jugendliche bekamen Brechdurchfall.

Ein Blick auf die Deutschlandkarte zeigt Überraschendes: In den ostdeutschen Bundesländern tauchen mehr Norovirenfälle auf als im Westen. Das liege aber vermutlich nicht daran, dass sich dort mehr Menschen mit Noroviren infizieren, sagt Stark. "Mediziner machen dort wahrscheinlich mehr Laboruntersuchungen." Und da beispielsweise seit 2011 nur noch die laborbestätigten Fälle ans RKI gemeldet werden, erklärt das auch die seither leicht abfallenden Fallzahlen. "Prinzipiell haben wir sowieso eine sehr starke Untererfassung, eine hohe Dunkelziffer", sagt Epidemiologe Stark. Ganz einfach, weil die wenigsten mit ihrem von Noroviren verursachten Brechdurchfall zum Arzt gehen.

Obendrein machen Mediziner auch selten Erregeranalysen. "Die tatsächlichen Fälle liegen bis zu zehn Mal höher als die gemeldeten", vermutet Stark. Aber auch, wenn - wie bei allen Infektionskrankheiten - die aufgenommenen Daten nur ein Teil des Infektionsgeschehenes sind, lässt sich die reale Entwicklung trotzdem beurteilen, sagt Osamah Hamouda, Leiter der Abteilung Infektionsepidemiologie am RKI. "Das Gesundheitsverhalten der Menschen und das Meldeverhalten der Ärzte verläuft über die Jahre einigermaßen gleich und so können wir Trends, Abweichungen und Ausbrüche feststellen."

Eine Impfung - wie beispielsweise gegen Rotaviren - gibt es bisher nicht. "Es sind Impfstoffe in der Entwicklung", sagt Stark, "aber bis die marktreif sind, wird es noch einige Jahre dauern." Und da das Virus sich ganz ähnlich wie das Influenzavirus über die Zeit verändern kann, entwickeln die Menschen auch keine dauerhafte Immunität.

Zumindest eine Teilimmunität gibt es aber, tröstet Mediziner Stark. "Wenn man in einem Winter das Norovirus hatte, ist man doch ein paar Jahre einigermaßen geschützt gegen den gleichen oder verwandte Virustypen." So sind auch meistens die Fallzahlen in jenen Jahren erhöht, in denen eine neue Variante auftritt. Für die Saison 2015/2016 ist Stark vorsichtig optimistisch: "Es wurde zwar in der jetzt beginnenden Saison schon vereinzelt eine ungewöhnliche Virusvariante nachgewiesen - ganz neu ist die allerdings nicht."

Zur Autorin
Foto: Tinka und Frank Dietz

Kristin Hüttmann ist Diplom-Biologin und arbeitet als freie Wissenschaftsjournalistin in Hamburg. Zu ihren Schwerpunkten zählen Themen aus Medizin, Biologie, Biotechnologie, Gentechnik, Stammzell- und Pharmaforschung.

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