Krankenhausinfektionen Experten streiten über Zahl der Todesfälle

Tausende Menschen sterben jährlich an den Folgen einer Klinik-Infektion. Experten für Krankenhaushygiene gehen davon aus, dass die Zahl viel höher ist als bisher vermutet. Gesichert sind die Schätzungen aber nicht. Fest steht nur: Viele Fälle wären vermeidbar.
Multiresistente Bakterien (grafische Illustration): Klinikinfektionen sind in Deutschland ein großes Problem

Multiresistente Bakterien (grafische Illustration): Klinikinfektionen sind in Deutschland ein großes Problem

Foto: Corbis

Berlin - Jahr für Jahr werden in deutschen Krankenhäusern unzählige Leben gerettet. Doch es gibt eine Kehrseite der Medaille: In den Kliniken sterben auch Menschen - etliche aufgrund mangelnder Hygiene. Nosokomiale Infektionen, so lautet der Fachbegriff für jene Infektionen, die man während eines Krankenhausaufenthaltes erwirbt, sind ein drängendes Problem.

Wie groß das Ausmaß nosokomialer Infektionen jedoch wirklich ist, darüber streiten sich Experten unterschiedlicher Interessengruppen. Auch bei der Pressekonferenz, zu der die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH) am Freitag in Berlin geladen hatte, ist das erneut deutlich geworden: Laut einer Untersuchung der DGKH  muss man bundesweit von 900.000 nosokomialen Infektionen jährlich ausgehen. Demnach sterben pro Jahr rund 30.000 Menschen an einer solchen Klinikinfektion - weit mehr, als bisher angenommen. Diesen Zahlen aber widerspricht die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG).

Bisherige Schätzungen gingen von 10.000 bis 15.000 Todesfällen jährlich aus. Die DKG dagegen führt offizielle Zahlen seitens des Nationalen Referenzzentrums ins Feld und spricht von 2000 bis 4500 Patienten, die jährlich an einer vermeidbaren Klinikinfektion sterben.

"Jede vermeidbare Infektion ist eine zu viel"

Wer hat recht? Tatsächlich, das räumen beide Gesellschaften ein, gibt es keine exakten Zahlen. "Jede vermeidbare Infektion in Folge einer medizinischen Behandlung ist immer eine zu viel", sagt Georg Baum, Hauptgeschäftsführer der DGK, in einer Mitteilung . "Es ist aber unverantwortlich gegenüber den Patienten und wenig hilfreich für die Krankenhäuser, nicht gesicherte Annahmen über Todesfallzahlen in die Welt zu setzen."

Der Präsident der DGKH, Martin Exner, sagte auf der Pressekonferenz in Berlin: "Uns geht es nicht darum zu skandalisieren." Vielmehr müsse Abhilfe geschaffen werden - ganz gleich, ob man nun von höheren oder niedrigeren Opferzahlen ausgehe.

Bei den nosokomialen Infektionen handelt es sich meistens um Wund-, Harnwegs-, oder Atemwegsinfektionen (beispielsweise Lungenentzündungen). Eine Datenerhebung des Robert Koch-Instituts (RKI)  von 2012 in 134 deutschen Krankenhäusern kam zu dem Ergebnis, dass von insgesamt rund 39.700 Patienten im Erhebungszeitraum knapp fünf Prozent während des Krankenhausaufenthaltes eine Infektion erworben hatten.

Eine besonders große Rolle spielt dabei der Einsatz von Antibiotika - und die Zunahme multiresistenter Bakterien, gegen die Medikamente machtlos sind. Kann der Körper einen bakteriellen Infekt nicht in Schach halten, und helfen keine Medikamente, droht eine Sepsis, eine Entzündungsreaktion des Körpers, die tödlich enden kann.

Gesicherte Zahlen über nosokomiale Infektionen gibt es insbesondere deshalb nicht, weil die Beweislage schwierig ist. Laut DGKH lässt sich häufig nicht nachweisen, ob Ärzte oder Pfleger einen Patienten den gefährlichen Keimen beispielsweise beim Legen eines Katheters ausgesetzt haben. "Das sind Sekunden, in denen das passiert", sagte Klaus-Dieter Zastrow, Vorstandsmitglied der DGKH.

Die Gesellschaft fordert unter anderem die Länder dazu auf, mehr Geld in Gebäude und Ausstattung von Krankenhäusern zu investieren. Es brauche zudem weit mehr Personal, etwa in den Intensivstationen. Das Thema Krankenhaushygiene müsse außerdem eine sehr viel größere Rolle in der Ausbildung auch von Ärzten spielen.

cib/dpa