Zu viele Patienten Die Not der Notaufnahmen

Stundenlanges Warten, schlecht gelauntes Personal, pöbelnde Patienten. Die Notaufnahmen in Deutschland sind überfüllt. Ändern könnten das: die Kranken selbst.
Wartebereich einer Notaufnahme

Wartebereich einer Notaufnahme

Foto: Angelika Warmuth/ picture alliance / dpa

Im Wartezimmer sitzt ein alter Mann mit Krückstock. Er ist genervt, weil er nicht drankommt. "Ich dachte, das ist ein gutes Krankenhaus hier, aber siehst'e ja die Scheiße", sagt er zu seinem Sitznachbar. Der reagiert nicht, schaut teilnahmslos geradeaus, steht auf und geht rauchen.

Die Tür öffnet sich - Sanitäter rollen Patienten auf Tragen vom Krankenwagen vorbei.

Später tänzelt ein junger, athletischer Mann herein. "Du musst nicht hierbleiben", sagt er zu seinem Begleiter. Der Patient massiert sich den Nacken. Er hat sich offenbar beim Trainieren den Hals verknackst.

Notaufnahme der Charité in Berlin Mitte

Notaufnahme der Charité in Berlin Mitte

Foto: SPIEGEL ONLINE

Ein Drittel der Patienten gehört nicht in die Notaufnahme

Es ist ein ruhiger Mittwoch in der Notaufnahme der Charité in Berlin Mitte. "Wenn es hier richtig voll ist, geht die Tür nicht mehr zu", erklärt Marko Böhm. "Dann stehen die Rettungskräfte mit den Patienten Schlange. Parkplätze gibt es auch keine mehr." Böhm ist stellvertretender Leiter der Notaufnahme. 200 Patienten versorgen er und seine Kollegen hier an stressigen Tagen, bleibt es ruhig wie heute sind es hundert.

Ein Drittel bis knapp die Hälfte der Notaufnahmepatienten könnte genauso gut von niedergelassenen Ärzten versorgt werden. So steht es in einem Gutachten des Instituts für Angewandte Qualitätsförderung und Forschung im Gesundheitswesen (Aqua) . Insgesamt haben Notfallmediziner 2014 knapp 8,5 Millionen Fälle  gesetzlich Versicherter in Notaufnahmen ambulant behandelt, Tendenz steigend (siehe Grafik).

Mit Flip-Flop-Wunden in die Notaufnahme

Im Winter kämen die Leute schon mal mit Erkältungen in die Notaufnahme, erzählt Böhm. Im Sommer meldeten sich manche mit wunden Zehen vom Laufen in Flip-Flops. Das ganze Jahr über suchten Menschen mit Schlafstörungen, Haarausfall oder Hautproblemen die Notaufnahme auf. Beschwerden, die längst ein Facharzt hätte behandeln können.

Wann in die Notaufnahme, wann zum ärztlichen Notdienst?

Der ärztliche Not- oder Bereitschaftsdienst ist für alle dringenden Beschwerden zuständig, mit denen man normalerweise zum Hausarzt gehen würde. Zahnärzte haben einen gesonderten Bereitschaftsdienst.

Notaufnahmen sind für lebensbedrohliche Fälle zuständig oder wenn bleibende Gesundheitsschäden zu erwarten sind, falls der Patient nicht schnell behandelt wird. Der Fall ist das etwa nach schweren Unfällen oder bei Verdacht auf einen Herzinfarkt (Engegefühl und Schmerzen in der Brust) oder Schlaganfall (Taubheitsgefühl in Armen oder Beinen, Lähmungen).

Für Patienten, die bereits gesundheitlich angeschlagen sind oder tatsächlich dringend Hilfe brauchen, kann der Andrang der Bagatellfälle ernste Folgen haben. Anonym berichtet das Personal aus verschiedenen Notaufnahmen von miserablen Hygienezuständen. Sterbende Patienten würden auf Gängen allein gelassen. Aufgrund von Personalmangel arbeiteten unerfahrene Ärzte, die nicht in der Lage seien, kritische Fälle zu erkennen.

Im schlimmsten Fall könne es passieren, dass das Personal unter der Vielzahl von Patienten mit akutem, aber weniger dringlichem Behandlungsbedarf echte Notfälle übersieht, warnt Martin Möckel, der die Notaufnahme der Charité in Berlin Mitte leitet.

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Wer schnieft muss warten, warten, warten

Tobias Oetken beobachtet, dass oft gerade die Bagatellpatienten hohe Ansprüche stellen. Er ist leitender Pfleger der Notaufnahme im Altonaer Kinderkrankenhaus in Hamburg. "Beschwerden bekommen wir fast ausschließlich wegen langer Wartezeiten", sagt er. "Besorgte Eltern verstehen oft nicht, wenn Familien, die nach ihnen eingetroffen sind, vor ihnen drankommen." Manche beschimpfen das Personal.

Dabei gibt es für langes Warten in der Notaufnahme einen einfachen Grund. Um trotz des großen Andrangs keine echten Notfälle zu übersehen, haben viele Kliniken sogenannte Triage-Systeme eingeführt: Pfleger teilen die Patienten nach festen Kriterien in fünf Dringlichkeitsstufen ein (siehe Video). Wer Anzeichen eines Herzinfarkts oder Schlaganfalls zeigt, kommt sofort dran, wem die Nase läuft, der muss warten.

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Am Freitagnachmittag sitzen größtenteils harmlose Fälle im Wartezimmer des Altonaer Kinderkrankenhauses. Eine Frau mit Kinderwagen isst Chips aus der Tüte, Kinder malen auf einem Bildschirm oder spielen in einer Ecke mit Bauklötzen. Am Empfang schildern Eltern ihre Anliegen: Ein Säugling hat seit einigen Tagen Schnupfen, ein Mädchen sich Anfang der Woche den Fuß verknackst.

Was treibt sie in die Notaufnahme? Die Gründe sind vielfältig - oft sind die Eltern verunsichert oder wissen schlicht keinen anderen Rat.

Ärztlicher Bereitschafts... Was?

Das belegen auch Studien. In einer Umfrage unter gut 1000 Patienten , die eigenständig in die Notaufnahmen in Berlin gegangen waren, gab gut die Hälfte der Befragten an, den ärztlichen Bereitschaftsdienst, auch bekannt als ärztlicher Notdienst, nicht zu kennen. Eigentlich ist er für die ambulante Versorgung zuständig, wenn Haus- und Fachärzte geschlossen haben.

"Viele Patienten haben das Gefühl dafür verloren, was ein echter Notfall ist", sagt Jan Heinemeyer. Er ist Oberarzt der Abteilung für Pädiatrie am Altonaer Kinderkrankenhaus. Eine Rolle dabei spiele, dass Gesundheitsinformationen heute leicht verfügbar seien. "Probleme, für die die Oma einen einfachen Rat hätte, werden gegoogelt", so Heinemeyer. Das verunsichere am Ende jedoch mehr, als dass es Klarheit schaffe. Für viele Patienten - vor allem jüngere unter 35  - ist die Notaufnahme dann die einzig denkbare Option.

Auch die Studie aus Berlin zeigt, dass Patienten in den Notaufnahmen ihren eigenen Zustand häufig falsch einschätzen. So hielt sich die Hälfte der Patienten für sofort oder so schnell wie möglich behandlungsbedürftig. Weitere knapp 40 Prozent glaubten, noch am selben Tag einen Arzt sehen zu müssen. Gleichzeitig hatte mehr als die Hälfte der Erwachsenen erst gar nicht versucht, einen Haus- oder Facharzt zu erreichen.

Zuverlässige Ansprechpartner fehlen

Im Wartezimmer im Altonaer Kinderkrankenhaus wirken die meisten Menschen heute nicht verunsichert, sondern bestimmt. Den meisten ist klar, dass sie warten müssen, wenn sie mit vergleichsweise harmlosen Beschwerden herkommen. Das nehmen sie in Kauf. "Wir haben hier gute Erfahrungen gemacht, also kommen wir wieder", sagt eine Mutter.

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Sind also die Patienten Schuld daran, dass die Notaufnahmen kollabieren? Sicher nicht allein. Auch politische und wirtschaftliche Entscheidungen tragen dazu bei.

So gibt es beispielsweise immer weniger Krankenhäuser. Im Durchschnitt wurden seit 1991 etwa 20 pro Jahr geschlossen, gleichzeitig gibt es immer mehr Patienten. In einigen Regionen treffen so immer mehr Patienten auf immer weniger Notaufnahmen.

Auch an anderer Stelle hakt das System, was das Verhalten der Bagatellpatienten trotz aller Kritik nachvollziehbar macht. Das betrifft ganz praktische Dinge.

Notaufnahmen haben rund um die Uhr geöffnet und sind an einem festen Standort zu finden. Den ärztlichen Bereitschaftsdienst müssen kranke Patienten dagegen erst ausfindig machen. Gerade in ländlichen Regionen und in den neuen Bundesländern ist er oft in der Praxis des diensthabenden Arztes zu finden - also immer an einem anderen Ort. Notdienstpraxen mit festem Standort sind dort selten.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung hat bereits versucht, das System zu verbessern: Unter der Nummer 116117 können sich Patienten seit einigen Jahren außerhalb der Sprechzeiten deutschlandweit kostenlos informieren, welcher Arzt in ihrer Nähe Dienst hat. Bislang kennen die Nummer aber nur wenige.

112 oder 116117?

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Ein Argument für den Besuch der Notaufnahme kann die Initiative ohnehin schwer entkräften: Viele Menschen fühlen sich im Krankenhaus mit seinen vielen Fachabteilungen und Diagnosemöglichkeiten schlicht besser aufgehoben als beim ärztlichen Notdienst. Und während man beim Facharzt mitunter wochenlang auf einen Termin warten muss, wird man in der Notaufnahme noch am selben Tag untersucht.

Warum also schicken die Kliniken Bagatellpatienten nicht einfach weg? Zumal die ambulante Versorgung der Patienten im Gegensatz zur Behandlung auf Station ein Verlustgeschäft ist. Die Vergütung von etwa 32 Euro pro Fall könne die Kosten in einer Notaufnahme von etwa 120 Euro nicht ausgleichen, erklärt die Kassenärztliche Bundesvereinigung .

Die Krankenhäuser argumentieren, dass sie für jeden, der sich einmal in der Notaufnahme gemeldet hat, die Verantwortung tragen. Oft lässt sich erst bei der ersten Begutachtung abschätzen, wie dringend jemand behandelt werden muss. Dann ist er aber schon als Patient registriert.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung wirft den Kliniken dagegen vor, zu wenige Leute zum niedergelassenen Arzt zu schicken, weil die Krankenhäuser ihre Betten zum Teil mit Patienten füllten, die unnötigerweise aus der Notaufnahme stationär aufgenommen würden.

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Eine Anlaufstelle für alle

Lösen sollen das Problem nun sogenannte Portalpraxen, zentrale Anlaufstellen an den Krankenhäusern, die den Notaufnahmen vorgeschaltet sind. Sie sind Teil des Krankenhausstrukturgesetzes von Anfang 2016. In den Praxen soll geschultes Personal entscheiden, welche Patienten zum Hausarzt beziehungsweise ärztlichen Notdienst verwiesen werden können und welche ein Fall für die Notaufnahme sind.

Funktionieren kann das Konzept wohl nur, wenn es direkt neben den Notaufnahmen einen ärztlichen Bereitschaftsdienst gibt, am besten im gleichen Gebäude. Es sei wichtig, dass die Patienten weiterhin das Gefühl haben, im Umfeld des Krankenhauses behandelt zu werden, schreibt das Aqua-Institut.

"Am Wochenende haben wir tagsüber einen externen Kinderarzt vor Ort, der uns ambulante Patienten abnimmt", sagt der Hamburger Arzt Heinemeyer. "Wir machen gute Erfahrungen damit." Patienten zum nahegelegenen ärztlichen Notdienst zu schicken, gestalte sich dagegen schwierig. Seien sie einmal durch die Eingangstür gekommen, blieben sie im Gebäude.

Einheitliche Standards für Bereitschaftsärzte

An der Charité in Berlin Mitte bezweifeln viele Ärzte, dass der ärztliche Bereitschaftsdienst von Patienten künftig besser angenommen wird. Sie fordern, die ambulante Akutversorgung offiziell ins Krankenhaus zu integrieren. Man brauche neben niedergelassenen Ärzten und dem Krankenhaus einen dritten Sektor, der entsprechend finanziert werde, fordert Notaufnahmeleiter Möckel.

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Laut Aqua-Institut müssten zudem in ganz Deutschland einheitliche Qualitätsstandards und Fortbildungen für Haus- und Fachärzte eingeführt werden. Im ärztlichen Bereitschaftsdienst arbeiten Mediziner aus unterschiedlichen Fachrichtungen, die mitunter kaum Erfahrungen mit Verletzungen und Erkrankungen haben, die ihnen nachts oder am Wochenende begegnen. Oft fühlten sich Patienten nicht gut versorgt.

"Wir sind keine Premium-Kinderarztpraxis mit Service rund um die Uhr"

Den Vorschlag einiger Kassenärztlicher Vereinigungen, wieder eine Gebühr für Notaufnahmepatienten zu erheben, sehen die meisten Ärzte kritisch: "Im Zweifel verhindert der Vorstoß nur, dass Leute mit echten Beschwerden zu uns kommen", sagt Heinemeyer.

Auch mit mehr Personal lässt sich das Problem ihm zufolge nicht lösen. "Wozu? Damit es die Bagatellfälle noch gemütlicher haben?" Man sei nun mal keine Premium-Kinderarztpraxis mit Service rund um die Uhr und wolle es auch nicht werden.

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