Debatte um medizinische Versorgung NRW-Gesundheitsminister Laumann hält Krankenhausschließungen für angebracht

Jedes zweite Krankenhaus in Deutschland schließen - das hatte jüngst eine Studie gefordert. NRW-Gesundheitsminister Laumann signalisiert Unterstützung, von Innenminister Seehofer kommt scharfe Kritik.

Krankenhaus in Sachsen-Anhalt: Gibt es zu viele Kliniken?
Jens Wolf / DPA

Krankenhaus in Sachsen-Anhalt: Gibt es zu viele Kliniken?

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Der nordrhein-westfälische Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) hält Krankenhausschließungen für angebracht. "Es ist wahr, dass wir in Ballungszentren teilweise eine Überversorgung haben", sagt er in der aktuellen Ausgabe des SPIEGEL. Hintergrund der Debatte ist eine Studie der Bertelsmann-Stiftung, die empfiehlt, gut die Hälfte aller Krankenhäuser in Deutschland zu schließen, um die Qualität der Versorgung zu verbessern.

Diese Zahl erscheine ihm zwar "sehr hoch", er könne "das so nicht nachvollziehen", sagt Laumann. Aber es brauche durchaus "einen neuen Krankenhausplan, der sich an Struktur, Qualität und Fallzahlen ausrichtet. Insofern ist die Studie ein Diskussionsanstoß." Jeder Bürger wolle zu Recht eine gute Versorgung in seiner Region. "Das heißt für mich: Ein Rettungswagen sollte innerhalb von 30 Minuten eine Intensivstation erreichen. Aber für spezielle Krankheiten kann es nicht vor jeder Haustür eine Fachklinik geben."

Kritik von Horst Seehofer

In der Studie der Bertelsmann-Stiftung hatten die Autoren erklärt, dass sich viele Komplikationen und Todesfälle vermeiden ließen, wenn das Gesundheitssystem Ärzte, Pflegepersonal sowie Geräte in wenigen Kliniken bündeln würde. Kleine Kliniken hätten dagegen häufig nicht die nötige Ausstattung und Erfahrung, um lebensbedrohliche Notfälle wie einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall angemessen zu behandeln.

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) hingegen kritisiert die Krankenhausstudie, die eine Schließung von gut 800 Kliniken in Deutschland empfohlen hatte. Die Bertelsmann-Untersuchung habe sich auf eine Region fokussiert, die Ergebnisse könnten nicht einfach auf die unterschiedlichen bundesweiten Gegebenheiten in Städten und ländlichen Räumen übertragen werden, so der CSU-Politiker. "Wir brauchen überall da, wo die Menschen in Deutschland leben, eine gute medizinische Versorgung", sagte Seehofer dem SPIEGEL. "Das ist für mich für die Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse unabdingbar. Alle Verantwortlichen müssen kreative Ideen vor Ort entwickeln und umsetzen."

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insgesamt 53 Beiträge
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Seite 1
thoerty 19.07.2019
1. Telemedizin
könnte helfen, Spitzenmedizin einerseits und eine wohnortnahe Grundversorgung andererseits zu vereinen. Dafür müsste aber die Finanzierung der Krankenhäuser wieder auf die Daseinsvorsorge fokussieren und das Rennen um möglichst große Eingriffszahlen aufhören.
runner 19.07.2019
2. Dazu
Zitat von thoertykönnte helfen, Spitzenmedizin einerseits und eine wohnortnahe Grundversorgung andererseits zu vereinen. Dafür müsste aber die Finanzierung der Krankenhäuser wieder auf die Daseinsvorsorge fokussieren und das Rennen um möglichst große Eingriffszahlen aufhören.
gehört dann ein Breitbandanschluss der gerade im ländlichen Raum benötigt aber in der Regel nicht vorhanden ist. Hängt eben alles mit allem zusammen.
urmel_99 19.07.2019
3. Die Bertelsmann-Untersuchung habe sich auf eine Region fokussiert...
Heißt das, dass die sich Hamburg angesehen haben, und dann beschlossen, dass es in der Lausitz und in MeckPomm zuviele Krankenhäuser gibt? Gibt es auch genauere Informationen zu dieser Studie? (Link?)
jla.owl 19.07.2019
4. an der Realität vorbei...
...es sind doch nicht nur Patienten, die mit dem RTW in die Klinik kommen. Viele Patienten suchen die Notaufnahmen selbst auf, kommen mit Bus, Taxi, Angehöhrigen, Freunden. Wenn wir denen den Weg verlängern (wenn Laumann von 30 Minuten mit Blaulicht spricht, ist das unter normalen Bedingungen mehr als eine Stunde). Bertelsmann sitzt in Gütersloh, da gibt es mehrere Klinken. Eine verfügt z.B. über eine durch Liz Mohn unterstützte Stroke-Unit, das heißt aber nicht, dass die anderen Klinken in der Umgebung nicht andere Spezialgebiete haben. Aber wenn dort nur noch eine Klinik existieren sollte, müsste diese auf mehr als das Doppelte ausgebaut werden und den Rest kann man abreißen. Oder sollte dann etwa nur die Leitung der anderen abgegeben werden, bei Beibehaltung der derzeitigen Standorte?
mumuwilli1975 19.07.2019
5. hmhm
wie soll das funktionieren, wenn man jetzt schon an die 5-10 Stunden warten muss? Andererseits würde ich Krankschreibung etc über das Internet befürworten. Ich habe gerade eine fette Erkältung mit Fieber. Zum Arzt gehe ich nicht, weil ich zu schlapp bin und ich alle mitanstecken könnte.
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