Datenbank "Null-Euro-Ärzte" Welche Mediziner lehnen Pharmazahlungen ab?

Ärzte können offenlegen, wie viel Geld sie von Pharmafirmen bekommen. Wer nichts erhält, ist bislang aber nicht erkennbar. SPIEGEL ONLINE und "Correctiv" ermöglichen es Heilberuflern jetzt, sich in eine "Null-Euro-Ärzte"-Datenbank einzutragen.
Von Markus Grill und Stefan Wehrmeyer

575 Millionen Euro haben Pharmakonzerne in Deutschland im Jahr 2015 an Ärztinnen und Ärzte sowie andere Heilberufler gezahlt. Das Geld floss für Vortragshonorare, Reisespesen, für Anwendungsbeobachtungen oder als Honorar für die Durchführung von Studien. Im Juni 2016 veröffentlichten die Pharmaunternehmen erstmals die Namen von Ärzten und Heilberuflern, die Geld oder geldwerte Vorteile erhalten hatten.

Solche Zahlungen von Pharmaunternehmen an Mediziner sind umstritten: Eine Vielzahl von Studien belegt, dass Ärzte, die Gelder von den Konzernen erhalten oder sich einladen lassen zu Kongressen und anderem, häufiger zum Rezeptblock greifen und zudem teurere Medikamente verordnen.

2010 beschloss die US-Regierung unter Barack Obama im sogenannten Sunshine Act, dass Pharmaunternehmen ihre Zahlungen an US-Mediziner jedes Jahr namentlich veröffentlichen müssen. Eine solche Regelung wollten die Konzerne in Europa verhindern. Deshalb erklärten sie im vergangenen Jahr, diese Transparenz hierzulande freiwillig zu leisten.

Nur 29 Prozent der Ärzte sind transparent

Das Problem: Ärzte in Europa müssen zustimmen, dass ihr Name in Verbindung mit den an sie geleisteten Zahlungen veröffentlicht wird. Wer sich an der Transparenzinitiative nicht beteiligen will, für den bleibt alles beim Alten. Diese Möglichkeit nutzten 2016 viele Ärzte: Unter jenen, die Zahlungen erhielten, waren nach Berechnungen von SPIEGEL ONLINE und dem Recherchezentrum "Correctiv" nur 29 Prozent mit einer Veröffentlichung einverstanden.

Das heißt auch: Von 71 Prozent der Ärzte, die Zuwendungen erhalten hatten, erfährt die Öffentlichkeit nicht, wie hoch die Zahlungen waren und wofür sie verwendet wurden.

Ebenso wenig ist erkennbar, wenn Ärztinnen oder Ärzte gar keine Verbindungen zur Pharmaindustrie unterhalten. Bei allen Ärzten, die nicht in der Datenbank stehen, kann dies also zweierlei bedeuten: Entweder hat der Arzt oder die Ärztin kein Geld erhalten, oder er oder sie will nicht, dass die Pharma-Honorare bekannt werden und hat einer Veröffentlichung nicht zugestimmt.

Ein Außenstehender weiß also nicht, ob derjenige keinerlei finanzielle Beziehungen zur Pharmaindustrie hat - oder ob er nicht will, dass seine Verbindungen bekannt werden.

Im vergangenen Jahr haben SPIEGEL ONLINE und "Correctiv" die Daten jener Ärzte, die mit der Nennung ihres Namens einverstanden waren, erstmals in einer Datenbank zusammengeführt und veröffentlicht. Danach meldeten sich viele Ärzte, die gern mit dem Eintrag "null Euro" in dieser Datenbank auftauchen wollten, weil sie Wert darauf legen, vor Patienten und Kollegen zu dokumentieren, kein Geld von Pharmafirmen anzunehmen.

Die Pharmaindustrie hat für dieses Problem keine Lösung. Sie kennt nur die Namen jener Ärzte und Heilberufler, denen sie Geld überweist.

Deshalb starten SPIEGEL ONLINE und "Correctiv" jetzt das Projekt "Null-Euro-Ärzte".  Hier können sich jene Mediziner eintragen, die im zurückliegenden Jahr kein Geld von der Pharmaindustrie angenommen haben. Diese Ärzte erscheinen künftig in unserer "Euros für Ärzte"-Datenbank mit dem Betrag "0 Euro".

FAQ: Die wichtigsten Fragen für interessierte Ärztinnen und Ärzte

Mehrere Ärzteorganisationen haben das Projekt von Beginn an unterstützt. Dazu zählen etwa die Initiative kritischer Ärzte Mezis ("Mein Essen zahl' ich selbst"), ebenso wie der Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte (VdÄÄ). Ab sofort können sich alle Mediziner und Fachkreisangehörige in Deutschland in die neue Datenbank eintragen .

Die Autoren sind Redakteure des Recherche­zentrums Correctiv. Die Redaktion, mit der SPIEGEL ONLINE kooperiert, finanziert sich ausschließlich über Spenden und Mitgliedsbeiträge. Ihr Anspruch: Mit gründlicher Recherche Missstände aufzudecken und unvoreingenommen darüber zu berichten. Wenn Sie Correctiv unterstützen möchten, werden Sie Fördermitglied. Informationen finden Sie unter Correctiv-Website .

Wie wird überprüft, ob meine Angaben richtig sind?

Wir nehmen Sie beim Wort. Sie versichern, dass Sie im Jahr 2015 oder 2016 keine finanziellen Zuwendungen bekommen haben von einem Pharmaunternehmen, das der Freiwilligen Selbstkontrolle Arzneimittelindustrie (FSA) angehört. Nach dem aktuell gültigen FSA-Kodex können nur Honorare für Vorträge, Spesen und Fortbildungen veröffentlicht werden. Wenn Sie ankreuzen, in diesen Bereichen keine Zuwendungen erhalten zu haben, überprüfen wir, ob Ihr Name in den Veröffentlichungen der FSA-Firmen auftaucht. Wenn Sie zum Beispiel für das Jahr 2016 doch in der FSA-Liste aufgelistet sind, können Sie nicht gleichzeitig in der Liste der Null-Euro-Ärzte auftauchen. Denkbar ist aber, dass Sie 2015 in der FSA-Liste auftauchen, 2016 aber in der Null-Euro-Liste.

Muss ich auch Honorar angeben, das ich für Anwendungsbeobachtungen erhalten habe?

Die im FSA-Kodex zusammengeschlossenen Firmen veröffentlichen keine Namen von Ärzten, die Honorar für die Durchführung von Anwendungsbeobachtungen (AWB) bzw. Nicht-Interventionellen-Studien (NIS) erhalten haben. Dies wird zwar häufig kritisiert, weil gerade AWBs umstritten sind, da ihr Zweck meist darin besteht, einem Arzt dafür Geld zukommen zu lassen, dass er ein bestimmtes Medikament seinen Patienten verordnet.

Aber die Industrie bleibt beim Thema AWBs intransparent. Das heißt: Wenn Sie als Arzt im vergangenen Jahr 10.000 Euro für AWBs bekommen haben und dann noch mal an einer Fortbildungsveranstaltung im Wert von 200 Euro teilgenommen haben, veröffentlichen die Pharmaunternehmen unter Ihrem Namen nur die 200 Euro. Wir halten dieses Vorgehen für fragwürdig und ermöglichen es Ärztinnen und Ärzten deshalb, zusätzlich anzugeben, dass sie auch kein Honorar für AWBs angenommen haben.

Ich bin kein Arzt, sondern Krankenschwester oder Apotheker. Kann ich mich auch eintragen in Ihre Liste?

Ja, denn die Pharmafirmen schließen in ihr Transparenzprojekt ausdrücklich Angehörige der Fachkreise ein. Dazu gehören auch Pflegekräfte, Apotheker und sogar Mitarbeiter von Krankenkassen. Der FSA definiert Fachkreisangehörige wie folgt: "'Angehörige der Fachkreise' sind die (...) hauptberuflich tätigen Ärzte und Apotheker sowie alle Angehörigen medizinischer, zahnmedizinischer, pharmazeutischer oder sonstiger Heilberufe und sämtliche andere Personen, die im Rahmen ihrer beruflichen Tätigkeit Humanarzneimittel verschreiben oder anwenden oder mit diesen in erlaubter Weise Handel treiben. Hierzu zählen auch Mitarbeiter öffentlicher Stellen oder Mitarbeiter der Kostenträger, die bei dieser Stelle dafür verantwortlich sind, Arzneimittel zu verschreiben, zu beziehen, zu liefern, zu verabreichen oder über die Erstattungsfähigkeit von Arzneimitteln zu entscheiden, sowie Mitarbeiter der Mitgliedsunternehmen, die neben ihrer Tätigkeit für das Unternehmen hauptberuflich als praktizierende Ärzte, Apotheker oder andere Angehörige der Fachkreise tätig sind, nicht aber diejenigen Ärzte, Apotheker oder andere Angehörigen der Fachkreise, die für Mitgliedsunternehmen hauptberuflich tätig sind."

--> Ab wann werden die Daten veröffentlicht?

SPIEGEL ONLINE und "Correctiv" werden die ersten Namen der "Null-Euro-Ärzte" demnächst veröffentlichen  und die Datenbank dann fortlaufend aktualisieren.

Hier geht es direkt zur Registrierung der "Null-Euro-Ärzte". 

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