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07. April 2013, 11:36 Uhr

Krankenhausbehandlungen

Weltmeister im künstlichen Hüftgelenk

Deutsche Patienten werden so häufig in Kliniken behandelt wie in kaum einer anderen Industrienation. Das zeigt ein neuer OECD-Bericht. Die Autoren kritisieren fehlende Kontrollen und Anreize im deutschen Gesundheitssystem.

Berlin - In Deutschland werden Patienten so oft im Krankenhaus behandelt wie in kaum einer anderen Industrienation. Spitzenreiter ist die Bundesrepublik bei der Therapie von Herz-Kreislauf-Krankheiten und dem Einbau künstlicher Hüftgelenke. Auch bei der Krebstherapie und dem Einsetzen künstlicher Kniegelenke liegt Deutschland international in der Spitzengruppe, zeigt ein Bericht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD).

Die OECD-Erhebung dient als Vorlage für eine Konferenz zur Entwicklung der Behandlungszahlen in Krankenhäusern mit Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) am Donnerstag. Nur in Österreich gibt es demnach noch mehr Klinikbehandlungen pro Kopf als hierzulande.

Im Bericht heißt es, in Deutschland sei die Finanzierung der Krankenhäuser weniger gedeckelt und werde schwächer kontrolliert als in vielen anderen OECD-Mitgliedsländern. Die Fallpauschalen (DRG), nach denen die Kliniken ihre Kosten von den Krankenkassen ersetzt bekommen, würden in Deutschland im Vergleich zu anderen Nationen weniger als Steuerungsinstrument für die Krankenhausbudgets verstanden. Für die Regierungen der deutschen Bundesländer gäbe es kaum einen Anreiz, die Krankenhauskapazitäten zu rationalisieren, selbst wenn das inhaltlich sinnvoll sei. Schließlich gelte es, die verfügbaren und hochwertigen Daten zu nutzen, um die Finanzierung des Gesundheitssystems besser zu steuern.

AOK warnt vor unnötigen Operationen

Die AOK warnte, dass dort, wo es besonders lukrativ sei, am ehesten unnötig operiert werde. "Zunehmend berichten auch Patienten über ihre Unzufriedenheit und Erfahrungen mit fragwürdigen Eingriffen", sagte der geschäftsführende Vorstand des AOK-Bundesverbands, Uwe Deh. "Zwischen den Krankenhäusern herrscht außerordentliche Konkurrenz." Das dürfe nicht auf dem Rücken der Patienten ausgetragen werden.

Bahr aber löse keine strukturellen Probleme. "Nach der Bundestagswahl müssen Bund und Länder zu einer grundlegenden Krankenhausreform kommen", forderte Deh. Viele Kliniken seien auch wenig erfolgreich in der Behandlung. "Unsere Qualitätsmessungen zeigen, dass rund 20 Prozent der Kliniken schlecht abschneiden."

Kliniken kritisieren OECD-Bericht

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) warf Deh vor, in beschämender Weise an den Leistungen der Ärzte und Pflegekräfte in der stationären Patientenversorgung herumzunörgeln. Die Krankenkassen wollten ihren Überschuss in Höhe von rund 30 Milliarden Euro horten, sagte DKG-Präsident Alfred Dänzer. "Die Krankenhausausgaben sind gemessen an den Gesundheitsausgaben in Deutschland über die Jahre konstant geblieben."

Zugleich wird von Krankenhausvertretern die Aussagekraft der OECD-Erhebung in Zweifel gezogen. So weise Deutschland trotz seines Spitzenplatzes im Niveau der Versorgung nur durchschnittliche Kosten auf, wenn man diese am Anteil der Krankenhausausgaben am Bruttoinlandsprodukt messe, heißt es aus Kreisen der DKG.

OECD: Gute Versorgung, falsche Wachstumsanreize

Die Autoren des OECD-Berichts heben allerdings auch positive Ergebnisse ihrer Analyse hervor: Deutschlands Krankenhäuser würden der Bevölkerung eine bessere Versorgung bieten als in vielen anderen OECD-Ländern. Das gelte auch, wenn man die Unterschiede zwischen den Nationen hinsichtlich Alter, Krankheitshäufigkeiten, gesellschaftlicher Vorlieben und dem Zugang zu medizinischer Versorgung berücksichtige.

Dem deutschen Gesundheitssystem unterstellt der Bericht die Finanzkraft, der Bevölkerung auch weiterhin Krankenhäuser leicht zugänglich zu machen. Allerdings drohten Anreize zur Überversorgung. Daher müsse es eine Diskussion darüber geben, ob die Masse der vorgehaltenen Behandlungskapazität in deutschen Kliniken medizinisch angemessen sei.

Der OECD-Bericht betont, es sei eine Stärke des deutschen Gesundheitssystems, dass Patienten leicht Zugang zur Behandlung im Krankenhaus hätten - anders als in vielen anderen OECD-Ländern. Trotzdem seien die hohen Zahlen der Krankenhausentlassungen Grund zur Sorge. Da die Bevölkerung altere, sei es absehbar, dass vor allem chronische Krankheiten das Problem der Zukunft sein würden. Deshalb sei es wichtig, sich neben der Versorgung in Kliniken auch um die Versorgung chronisch Kranker außerhalb des Krankenhauses zu kümmern. Politik, Krankenkassen und Krankenhäusern raten die OECD-Autoren, das Wachstum der Kliniken zu beschränken.

dba/dpa

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