Intergeschlechtliche Kinder kommen mit nicht eindeutig medizinisch zuzuordnenden Geschlechtsmerkmalen auf die Welt
Intergeschlechtliche Kinder kommen mit nicht eindeutig medizinisch zuzuordnenden Geschlechtsmerkmalen auf die Welt
Foto: Julia Forsman / Stocksy United

OP-Verbot für intergeschlechtliche Kinder »Die Kinder sollen sich selbst für ein Geschlecht entscheiden können«

Bisher konnten Eltern intergeschlechtlicher Kinder nach der Geburt entscheiden, ob ein weibliches oder männliches Geschlechtsorgan entfernt werden soll. Was sagt der Experte zum Verbot dieser Praxis?
Ein Interview von Katherine Rydlink

SPIEGEL: Herr Seikowski, Sie begutachten seit den Achtzigern trans* und inter*Kinder psychologisch. Wenn eindeutig ist, dass die Kinder unter ihren körperlichen Geschlechtsmerkmalen leiden, raten Sie zu einer Hormontherapie oder sogar einer geschlechtsangleichenden Operation. Der Bundestag hat nun entschieden, dass geschlechtsangleichende OPs bei Kindern verboten werden sollen. Ist das ein Rückschlag?

Kurt Seikowski: Keineswegs, für diese Entscheidung haben wir lange gekämpft. Man muss zunächst zwischen inter* und trans* unterscheiden. Inter*Kinder kommen mit nicht eindeutig ausgeprägten Geschlechtsmerkmalen auf die Welt, etwa mit einer Vagina und einem Penis. Trans*Kinder haben in der Regel ein eindeutiges Geschlechtsmerkmal, das ihnen bei der Geburt auch zugeordnet wird. Sie fühlen sich jedoch als das andere Geschlecht – oder dazwischen. Das OP-Verbot gilt jetzt für inter*Kinder. Bisher war es nämlich so, dass man den Eltern das Recht zugesprochen hat, nach der Geburt zu entscheiden, welches der Geschlechtsmerkmale beibehalten werden soll. Dann wurde entweder der Penis operativ entfernt oder die Vagina zugemacht. Doch dann kann es natürlich sein, dass das Kind sich in genau die andere Richtung entwickelt.

Inter* und Trans*

Intergeschlechtlich: Eine mögliche Selbstbezeichnung von Menschen, die mit Variationen der körperlichen Geschlechtsmerkmale geboren werden. Das heißt, sie entsprechen nicht eindeutig den medizinischen Normen, die für das weibliche und männliche Geschlecht festgelegt wurden.

Häufig wird auch der Begriff »intersexuell« verwendet. Er wird jedoch von vielen Betroffenen abgelehnt, da die körperlichen Geschlechtsmerkmale nicht unbedingt etwas mit der Sexualität zu tun haben.

Intergeschlechtliche Menschen wurden in der Vergangenheit häufig auch »Zwitter« oder »Hermaphrodit« genannt. Heute werden diese Bezeichnungen jedoch als abwertend empfunden.

Transgeschlechtlich: Menschen, deren Geschlechtsidentität nicht oder nur teilweise dem Geschlecht entspricht, das bei Geburt in ihre Geburtsurkunde eingetragen wurde. Bei einigen Betroffenen ist der damit verbundene Leidensdruck so groß, dass sie ihre körperlichen Geschlechtsmerkmale mit Hormontherapien und/oder Operationen angleichen.

Inter*: Ein emanzipatorischer Oberbegriff für die Vielfalt intergeschlechtlicher Körperlichkeiten und Realitäten, der unter anderem Selbstbezeichnungen wie intergeschlechtlich, intersex, zwischengeschlechtlich, Hermaphrodit, Zwitter, intergender oder intersexuell umfasst.

Trans*: Ein Sammelbegriff für ganz unterschiedliche Menschen, deren Geschlechtsidentität nicht unbedingt derjenigen entspricht, die ihnen nach der Geburt zugeteilt wurde. Es gibt auch trans* Personen, die sich weder als Mann noch als Frau identifizieren.

Einige der Begriffe sind umstritten. Deshalb ist es immer wichtig, darauf zu achten, wie eine Person über sich selbst spricht.

Quellen: Trans-Inter-Beratungsstelle , Genderdings 

SPIEGEL: Was ist Ihr Ziel?

Seikowski: Die Kinder sollen sich selbst für ein Geschlecht entscheiden können. Mit dem Gesetz wird das Recht auf Selbstbestimmung gestärkt: Erst einmal anschauen, wie das Kind sich entwickelt und welcher Geschlechtsidentität es sich denn überhaupt zugehörig fühlt. Oder ob es nicht-binär leben möchte, also sich weder männlich noch weiblich fühlt. Das entscheidet sich dann meist bereits im Vorschulalter.

SPIEGEL: Für Eltern und auch die betroffenen Kinder ist es wahrscheinlich sehr schwierig, wenn sie die oft gestellte Frage »Junge oder Mädchen?« dann nicht eindeutig beantworten können.

Seikowski: Das stimmt, da ist unsere Gesellschaft manchmal noch sehr intolerant. Das fängt schon bei Situationen in der Schule an: Lehrer wollen die Kinder in Mädchen und Jungen einteilen. Ich treffe auch immer wieder auf Eltern, die es ablehnen, wenn ihre Kinder inter* oder trans* sind. Mütter machen sich zum Beispiel häufig Vorwürfe und denken, sie haben etwas in der Schwangerschaft falsch gemacht. Oder sie tun das Verhalten ihres Kindes ab, schimpfen es sogar aus, wenn es als Junge Frauenkleidung trägt. Das kommt oft auf den individuellen Kontext an und natürlich spielt auch Scham oder Angst davor, was die Nachbarn sagen, eine Rolle. Doch gleichzeitig gibt es inzwischen auch sehr viele Eltern, die ihr Kind so akzeptieren, wie es ist.

Zur Person
Foto: Stefan Straube / UKL

Dr. Kurt Seikowski ist Diplompsychologe und Psychologischer Psychotherapeut am Universitätsklinikum Leipzig (UKL). Seit den Achtzigern macht er unter anderem Verlaufsbeurteilungen bei trans*Personen, die eine Geschlechtsangleichung oder eine Hormontherapie in Betracht ziehen. Er ist Mitglied des Transgender-Netzwerks am UKL, das trans*Menschen psychotherapeutisch und medizinisch begleitet.

SPIEGEL: Was können Eltern tun, um ihr Kind zu unterstützen und ihm eine freie Entwicklung zu ermöglichen?

Seikowski: Es gibt viele Betroffenengruppen , den Austausch empfinden die meisten Eltern als sehr positiv. Ansonsten ist Akzeptanz ganz wichtig: Wenn das Kind kurze Haare will, ist das okay, wenn es Mädchenkleider anziehen will, dann ist das auch okay. Man sollte die Kinder einfach machen lassen. Oft sagt dieses Verhalten auch viel darüber aus, welchem Geschlecht sich ein Kind zugehörig fühlt.

SPIEGEL: In dem Gesetzentwurf wird keine bestimmte Altersgrenze für die Einwilligungsfähigkeit festgelegt. Ab wann kann ein Kind selbst entscheiden, ob es eine geschlechtsangleichende OP möchte?

Seikowski: Das ist individuell sehr unterschiedlich, daher ist es gut, dass es keine Altersgrenze gibt. Es gibt Kinder, die entwickeln sich früher und es gibt sogenannte Spätzünder. Meist beschäftigen sich Kinder bis zur Pubertät nur sehr wenig mit der eigenen Geschlechterrolle. Diese ist durch andere vorbestimmt, durch die Gesellschaft oder die Eltern – Jungs bekommen Hosen angezogen und Mädchen Kleider. Anzeichen dafür, welchem Geschlecht sich ein Kind selbst zugehörig fühlt, gibt es wie gesagt meist schon im Kleinkindalter. Doch erst in der Pubertät entwickelt sich ein Leidensdruck, wenn sich etwa Brüste entwickeln und das Kind merkt, dass es das gar nicht will. Die Pubertät ist daher ein wichtiger Zeitpunkt, denn da kann man dann auch ganz viel mit Hormonbehandlungen machen, um dem entgegenzusteuern.

SPIEGEL: Wenn ein körperliches Geschlechtsmerkmal erst einmal entfernt ist, lässt sich der Eingriff nur sehr schwer rückgängig machen. Wie können Sie als Psychotherapeut ausschließen, dass es »nur eine Phase« ist?

Seikowski: In meiner gesamten Laufbahn sind mir nur sehr wenige Fälle bekannt geworden, in denen eine Geschlechtsangleichung bereut wurde – auch wenn es solche Fälle natürlich gibt. Bei der Begutachtung lerne ich immer die Kinder kennen und versuche mir ein Bild ihrer Lebenssituation zu machen. Dabei orientiere ich mich auch an psychologischen Fragebögen, um auszuschließen, dass ein anderes psychisches Leiden vorliegt und das Kind überhaupt dazu fähig ist, seine eigene Lebenslage zu beurteilen. Ich hole auch immer die Eltern mit ins Boot, die kennen ihr Kind am besten. Und meist haben sie ein paar Geschichten, die viel aussagen, zum Beispiel über das Spielverhalten. Eine Frage, die ich den Kindern immer stelle, ist, welche Geschlechtsidentität sie denn in ihren Lebenslauf schreiben würden. Und da staune ich immer wieder, wie eindeutig sie das beantworten können.