Fotoserie über Organhandel in Indien "Sie schämen sich, über ihre Erfahrungen zu sprechen"

Um schnell an Geld zu kommen, verkaufen besitzlose Inder ihre Nieren. Ein Ausweg aus der Armut ist das aber für die wenigsten.

Gonçalo Fonseca

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Als Tagelöhner verdient Basav am Tag umgerechnet rund drei Euro. Um die Mitgift seiner Tochter nach der Hochzeit bezahlen zu können, haben sowohl er als auch seine Frau und sein Sohn eine ihrer Nieren verkauft.

Was nach einer ungewöhnlichen Maßnahme klingt, ist in Indien unter der armen Bevölkerung keine Seltenheit. Menschen, die unbedingt Geld brauchen, verdienen es mit ihren eigenen Organen. Der Fotograf Gonçalo Fonseca las vor zwei Jahren einen Artikel über Organhandel in Indien und wollte mehr darüber wissen. Mehrere Monate recherchierte er, bis er schließlich in das südasiatische Land reiste. Auch in anderen Ländern wie den Philippinen und Brasilien ist die Praxis gängig.

Seit 1994 versucht die indische Regierung, die Transplantation von Organen gesetzlich zu regeln. So wurde etwa ein Gremium aus Sachverständigen eingesetzt, das jede Entnahme und Vergabe genehmigen soll. Allerdings können auch diese Experten oft nicht eindeutig nachweisen, ob eine Spende rechtens ist - der illegale Handel ist bislang nicht gestoppt.

Wer verkauft seine Niere?

Laut Fonseca sind es oft Tagelöhner, Fischer, Bauern - meist Menschen, die kein festes Einkommen haben und schnell eine große Menge Geld benötigen. Der Fotograf traf Menschen, die durch einen Tsunami ihren gesamten Besitz verloren haben, eine Frau, die ihre Krankenhausrechnungen anders nicht hätte begleichen können, aber auch einen Mann, der sein Haus verpfändete, um ein Organ zu kaufen.

Medienberichten zufolge werden jährlich mehr als 1000 Nieren aus Indien in andere Länder verkauft. Genau Aussagen können aber aus Mangel an verifizierten Quellen, nicht getroffen werden. Eine hohe Dunkelziffer an unentdeckten Fällen ist sehr wahrscheinlich. Denn der Bedarf ist hoch: Im Jahr 2016 wurden weltweit laut Schätzungen vom Global Observatory on Donation and Transplantation fast 136.000 Transplantationen durchgeführt. Davon waren fast 90.000 Nierenspenden, die von Lebenden oder Verstorbenen kamen.

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Geld gegen Niere: Organhandel in Indien

In der südindischen Stadt Chennai dauerte es mehrere Monate, bis Fonseca Menschen fand, er recherchierte zunächst allein. Er ging an Orte und in Viertel, über die er in Zeitungsartikeln gelesen hatte, sprach dort mit vielen Menschen, die er nach Betroffenen fragte. In Westbengalen bekam er Hilfe von einer lokalen NGO.

Weniger Geld als versprochen erhalten

20 Betroffene machte der Fotograf auf seiner Reise ausfindig. Auch wenn die meisten ihre Niere freiwillig abgegeben hatten, waren sie ausgenutzt worden. "Die Händler verwenden gewissenlose Tricks, um die Menschen davon zu überzeugen, ihre Organe zu verkaufen", sagt der Fotograf. "Sie behaupten beispielsweise, dass ihre Niere nachwachse oder versprechen ihnen viel mehr Geld, als sie ihnen tatsächlich geben."

Wie viel Geld die Menschen für ihr Organ erhielten, war unterschiedlich. Im Durchschnitt lag der Preis bei den 20 Personen, die Fonseca traf, bei 1250 Euro. Vielen war von den Vermittlern ein viel höherer Betrag versprochen worden, manche Spender wurden nach der Transplantation komplett um die Zahlung betrogen.

Mehrere Betroffene wurden nach der Operation zudem nicht ausreichend medizinisch versorgt, weil die Händler Geld sparen wollten und die Kosten für die Nachbetreuung im Krankenhaus nicht übernahmen. Das medizinische Risiko des Eingriffs trugen die Organspender allein, die meisten haben keine Krankenversicherung. Auch über die langfristigen Folgen, die mit dem Verlust des Organs einhergehen können, waren die wenigsten aufgeklärt worden. Denn nach der Spende kann es zu Komplikationen kommen. Denkbar sind beispielsweise Infektionen oder Probleme mit der Narbe. Außerdem ist das Risiko für Bluthochdruck erhöht und es besteht die Gefahr, dass die verbleibende Niere erkrankt und deshalb eine Dialyse nötig wird und der Betroffene selbst ein neues Organ braucht.

Der Großteil der Patienten aus organ-importierenden Ländern, nicht nur bezogen auf Indien, soll aber aus Ländern wie Australien, Kanada, Israel, Japan, Oman, Saudi Arabien und den USA stammen. Es gibt wenig Informationen über die Empfänger von Organen, vermutlich weil es sich um eine rechtswidrigen Vorgang handelt. Zu ihren Motiven zählen beispielsweise, dass sie lange Wartelisten und -zeiten auf Organe umgehen, keine Verwandten um eine Lebendspenden bitten oder ein besser zu ihnen passendes Organ finden wollen.

Mit seiner Serie will Fonseca nicht nur über die Situation in Indien aufklären, sondern auch denjenigen helfen, die ausgebeutet wurden. "Sie leiden meist in Stille", sagt der Fotograf, "und schämen sich, über ihre Erfahrungen zu sprechen."

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