Spitzentreffen zur Organspende: Ärzte wollen mehr Kontrollen einführen

Der Organspende-Skandal erschüttert das Vertrauen in die deutsche Medizin. Bei der Bundesärztekammer treffen sich heute Spitzenkräfte und Experten, um über Reformen zu diskutieren. Kritiker werfen den Ärzten vor, sie wollten eine Kontrolle von außen verhindern.
Urologen bei der Nierentransplantation: Ärztevertreter beraten über Konsequenzen aus dem Organspendeskandal

Urologen bei der Nierentransplantation: Ärztevertreter beraten über Konsequenzen aus dem Organspendeskandal

Foto: Jan-Peter Kasper/ picture alliance / dpa

In der Bundesärztekammer haben sich am Donnerstag Spitzenkräfte der deutschen Ärzte mit Vertretern von Kliniken, der Krankenversicherungen und weiteren Experten, unter anderem von der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO), Eurotransplant und aus dem Bundesgesundheitsministerium getroffen. Es ging um die Frage, wie größtmögliche Transparenz und eine effektive Kontrolle erreicht werden könnten, um das Vertrauen in die Organspende nach dem Göttinger Organspendeskandal wiederherzustellen.

Damit einher ging die Frage, ob die Ärzte ihre bisherige Selbstkontrolle retten können oder ob die Organspende unter staatliche Aufsicht gestellt wird. Die Rufe nach Reformen bei der Organvergabe werden immer lauter.

Die Ergebnisse haben die beteiligten Akteure in einer gemeinsamen Erklärung zusammengefasst:

  • Die Kontrollen sollen intensiviert werden, wenn ein Patient für die Warteliste angemeldet wird. Dabei gilt das Mehraugenprinzip.
  • Nachgewiesenes schweres ärztliches Fehlverhalten soll mit dem Entzug der Approbation geahndet werden können.
  • Verdachtsunabhängige Kontrollen müssen eingeführt und dafür die notwendigen finanziellen Mittel zur Verfügung gestellt werden.
  • Mehr Berichterstattung, um Misstrauen in der Bevölkerung entgegen zu wirken.

Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP), der für Ende August zu Verhandlungen gebeten hat, hatte in der "Bild"-Zeitung gesagt, künftig müsse verhindert werden, dass Ärzte manipulieren können. Mögliche Gesetzeslücken müssten geschlossen werden. Der Vorstandsvorsitzende der Krankenkasse KKH-Allianz, Ingo Kailuweit, forderte im "Deutschlandradio Kultur" eine stärkere Kontrolle der beteiligten Ärzte, unter anderem durch ein Vier-Augen-Prinzip - ein zweiter Mediziner müsste dann die Angaben des behandelnden Arztes zum Gesundheitszustand des Patienten bestätigen. Für dieses Prinzip hatte sich auch der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, stark gemacht.

Montgomery allerdings weist Vorwürfe gegenüber den Ärzten zurück, diese hätten im Organspendeskandal versagt. "Es handelt sich nicht um ein Versagen der Ärzteschaft. Denn gegen kriminelle Handlungen Einzelner sind Sie in keinem einzigen System und in keinem Beruf der Welt gefeit", sagte Montgomery am Donnerstag im ZDF. Es nutze jedoch nichts, wenn Verstöße von Ärzten gemeldet würden, die Behörden dann jedoch untätig blieben. Im Fall des bereits an der Uniklinik Regensburg auffällig gewordenen Göttinger Chirurgen hätten staatliche Ebenen versagt, sagte Montgomery im "Deutschlandfunk".

So weiter machen wie bisher?

Montgomery will das jetzt in die Schlagzeilen geratene beschleunigte Vermittlungsverfahren besser kontrollieren. Dabei werden Organe, die Eurotransplant nicht vermitteln kann, an Patienten vergeben, weil sie sonst gar nicht transplantiert werden könnten. Am Dienstag war bekannt geworden, dass immer mehr Organe auf diesem Weg vergeben werden. Montgomery sagte zu SPIEGEL ONLINE: "Eine solche Vergabe darf nicht Überhand nehmen." Allerdings gebe es bisher keine Hinweise auf Manipulationen, sagte Montgomery im ZDF.

Bereits vor dem heutigen Gespräch bei der Bundesärztekammer kritisierten Interessenvertreter das Treffen. Die Deutsche Hospiz-Stiftung beklagt, kritische Ärzte und Juristen blieben außen vor. In der Hannoverschen "Neuen Presse" warf Stiftungsvorstand Eugen Brysch den Ärztevertretern vor, sie wollten sich zwei Wochen vor der Sitzung mit dem Bundesgesundheitsminister auf eine Linie einigen, um so weiter zu machen wie bisher. Brysch fordert, die Organspende durch eine Bundesbehörde kontrollieren zu lassen.

Gesundheitsminister Bahr dagegen sieht eine staatlich kontrollierte Organvergabe nicht als Lösung an. Das neue Transplantationsgesetz ermögliche die unangemeldete Kontrolle von Operationszentren. Sowohl Grünen-Gesundheitsexperte Harald Terpe als auch Unions-Fraktionsvize Johannes Singhammer (CSU) sprachen sich dagegen für eine externe Kontrolle der Organspende aus. Terpe kritisierte, es könne nicht sein, dass in Deutschland Vereine und private Stiftungen über das Transplantationswesen entschieden.

"Ein staatlicher Stempel auf der Leber macht es nicht einfacher"

ANZEIGEEinen ersten Schritt in Richtung einer öffentlichen Kontrolle machte auch Ärztepräsident Montgomery im Gespräch mit dem "Bayerischen Rundfunk": Er kündigte an, für die Organvergabe eine Kontrollkommission aus staatlichen Vertretern und Ärzten einsetzen zu wollen, die "mit einer polizeiähnlichen Gewalt" ausgestattet sein sollten. Andere Ärztevertreter dagegen lehnen eine staatliche Kontrolle der Transplantationen nach wie vor ab. So sagte etwa der Ärztliche Direktor der Berliner Charité, Ulrich Frei, im "RBB-Inforadio", das Bundesgesundheitsministerium sei bereits in der Kommission Organtransplantation bei der Bundesärztekammer vertreten. "In der Medizin ist am Ende immer ein Individuum betroffen. Und da wird ein staatlicher Stempel auf einer Leber auch nicht dazu führen, dass die Dinge einfacher werden." Die Entscheidung über die Vergabe von Spenderorganen solle allerdings nachvollziehbarer werden.

Die am Spitzengespräch ebenfalls beiteiligte Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) fordert eine Reform der Finanzierung der Transplantationszentren. Statt wie bisher jeden Fall einzeln anzurechnen, sollten die Zentren ein Jahresbudget bekommen, sagte DKG-Hauptgeschäftsführer Georg Baum der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Finanzielle Anreize fielen dann weg.

Zum heutigen Treffen hat Ärztepräsident Montgomery Experten in die Prüf- und Überwachungskommission im Organspendewesen eingeladen. Dort sitzen neben Transplanteuren auch Juristen und andere Experten, die Ärzte sind gemeinsam mit Kliniken und Krankenversicherungen Träger des Gremiums. Normalerweise überprüft sie auffällige Organzuteilungen stichprobenartig.

dba/dpa/dapd/AFP/Reuters
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