Organe für Schwerkranke Her mit den Spendeausweisen

Die Zahl der Organspender ist in Deutschland vergleichsweise gering. Das liegt auch am Transplantationsskandal. Nun werben Politiker und Ärzte um neues Vertrauen.

Organspendeausweis
BZgA

Organspendeausweis


Die Zahl der Organspender in Deutschland liegt weiter auf relativ niedrigem Niveau. Nach vorläufigen Zahlen der Deutschen Stiftung für Organtransplantation (DSO) haben in den ersten neun Monaten des Jahres 2016 bundesweit 637 Menschen Organe gespendet - Lebendspender nicht mitgerechnet. Das sind 35 weniger als in den ersten neun Monaten des Vorjahres.

Am häufigsten entnommen wurden Nieren, gefolgt von Leber, Lunge, Herz, Bauchspeicheldrüse und Dünndarm. Das Transplantationsgesetz schreibt den Hirntod als Voraussetzung für die Entnahme von Organen zwingend vor.

Auf dem Jahreskongress der DSO will Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) fürs Organspenden werben. "Die aktuellen Zahlen zeigen, dass sich verloren gegangenes Vertrauen nur langsam zurückgewinnen lässt", sagt Gröhe.

Die Folgen des Organspendeskandals

Vor einigen Jahren hatten einige Ärzte in Deutschland ihre Patienten kränker erscheinen lassen, als sie tatsächlich waren, um sie in der Liste der potenziellen Empfänger nach oben klettern zu lassen. Nach den 2012 entdeckten Unregelmäßigkeiten ging die Spendebereitschaft zurück.

2015 standen den gut 10.000 auf ein Organ hoffenden Patienten 877 Organspenden gegenüber, etwas mehr als 2014 mit 864 Spenden. Vor dem Skandal lag die Zahl höher, aber immer noch weit entfernt von der Zahl benötigter Organe: 2010 waren es 1296 Organspenden, 2011 lagen sie bei 1200, 2012 bei 1046.

Vielen fehlt der Ausweis

"Alle acht Stunden stirbt ein Mensch auf der Warteliste, weil kein passendes Organ gefunden wird", so Gröhe. Dabei stehen Umfragen zufolge fast drei Viertel der Menschen in Deutschland einer Organspende positiv gegenüber. Nur rund 35 Prozent haben ihre Entscheidung jedoch auch in einem Spendeausweis festgehalten.

Der Präsident der Bundesärztekammer (BÄK), Frank Ulrich Montgomery, verlangte mehr Aufklärung über Organspenden. Dafür müssten die Kliniken finanziell besser ausgestattet werden. Der Transplantationsskandal 2012 sei nur ein Grund für das weitere Absacken der Spenderzahlen gewesen.

Ein Problem sei nach wie vor die nicht ausreichende Finanzierung der Transplantationsbeauftragten in den Krankenhäusern sowie der Ausgleich sogenannter Vorhaltekosten für die Organentnahme. Auch Angehörigengespräche mit speziell geschultem Personal müssten auskömmlich bezahlt werden, so der BÄK-Chef. "Hier sind die Krankenkassen immer noch ein großer Bremsklotz."

Keine Mehrheit für die Widerspruchsregelung

Eine sogenannte Widerspruchslösung, bei der jeder Versicherte grundsätzlich als Spender eingestuft wird, es sei denn, er spricht sich eindeutig dagegen aus, hält Montgomery in Deutschland kaum für durchsetzbar. In der Ärzteschaft gebe es zwar viel Sympathie dafür. Doch die Realität im Land sehe anders aus.

"Die Entscheidung für die Organspende ist eine ganz persönliche", betonte Gröhe. "Sie sollte immer eine eigene, freiwillige, informierte und vor allem eine bewusst getroffene Entscheidung sein." Der Bundestag habe daher einmütig für die sogenannte Entscheidungslösung gestimmt - jeder Bürger solle sich aktiv für die Spende entscheiden.

Um die Vorbehalte in der Bevölkerung gegen eine Organspende abzubauen, soll auch ein zentrales Transplantationsregister mehr Transparenz bringen. Gesetzliche sowie private Krankenkassen müssen nun ihre Versicherten ab 16 Jahren alle zwei Jahre über Organspende und Organspendeausweis informieren.

Grundsätzlich ist für die Vermittlung von Organen die Stiftung Eurotransplant mit Sitz in den Niederlanden zuständig. Voraussetzung dafür, dass jemand ein Organ bekommen kann, ist, dass er auf der Warteliste eines Transplantationszentrums steht. Auf welchem Platz, hängt vor allen von der Erfolgsaussicht und Dringlichkeit der Verpflanzung ab. Eurotransplant ist für die Vermittlung aller Organe zuständig, die in Deutschland, Österreich, den Niederlanden, Belgien, Luxemburg, Slowenien, Kroatien und Ungarn entnommen werden.

jme/dpa



© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.