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26. Mai 2019, 18:55 Uhr

Arzt in Pakistan unter Verdacht

Hunderte Kinder mit HIV infiziert

Bei einem Massentest im Süden Pakistans wurde bei etwa 700 Menschen HIV diagnostiziert - die meisten davon sind Kinder. Ein Arzt soll das Virus verbreitet haben, indem er vermutlich Spritzen mehrfach nutzte.

Hunderte positive HIV-Tests haben in der südpakistanischen Provinz Sindh zu Panik geführt. Nachdem im März bei mehreren Kindern eine HIV-Infektion entdeckt worden war, hatten die Behörden im April beschlossen, alle Bewohner der Region rund um die Stadt Rato Dero testen zu lassen.

Bis Samstag seien etwa 700 HIV-Infektionen bestätigt worden, darunter mehr als 500 Fälle bei Kindern im Alter zwischen zwei und zwölf Jahren, sagte ein Regierungsvertreter bei einer Pressekonferenz. "Die Resultate sind entsetzlich", sagte ein Behördenvertreter. Ein Kinderarzt soll für die massenhaften Infektionen verantwortlich sein.

Ursache seien vermutlich mehrfach verwendete Spritzen, erklärte Regierungsvertreter Zafar Mirza. Er kündigte "drastische Maßnahmen" gegen die Weiterverbreitung des Virus an, sollte sich die Vermutung bestätigen. Es besteht die Sorge, dass die Zahl der Infektionen noch steigt. Rato Dero ist eine von Armut betroffene Stadt mit rund 200.000 Einwohnern.

Viele wissen nur wenig über HIV, es fehlt Geld für Therapien

Viele Pakistaner lehnen Tabletten ab und fordern bei gesundheitlichen Problemen Spritzen oder Infusionen, die sie als effizienter ansehen und oft in kleinen Hinterzimmern von oft schlecht ausgebildetem medizinischen Personal verabreicht bekommen.

Der Kinderarzt, den die Behörden für den Ausbruch in der Provinz Sindh verantwortlich machen, ist den Angaben zufolge selbst mit HIV infiziert. Er bestreitet, seine Patienten wissentlich angesteckt zu haben. Inzwischen sitzt er in Haft. In vielen Familien der armen Region herrscht Panik: Sie wissen nur wenig über das Virus und mögliche Therapien, zudem fehlt ihnen das Geld für Medikamente.

HIV war in Pakistan lange Zeit kein Problem, inzwischen verbreitet sich das Virus jedoch rasant aus. Ihren Ausgang hätten die Infektionen von Sexarbeitern und Drogensüchtigen genommen, sagte Fatima Meeran, eine HIV-Expertin in der Region. Die unsicheren medizinischen Praktiken hätten sie zu einer Epidemie anwachsen lassen. Laut Uno-Schätzungen waren 2017 etwa 150.000 Menschen in dem 220-Millionen-Land HIV-positiv.

HIV: Bei Zugang zu Medikamenten gut behandelbar

Das schlechte Gesundheitssystem verschärft die Situation. Gerade auf dem Land bleibt den Menschen häufig nichts anderes übrig, als sich an unqualifizierte Heiler zu wenden. Diese benutzen nach Angaben von Experten häufig dieselbe Spritze für mehrere Patienten, um Geld zu sparen.

HIV lässt sich bis heute nicht heilen. Moderne Medikamente können die Erreger allerdings so stark im Körper zurückdrängen, dass sie bei Blutuntersuchungen nicht mehr nachweisbar sind und die Betroffenen das Virus nicht mehr weitergeben können. Dafür müssen die Infizierten jedoch dauerhaft Zugang zu Tabletten haben, die sie ohne Pause einnehmen.

Eine solche Versorgung gelingt momentan nicht mal den wohlhabendsten Ländern flächendeckend. In den USA etwa wissen nur rund 85 Prozent der HIV-Positiven von ihrer Infektion, nur 49 Prozent befinden sich in einer Behandlung, die ihre Viruslast im Körper komplett unterdrückt.

irb/AFP/dpa

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