Mediziner beklagt Geldgier "Die Ärzte verdienen am Sterben"

Der Palliativmediziner Matthias Thöns glaubt, dass in Deutschland mit sterbenden Patienten schlecht umgegangen wird. Grund sei die Profitgier vieler Ärzte, beklagt er im SPIEGEL.
Krebspatient bei Chemotherapie

Krebspatient bei Chemotherapie

Foto: Arno Burgi/ dpa

"Was in der modernen Medizin geschieht, ist oft eher unmenschlich", sagt Matthias Thöns. "Es hilft den Sterbenden nicht, bringt weder Zeit noch Lebensqualität. Es bringt nur Leid", konstatiert der Palliativmediziner aus Nordrhein-Westfalen in der aktuellen Ausgabe des SPIEGEL.

Er erlebe jeden Tag, dass Mediziner Patienten falsche Hoffnungen machten. "Man will das nicht wahrhaben, weil man Ärzte als Lebensretter und Helden kennt. Sie sind aber auch Geschäftsleute. Die Ärzte verdienen am Sterben", sagt Thöns. (Lesen Sie hier das vollständige Interview im neuen SPIEGEL.)

Ein Beispiel sei die geschäftliche Verflechtung zwischen Ärzten und Pharmafirmen: "Die Pharmaindustrie hat den geschickten Schachzug gemacht, dass sie uns Ärzte quasi am Umsatz beteiligt. Wenn man bestimmte teure Medikamente verschreibt, ist der Patient oft Teilnehmer einer Studie der Firma." Dazu müsse der Arzt nur regelmäßig ein paar Bögen ausfüllen und bekomme im Schnitt pro Patient 670 Euro.

"Es gibt Therapien, da werden 7000 Euro bezahlt. Es kann nicht sein, dass ein Arzt mehrere Tausend Euro bekommt, damit er eine bestimmte Therapie verschreibt. Das muss in meinen Augen eine Straftat sein, das ist Bestechung", so Thöns.

Der 49-jährige Thöns ist seit fast 20 Jahren niedergelassener Palliativmediziner in Witten bei Dortmund.

Ende Juni mussten 54 Pharmakonzerne erstmals offenlegen, wie viel Geld sie an Ärzte in Deutschland zahlen. 575 Millionen Euro flossen demnach im Jahr 2015 an mehr als 71.000 Ärzte und Fachkreisangehörige wie Apotheker sowie 6200 medizinische Einrichtungen.

SPIEGEL ONLINE und das Recherchezentrum "Correctiv" haben eine Datenbank mit den Namen von mehr als 20.000 Ärzten erstellt, die Empfänger der Pharmazahlungen waren. Jeder Internetnutzer kann in dieser Datenbank nun Ärzte nach Namen, Ort und Postleitzahl suchen. Die Honorare für die von Thöns kritisierten Studien tauchen dort allerdings nicht auf, weil die Pharmaunternehmen dazu keine detaillierten Informationen veröffentlicht haben.