Paracetamol Kleinere Packungen retten Hunderte Leben

Eine Überdosis Paracetamol kann tödlich sein. In Deutschland gibt es deswegen nur kleine Mengen des Schmerzmittels frei zu kaufen. Britische Forscher haben jetzt nachgewiesen: Nach der Begrenzung der Packungsgröße sind dort weniger Menschen an Vergiftungen gestorben.
Paracetamol: Nur kleine Spanne zwischen therapeutischer und giftiger Wirkung

Paracetamol: Nur kleine Spanne zwischen therapeutischer und giftiger Wirkung

Foto: Patrick Pleul/ picture alliance / dpa

Neben Labello und Taschentüchern darf die Notfallration Schmerzmittel in vielen Handtaschen nicht fehlen. Welche Tabletten man dabei hat, gleicht einer Glaubensfrage: Der eine schwört auf Ibuprofen, die andere auf Acetylsalicylsäure (ASS), der nächste schluckt am liebsten Paracetamol, manche mögen es gemischt mit ASS und Koffein als vermeintlichen Wirkungsverstärker.

Unabhängig von den Vorlieben bergen alle der von vielen als harmlos eingestuften Mittelchen massive Nebenwirkungen. Als besonders kritisch gilt das Schmerzmittel Paracetamol: Nach Alkohol belegt es Platz zwei auf der Liste der häufigsten chemischen Vergiftungsursachen, die zwischen 2002 und 2012 beim deutschen Giftinformationszentrum Nord eingegangen sind. Um das Leben der Betroffenen zu retten, hilft im Extremfall nur eine Transplantation der Leber.

Das Tückische an dem Wirkstoff ist die geringe Spanne zwischen verträglicher und giftiger Dosis. Je nach Körpergewicht und Vorschäden der Leber können schon sechs bis acht Gramm gefährlich werden - eine Tablette enthält in der Regel 500 Milligramm. Auf Anraten der Europäischen Arzneimittelagentur (EMEA) und des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) beschloss das Bundesgesundheitsministerium deshalb 2009, die Packungsgrößen zu beschränken. Seitdem dürfen Apotheker die Tabletten ohne Rezept nur noch in Schachteln mit maximal zehn Gramm verkaufen.

Kleinere Packungen: Menschen schlucken geringere Mengen

In Großbritannien hatte die Regierung bereits 1998 angeordnet, das Schmerzmittel nur noch in kleineren Schachteln abzugeben, nachdem die Todesfälle und Lebertransplantationen nach Vergiftungen zugenommen hatten. Apotheker dürfen dort seitdem nur noch Packungen mit 32, Drogerien und andere Läden nur noch Schachteln mit höchstens 16 Tabletten ausgeben. Offensichtlich mit großem Erfolg: Laut einer Langzeitstudie starben in den zehn Jahren nach Einführung der kleineren Schachteln in England und Wales Hunderte Menschen weniger an Paracetamol-Vergiftungen als in den Jahren zuvor.

Die Studie im Detail

Bereits 2001 und 2004 hatte eine Forschergruppe um Keith Hawton vom Centre for Suicide Research an der University of Oxford Hinweise darauf gefunden, dass die kleineren Schachteln die Zahl der Toten und die Menge der bei Vergiftungen geschluckten Tabletten in England und Wales verringern konnten. Kritiker der Maßnahme hatten allerdings bemängelt, dass es sich bei dem beobachteten Effekt nur um kurzzeitige, vielleicht auch natürliche Schwankungen handeln könnte. Jetzt konnten die Forscher ihre Ergebnisse mit Beobachtungen über mehr als zehn Jahre weiter untermauern.

Die Wissenschaftler analysierten, wie sich die Zahl der Todesfälle durch Paracetamol im Zeitraum von 1993 bis 2009 in England und Wales entwickelt hat. Vergiftungen in Kombination mit weiteren Medikamenten schlossen sie aus, ebenso wie Vergiftungsfälle bei unter Zehnjährigen. Desweiteren untersuchten sie die Anmeldungen für und tatsächlich stattgefundene Lebertransplantationen nach Paracetamol-Vergiftungen in den beiden Ländern im Zeitraum von 1995 bis 2009.

Eindeutiger Trend

Die Ergebnisse zeigen einen eindeutigen Trend: Nach der Einführung der kleineren Packungen reduzierte sich die Zahl der Suizide und der Paracetamol-Vergiftungen mit ungeklärter Ursache um 43 Prozent. Innerhalb der etwas mehr als elf untersuchten Jahre nach der Einführung der kleineren Packungen habe es geschätzt 765 Todesfälle weniger gegeben, schreiben die Forscher im "British Medical Journal" . Bei zusätzlichem Einbezug der versehentlichen Vergiftungen kamen sie auf geschätzte 990 Todesfälle weniger.

Zwar gingen in der Zeit auch generell die Todeszahlen durch Medikamentenmissbrauch zurück. Allerdings war diese Entwicklung schwächer als die beim Paracetamol beobachtete, auch setzte sie nicht abrupt 1998 ein, schreiben die Forscher. Ähnliche wie die Zahl der Todesfälle sank nach 1998 auch die wegen einer Paracetamol-Vergiftung für eine Lebertransplantation registrierter Patienten. Einzig nicht statistisch auffällig war der Rückgang der Lebertransplantationen nach einer Paracetamol-Vergiftung - die Wissenschaftler begründen dies mit den geringen Fallzahlen.

"Einfach nicht genug Tabletten da, um sich zu vergiften"

"Es ist wichtig zu beachten, dass in der Zeit nach 1998 die Zahl der Krankenhausbesuche mit nichttödlichen Überdosierungen von Paracetamol nicht zurückgegangen ist", schreiben die Forscher in der Studie. "Das bedeutet, dass sich die Ergebnisse nicht mit einem generellen Rückgang der Paracetamol-Überdosierungen erklären lassen." Der beobachtete Effekt durch die kleineren Packungen zeige vielmehr, dass viele Menschen, die absichtlich eine Überdosis schlucken, häufig aus einem Impuls heraus handeln - und nehmen, was sie im Medikamentenschrank vorrätig haben.

Trotz der Erfolge fordern die Forscher, sich weiter mit dem Vertrieb des Schmerzmittels auseinanderzusetzen. Zwischen 2000 und 2009 starben in England und Wales pro Jahr immer noch durchschnittlich 121 Menschen an einer Paracetamol-Vergiftung, zum Teil verbunden mit Alkohol. "Die Erfolge sollten nicht zur Nachlässigkeit führen", schreiben die Forscher. Sie schlagen vor, die Packungsgrößen noch weiter zu reduzieren oder die Konzentration des Wirkstoffs in den Tabletten zu verringern.

Auch in Deutschland, wo bereits kleinere Packungen als in Großbritannien Pflicht sind, kämpfen Paracetamol-Kritiker für noch kleinere Schachteln oder eine Verschreibungspflicht des Medikaments. Hierzulande nehmen etwa zwei Drittel der Paracetamol-Vergifteten die Tabletten vorsätzlich ein. Der Arzt und Apotheker Wolfgang Becker-Brüser vom Fachmagazin "arznei-telegramm" plädierte deshalb Ende 2011 im SPIEGEL für strengere Regeln: "Bei kleineren Packungsgrößen sind dann einfach nicht genug Tabletten da, um sich zu vergiften."

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