Gefährliche Entzündung Parodontitis schadet nicht nur den Zähnen

Parodontitis zählt zu den Volkskrankheiten, Millionen Deutsche leiden unter der Entzündungserkrankung. Doch kaum einer weiß, welche Gefahr droht: Experten haben den Verdacht, dass Parodontitis das Risiko für andere Krankheiten erhöht.
Röntgenbild der Zähne: Parodontitis bleibt oft unendteckt

Röntgenbild der Zähne: Parodontitis bleibt oft unendteckt

Foto: Peter Eickholz

Eine so schwere Entzündung sehen auch Universitätsmediziner selten: Der 54 Jahre alte Diabetiker, der in die Frankfurter Uni-Klinik kam, hatte sich seit Wochen nicht die Zähne geputzt, weil sein Zahnfleisch so stark blutete und schmerzte. Es war hochrot, glasig und extrem geschwollen. Viele Zähne waren locker, die Zahnfleischtaschen bis zu 14 Millimeter tief. "Bis zu vier Millimeter sind normal", sagt Peter Eickholz, Direktor der Poliklinik für Parodontologie an der Universität Frankfurt und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Parodontologie (DGP).

Der Fall zeigt, wie eng Parodontitis und Diabetes zusammenhängen: Die starke Zahnfleischwucherung, so die Frankfurter Parodontologen, sei höchstwahrscheinlich durch einen stark erhöhten Blutzuckerspiegel ausgelöst worden. Drei Monate nach Beginn der Behandlung konnten die Ärzte die Lage stabilisieren. Zudem hatte die Parodontitis-Therapie offenbar einen positiven Effekt auf die Blutzuckerwerte, denn der Patient musste kein Insulin mehr spritzen.

Den Zusammenhang mit Diabetes im Visier

Es gilt als gut belegt, dass es einen Zusammenhang zwischen Parodontitis und Diabetes gibt. Das Besondere daran ist die Wechselwirkung: Diabetiker haben ein dreimal so hohes Risiko, eine Parodontitis zu entwickeln, wie Nicht-Diabetiker. Zudem kann eine Parodontitis die Blutzuckerwerte verschlechtern, und umgekehrt Diabetes den Verlauf einer Parodontitis verschlimmern. So wurde in Studien gezeigt, dass Diabetes das Risiko für Zahnverlust erhöht und eine Parodontitis das Risiko für diabetische Komplikationen erhöht, vielleicht sogar zur Entstehung eines Diabetes beiträgt.

Ursache für dieses gefährliche Wechselspiel ist die Entzündung: Die Bakterien in den Zahnfleischtaschen gelangen über den Blutkreislauf in den Körper und können dort entzündungsfördernde Stoffe freisetzen. Deshalb wird in vielen Studien untersucht, ob eine Parodontitis auch das Risiko für andere Erkrankungen erhöht.

Diskutiert wird ein Zusammenhang mit Übergewicht (Adipositas), Atherosklerose, Frühgeburten, Rheumathoider Arthritis, Lungenerkrankungen oder Krebs. "Wir vermuten, dass eine Parodontitis mit mindestens zehn Erkrankungen in Verbindung steht", sagt James Deschner, Parodontologe an der Uni-Klinik Bonn und Leiter der ersten klinischen Forschergruppe der Zahnmedizin, die seit 2008 Ursachen und Folgen von Parodontalerkrankungen untersucht.

Das Problem: Selbst wenn es einen Zusammenhang gibt, ist es noch lange kein Beleg dafür, ob Parodontitis ursächlich das Risiko für andere Erkrankungen erhöht. Dafür müsste die Frage beantwortet werden, ob eine Parodontitis-Therapie beispielsweise die Blutzuckerwerte senken kann. Zwar wurde das in kleineren Studien gezeigt, einer großen US-amerikanischen Studie  gelang der Nachweis jedoch nicht.

Weitere Wechselwirkungen ungeklärt

Auch für eine Schlagzeile wie "Parodontitis-Therapie vermeidet Herzinfarkte" ist es zu früh. Zwar wird seit langem eine Verbindung zwischen Parodontitis und dem Auftreten von Schlaganfällen oder koronarer Herzkrankheit angenommen. Doch ob das eine das andere bedingt, ist unklar.

Thomas Dietrich, Leiter der Abteilung für Oralchirurgie an der Zahnklinik der Universität in Birmingham, wertete 2013 die vorliegenden Studienberichte aus. Demnach haben Patienten mit Parodontitis ein höheres Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen, also für Herz- und Gefäß-Krankheiten.

Zwar fördere die Entzündungsreaktion die gefährlichen Gefäßveränderungen in den Arterien, sagt auch Sebastian Becher, Parodontologe und Mitglied eines europäischen Verbunds von Fachzahnärzten (ECDI). Zudem seien die krankheitsfördernden Bakterien aus den Zahnfleischtaschen in den verengten Gefäßen nachgewiesen worden. Ob aber eine Parodontitis-Therapie umgekehrt das Risiko für die Arterienverkalkung senkt, sei eine offene Frage.

Verschiedene Krankheiten auf dem Prüfstand

Ärzte hegen auch den Verdacht, dass Parodontitis das Risiko für Frühgeburten erhöhen kann: 1996 erregte eine US-Studie großes Aufsehen. Den Ergebnissen nach ist das Risiko für eine Frühgeburt bei Parodontitis-Patienten bis zu siebenfach erhöht. Doch die Studie ist umstritten - die Resultate wurden bisher nicht bestätigt. Zudem fehlt ebenfalls noch ein Beleg, ob im Umkehrschluss eine Parodontitis-Therapie das Frühgeburtenrisiko senkt. In einer aktuellen US-Studie  blieb die Zahl der Frühgeburten gleich - mit und ohne Behandlung.

Und wie sieht es bei Adipositas aus? Auch hier vermuten Forscher eine gegenseitige Beeinflussung: "Bestimmte Moleküle, die im Fettgewebe produziert werden, sind bei adipösen Patienten verstärkt auch im Parodont (Zahnhalteapparat - d.Red) nachweisbar", sagt Deschner, aber die Forschung stehe hier noch am Anfang.

Zudem kann bei sehr dicken Menschen auch immer ein Diabetes für stärkere Zahnbettprobleme verantwortlich sein. Und so ist es auch bei anderen vermuteten Zusammenhängen: Oft sind andere Ursachen so stark, dass der Einfluss der Parodontitis schwer herauszufiltern ist.