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23. November 2012, 22:10 Uhr

Essener Uniklinik

Coronavirus-Patient ohne besondere Schutzmaßnahmen behandelt

Von , Köln

Anspannung bei den Gesundheitsbehörden: Ein Mann aus Katar hatte sich mit dem neuartigen Coronavirus infiziert, das Sars-ähnliche Symptome auslöst. Ärzte der Uniklinik Essen haben den Patienten vier Wochen lang behandelt - ohne zu ahnen, an was für einem gefährlichen Erreger er litt.

Als der Mann aus Katar am 24. Oktober in die Ruhrlandklinik, das Lungenzentrum des Universitätsklinikums Essen eingeliefert wurde, war er bereits seit 19 Tagen krank, und die Ärzte in seinem Heimatland wussten nicht mehr weiter: Sein Lungengewebe war durch eine Infektion schwer geschädigt, das lebenswichtige Organ versagte. Nur eine Behandlung in einer Spezialklinik wie der in Essen konnte ihm noch das Leben retten. Mit dem Flugzeug wurde er nach Deutschland gebracht.

Was die Ärzte aus Katar ihren deutschen Kollegen jedoch nicht sagten, war, dass sie den Verdacht hatten, der Patient könne sich mit dem neuartigen Coronavirus infiziert haben.

Dieses Virus war erstmals im September bei einem anderen Patienten aus Katar festgestellt worden, der in London wegen akutem Lungen- und Nierenversagen behandelt wurde. Wie sich später herausstellte, war zuvor in den Niederlanden bereits ein saudi-arabischer Staatsbürger an diesem Erreger verstorben.

Zwischen den beiden Fällen gab es keinen Zusammenhang. Dennoch waren die Behörden sofort alarmiert. Denn 2003 hatte sich ein anderes Coronavirus in Windeseile um die Welt verbreitet: der Erreger der Lungenseuche Sars. Bevor er aus bislang ungeklärten Gründen vorerst wieder verschwand, hatte er mehr als 700 Todesopfer gefordert.

Die Ärzte in Katar hatten deshalb bereits eine Woche, bevor sie ihren Patienten nach Deutschland verlegten, eine Probe Körpersekret zur Analyse nach London geschickt, an die Health Protection Agency, die derzeit regelmäßig Proben aus Katar und Saudi-Arabien auf das neue Coronavirus testet. Tatsächlich war das Ergebnis positiv. Doch davon erfuhren die Ärzte der Ruhrlandklinik erst an diesem Donnerstag - über das Robert Koch-Institut (RKI). Da war der Patient aus Katar bereits wieder weitgehend genesen und einen Tag zuvor in eine Rehaklinik verlegt worden.

Die Gefahr, dass sich Mitarbeiter des Essener Krankenhauses oder Mitpatienten bei dem Mann mit dem neuartigen Erreger angesteckt haben könnten, schätzen das Klinikum und das RKI zwar als gering ein. Selbst wenn das Virus tatsächlich von Mensch zu Mensch übertragen werden könne, was derzeit noch unklar ist, sei der Mann, als er am 19. Krankheitstag nach Essen gekommen sei, wahrscheinlich kaum noch ansteckend gewesen, heißt es in einer Erklärung. Zudem habe er in einem Einzelzimmer gelegen. Bislang habe kein Klinikmitarbeiter Symptome einer Infektion gezeigt.

Dennoch beobachten die Behörden weltweit die Entwicklung mit wachsender Sorge. Am Freitag teilte die Weltgesundheitsorganisation mit, inzwischen seien bereits sechs Infektionen mit dem neuen Coronavirus durch Laborergebnisse bestätigt worden, zwei aus Katar und vier aus Saudi Arabien. Obwohl es immer noch keinen Hinweis auf eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung gibt, wurde dabei erstmals ein Zusammenhang zwischen zwei Fällen hergestellt: In Saudi Arabien konnte das Virus bei zwei Mitgliedern einer Familie nachgewiesen werden, eines davon starb. Zwei weitere Mitglieder der Familie waren an ähnlichen Symptomen erkrankt, eines davon starb ebenfalls. Ob auch es mit dem Virus infiziert war, ist noch unklar.

Die WHO rief ihre Mitgliedsstaaten auf, die neu auftretenden Fälle von akutem Lungenversagen gut zu beobachten. Denn man müsse davon ausgehen, "dass das Virus wahrscheinlich weiter verbreitet ist als nur in den zwei Ländern, in denen es bislang nachgewiesen wurde".

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