Illegale Arztpraxis Ich will meine verdammte Patientenakte haben!

Patienten haben das Recht, ihre vollständige Behandlungsakte einzusehen. Doch wer danach fragt, wird in Arztpraxen gerne mit Ausreden abgespeist. Das geht nicht.
Arztnotizen: Die erfassten Daten in der Behandlungsakte müssen für den Patienten zugänglich sein

Arztnotizen: Die erfassten Daten in der Behandlungsakte müssen für den Patienten zugänglich sein

Foto: Corbis

Mit diesem Widerstand hatte ich nicht gerechnet. Schon seit langem hatte ich Rückenschmerzen, jetzt wollte ich noch mal einen Versuch in einer interdisziplinär arbeitenden Praxis starten, um die Schmerzen endlich loszuwerden. Dort bat man mich, alle Befunde der vergangenen Jahre mitzubringen. Ich musste also verschiedene Ärzte abklappern, um die Unterlagen zu fordern. Bei der orthopädischen Praxis fing ich an.

"Könnte ich bitte einen Befund von meiner Behandlung bei Ihnen bekommen?", fragte ich am Telefon.

"Wir können einen Arztbrief schreiben, aber das wird in den nächsten anderthalb Wochen nicht klappen", sagte die Sprechstundenhilfe.

"Mein Termin ist aber schon vorher", sagte ich. "Ich bin heute in Ihrer Nähe, ich könnte einfach eine Kopie der Akte mitnehmen."

"Das geht nicht", antwortete sie.

"Warum?"

"Ihre Akte ist nur im PC gespeichert. Ich kann sie nicht ausdrucken."

"Dann fotografiere ich einfach den Bildschirm ab."

"Das geht nicht, ich kann Sie ja nicht hinter den Tresen lassen."

Einsicht nur mit Hindernissen

Warum wollte man mir meine Behandlungsakte vorenthalten? Entweder es gab keine, sie war schlampig geführt, oder in dieser Praxis wurde noch der Halbgottstatus der Ärztin hochgehalten - Kontrolle unmöglich.

"Sie wissen, dass das mein Recht als Patient ist."

"Ich rede mit der Ärztin und rufe Sie zurück."

Eine Stunde später rief sie an, gespielte Freundlichkeit. "Sie können zwischen 14 und 17 Uhr vorbeikommen und sich die Kopie der Akte holen." Es war erst 11 Uhr. Doch bald sollte sich zeigen, warum ich drei Stunden lang warten sollte: Als ich die Praxis betrat, lag ein Kuvert für mich bereit, darin dichtbedruckte DINA4-Seiten. "Haben Sie doch noch einen Drucker gefunden?", fragte ich die Sprechstundenhilfe.

"Sie haben nicht mit mir, sondern mit meiner Kollegin gesprochen", sagte sie.

"Sie meinte, man könne die Akten nicht ausdrucken", antwortete ich.

Die Kollegin zuckte mit den Achseln. "Doch, das geht."

Auf dem Nachhauseweg in der U-Bahn las ich in einer außergewöhnlich ausführlichen Behandlungsakte von sehr vielen Untersuchungen. Jedenfalls mehr, als ich mich erinnern konnte. Irgendwie wirkte es für mich, als ob die Patientenakte in den drei Stunden neu angelegt oder zumindest stark bearbeitet worden war.

In die nächste Praxis ging ich ohne Voranmeldung. "Guten Tag", sagte ich. "Ich war mal bei Ihnen in Behandlung. Jetzt bräuchte ich meine Befunde."

"Wir könnten Ihnen bis Ende nächster Woche einen Arztbrief ausstellen", antwortete die Sprechstundenhilfe.

"Das reicht nicht mehr. Könnte ich einfach kurz in meine Akte schauen?"

"Nein, das geht nicht." Alles sei im Computer, so die Sprechstundenhilfe, Ausdrucken sei nicht möglich.

Vielleicht sollte man mal für Deutschlands Praxen sammeln, damit sie sich Software und dazu passende Drucker kaufen können? Wieder erwähnte ich meine Rechte als Patient. Schließlich willigte die Sprechstundehilfe ein, mir sofort einen Arztbrief zu schreiben. Aber auch hier: Zeigen wollte man mir meine Patientenakte nicht - Rechtsbruch.

Werden beim Arzt etwa Stasi-artige Akten geführt, die man mir verweigert? Oder steht da vielleicht drin: "Patient ist eine gute Geldquelle, lasst uns möglichst oft sinnlose Behandlungen machen, obwohl es nichts nutzt"? Oder: "Patient ist ein verdammter Simulant"?

Wütend betrat ich die dritte Praxis. Die Akte lag vor der Sprechstundenhilfe auf dem Pult. Die Sprechstundenhilfe aber reichte mir einen Arztbrief, den ich schon kannte. "Das ist wohl das einzige, das für Sie und die Kollegen noch interessant sein könnte", sagte sie. Schnell griff ich nach der Patientenakte. "Sie wissen, es ist mein Recht, meine Akte einzusehen", sagte ich. Die Arzthelferin schaute missmutig, aber ich machte ein Foto von einer handschriftlich vollgekritzelten Seite.

Zu hause las ich: "Patient hat seit zwei Tagen wieder typischen Rückenschmerz, deshalb etwas missgestimmt. Nimmt Diclofenac." Im nächsten Eintrag wurde die Ratlosigkeit der Ärzte (wegen einer Vertretung waren zwei Mediziner involviert) deutlich: "Dr. A. mit seinem Latein am Ende." Hatte man mir das ersparen wollen? Auch ohne Akteneinsicht hatte ich bemerkt, dass die Ärzte keine Ahnung hatten, was meine Schmerzen verursachte.

DIESE RECHTE HABEN SIE ALS PATIENT

Wie komme ich als Patient zu meiner Akte?Wie lange darf sich eine Praxis mit der Aushändigung der Informationen Zeit lassen?Dürfen Teile der Akte dem Patienten vorenthalten werden?