Wirksamkeit "Bei pflanzlichen Medikamenten ist es komplizierter"

Wie wirksam sind pflanzliche Medikamente? Warum gibt es Produkte ohne Wirkungsnachweis in der Apotheke zu kaufen? Pharmazeut Jörg Breitkreutz erklärt, wie Arzneimittel auf den Markt gelangen und welche nicht zu empfehlen sind.
Tabletten, Kapseln, Pillen: Pflanzliche Arzneimittel enthalten oft mehr als einen Wirkstoff

Tabletten, Kapseln, Pillen: Pflanzliche Arzneimittel enthalten oft mehr als einen Wirkstoff

Foto: Corbis
Zur Person

Jörg Breitkreutz ist Direktor des Instituts für Pharmazeutische Technologie und Biopharmazie der Uni Düsseldorf und Präsident der Arbeitsgemeinschaft für pharmazeutische Verfahrenstechnik.

SPIEGEL ONLINE: Herr Breitkreutz, warum gibt es so viele unwirksame Produkte in der Apotheke?

Breitkreutz: Mit dieser Aussage wäre ich vorsichtig. Jede Substanz, die wir unserem Körper zuführen, hat eine Wirkung, auch das, was in unserer Nahrung enthalten ist. Aber bestimmt haben nicht alle Medikamente die versprochene Wirkung. Das stimmt vor allem für Produkte, die vor vielen Jahren in den Handel gekommen sind - damals waren die Auflagen noch nicht so streng wie heute.

SPIEGEL ONLINE: Für welche Arzneimittel gilt das?

Breitkreutz: Die chemisch hergestellten Produkte sind in der Regel wirksam - bei denen ist die Frage eher, ob sie wirklich gesundheitlich unbedenklich sind. Bei den pflanzlichen Medikamenten ist es häufig komplizierter. Da wird die Wirksamkeit und Unbedenklichkeit nicht auf einen einzelnen Stoff zurückgeführt. Zum Beispiel bei dem Medikament Esberitox, das das Immunsystem stärken soll. Es ist ein Gemisch aus Pflanzenextrakten. Das hielten Pharmazeuten nie für hochwirksam, aber es galt als "sanft". Man hat früher nicht immer getestet, ob Medikamente besser wirken als Placebos. Es kann also sein, dass einst Produkte in den Handel gelangt sind, die das heute nie mehr schaffen würden.

SPIEGEL ONLINE: Das könnte man doch jetzt nachholen.

Breitkreutz: Die Behörden haben wenig Handhabe, entsprechende Studien nachzufordern. Das gab es einmal 2004 in Deutschland. Damals mussten für jedes Medikament zusätzliche klinische Daten geliefert werden: Viele Medikamente, vor allem pflanzliche Präparate, sind damals vom Markt verschwunden. Manche sind wieder gekommen, weil Wirkung und Unbedenklichkeit nachgewiesen werden konnten.

SPIEGEL ONLINE: Dann müssten doch alle pflanzlichen Medikamente, die heute auf dem Markt sind, wirksam sein, oder?

Breitkreutz: Ja, aber die Indikationen haben sich teilweise verändert, häufig wurden sie eingeschränkt. Wo früher zum Beispiel "gegen Schnupfen, Husten, Heiserkeit" stand, steht heute möglicherweise "zur unterstützenden Therapie viraler Erkältungskrankheiten". Ein Arzneimittel, das alle drei typischen Symptome - Schnupfen, Husten, Heiserkeit - zuverlässig und wirksam bekämpft und dabei noch vollständig unbedenklich ist, ist mir nicht bekannt.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt aber pflanzliche Medikamente, die ohne Zweifel wirksam sind?

Breitkreutz: Ja einige, wie zum Beispiel das Erkältungsmittel Sinupret. Es sorgt dafür, dass Sie Nasensekret bilden und dass es aus den verstopften Nebenhöhlen abfließt, das steht außer Frage. Heute würde man aber fragen: Verkürzt das die Krankheitsdauer? Sie könnte sich auch verlängern, weil die Nase länger läuft! Meistens kommt es zu einer Sekundärbesiedlung durch andere Keime als denen, die die Erkältung ausgelöst haben - bringt es dagegen was? Das müssen Sie heute in klinischen Untersuchungen zeigen, und zwar in allen Altersgruppen. Kann sein, dass Wirkung und Unbedenklichkeit bei Kindern ganz anders sind als bei Erwachsenen. All das ist früher nie gemacht worden. Es sind heute noch Produkte im Handel, bei denen nie richtig nachgewiesen wurde, dass sie überhaupt klinisch wirksam sind. Das betrifft aber nur die sehr alten, die sogenannten "traditionellen" Arzneimittel, die pflanzlichen oder alternativen Ursprungs sind.

SPIEGEL ONLINE: Vor Jahren erregte ein Apotheker Aufsehen, der in seinem Schaufenster jeweils den "Scheiß des Monats" auszeichnete. Eine gute Praxis, um Verbraucher zu schützen?

Breitkreutz: Mir fallen auch viele "Scheißprodukte" ein, aber wenn man sich so weit aus dem Fenster lehnt, muss das wissenschaftlich fundiert sein - und da würde ich mir selbst nicht zutrauen, jedes Produkt aus dem Sortiment einer Apotheke zu beurteilen. Unter Nahrungsergänzungsmitteln gibt es bestimmt viel mehr Mist als bei den Arzneimitteln, weil da viel lascher kontrolliert wird. Aber auch im Arzneimittelbereich fallen mir Sachen ein, die wirklich unsinnig sind.

SPIEGEL ONLINE: Beispiel?

Breitkreutz: Die US-Arzneimittel-Behörde FDA spricht sich mittlerweile dagegen aus, Silikonöle gegen Magen-Darmprobleme zu geben. Das sind Produkte wie Sab-Simplex, Lefax und so weiter. Zur Zulassung gab es nie eine klinische Studie in Deutschland. Man hat einfach ein Becherglas mit Seifenlösung genommen, die Silikonlösung drauf geschüttet und behauptet: Die Seifenblasen gehen kaputt - dann werden wohl auch Luftblasen im Magen-Darm-Trakt gelöst und es hilft gegen Bauchkrämpfe. In Deutschland werden die Produkte millionenfach verkauft.

SPIEGEL ONLINE: Was fällt Ihnen noch ein?

Breitkreutz: Wir haben eine Studie in Leipzig unterstützt, die prüfen sollte, ob Vomex, das häufig verabreichte Medikament gegen Erbrechen, die Krankheitsdauer von Kindern verkürzt. Es kam raus, dass die Kinder, die Vomex genommen hatten, sich durchschnittlich einmal weniger übergeben hatten, als Kinder, die ein Scheinmedikament bekommen hatte. Dauer und der Verlauf der Erkrankung waren ansonsten gleich. Braucht man das? Ist das als Routinemedikation sinnvoll? Wir im Expertengremium sagten: nein.