Pflegereform 2017 Mehr Menschen sind jetzt "pflegebedürftig"

Die Pflegereform stellt Demenzkranke finanziell besser und stärkt die häusliche Versorgung. Wie bei jeder Reform gibt es allerdings auch Verlierer.
Demenzkranke Frau in einem Pflegeheim

Demenzkranke Frau in einem Pflegeheim

Foto: Patrick Pleul/ picture alliance / dpa

Was heißt pflegebedürftig? Um diese Frage wurde mehr als zehn Jahre gerungen. Ab 1. Januar 2017 gilt endlich ein neuer Pflegebedürftigkeitsbegriff.  Wer profitiert davon, und wer steht künftig schlechter da? Die wichtigsten Fragen und Antworten anhand von fiktiven Beispielen.

Warum ist der Begriff "pflegebedürftig" so wichtig?

Weil nur Pflegebedürftige die vollen Leistungen der Pflegeversicherung bekommen. Als pflegebedürftig galten bisher vor allem Menschen mit körperlichen Einschränkungen, viele Demenzkranke fielen durchs Raster. Ihnen wurde zwar eine eingeschränkte Alltagskompetenz attestiert, doch damit gingen geringere Ansprüche einher. Das ist künftig anders.

Beispiel: Marek Nowak hat eine leichte Demenz, er kann sich noch selbst versorgen. Weil er aber immer vergesslicher wird, muss ihn seine Frau bei vielen Tätigkeiten beaufsichtigen. Die Pflegekasse erkannte nur eine eingeschränkte Alltagskompetenz an, die sogenannte Pflegestufe 0. Damit stehen ihm bisher lediglich Basisleistungen der Pflegeversicherung zu.

Nach Inkrafttreten der Reform zählt, wie selbstständig ein Mensch seinen Alltag gestalten kann. Hat er damit Probleme, egal ob aufgrund einer körperlichen, geistigen oder psychischen Beeinträchtigung, bekommt er einen Pflegegrad zugesprochen.

Ab 1. Januar 2017 werden die kognitiven Einschränkungen von Herrn Nowak stärker berücksichtigt. Er erhält automatisch Pflegegrad 2 und hat Anspruch auf deutlich mehr Geld von der Pflegeversicherung.

Aus Pflegestufen werden Pflegegrade

Aus Pflegestufen werden Pflegegrade

Wie wird festgestellt, ob jemand pflegebedürftig ist?

Dafür gibt es die Begutachtung. Bislang schätzen Pflegeexperten ein, wie viel Zeit die tägliche Pflege, also zum Beispiel das Waschen, im Einzelfall in Anspruch nimmt. Diese Minutenzählerei steht schon lange in der Kritik, weil sich gute Pflege so nicht erfassen lässt.

Künftig berücksichtigen die Gutachter den Gesamteindruck eines Menschen. Sie ermitteln anhand von mehr als 60 Kriterien aus sechs Lebensbereichen, wie viel Hilfe er im Alltag benötigt. Dabei zählen psychische Probleme und geistige Einschränkungen ebenso wie die Körperpflege und die Mobilität. Für jeden Bereich gibt es Punkte, die unterschiedlich gewichtet in das Endergebnis einfließen. Den größten Einfluss hat das Modul Selbstversorgung, am wenigstens zählt die Mobilität. Je höher die Punktzahl, desto höher der Pflegegrad.

Beispiel: Helga Schneider hat starke Arthrose in den Händen. Es fällt ihr schwer, sich alleine anzuziehen. Außerdem ist sie nachts oft unruhig und sucht ihren verstorbenen Mann. Der Gutachter berücksichtigt nach dem neuen Verfahren sowohl die Schwierigkeiten beim Ankleiden als auch die nächtliche Unruhe. Nach dem alten System hätte er lediglich eingeschätzt, wie viele Minuten Hilfe zum An- und Auskleiden nötig sind.

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Wer profitiert noch von der Pflegereform?

Menschen mit leichten Einschränkungen, etwa beim Gehen und Stehen, gingen bisher leer aus. Sie haben jetzt gute Chancen, Pflegegrad 1 zugesprochen und damit einige Leistungen der Pflegeversicherung zu bekommen. Außerdem wird die Pflege zu Hause weiter gestärkt. Davon profitieren vor allem Menschen mit niedrigem Pflegegrad.

Beispiel: Wolfgang Hirschler wird zu Hause von seiner Frau versorgt. Er hat Pflegestufe I und bekommt 244 Euro Pflegegeld. Nach der Reform steigt der Betrag auf 316 Euro.

Bei der Reform gilt: Niemand soll schlechter gestellt werden. Wer bereits Leistungen der Pflegeversicherung bezieht, erhält sie auch mindestens im selben Umfang weiter. Die Pflegekasse stellt die drei alten Pflegestufen automatisch auf die fünf neuen Pflegegrade um.

Beispiel: Anna Russo leidet an Diabetes und einer leichten Demenz, deshalb bekam sie Pflegestufe I und eine eingeschränkte Alltagskompetenz anerkannt. Sie wird von ihrem Mann gepflegt. Mit Inkrafttreten der Reform wechselt sie automatisch in Pflegegrad 3. Das Pflegegeld steigt von bisher 316 Euro auf dann 545 Euro.

Die Leistungen der Pflegeversicherung am 1. Januar 2017

Die Leistungen der Pflegeversicherung am 1. Januar 2017

Bringt die Reform für manche Menschen Nachteile?

Ja. In den niedrigen Pflegegraden sinkt der Zuschuss für die stationäre Versorgung. Wer bisher nur eine niedrige Pflegestufe hat und plant, 2017 in ein Heim zu ziehen, profitiert dann nicht mehr von den alten, höheren Sätzen, die bis Ende 2016 gelten.

Beispiel: Marianne Müller hat Pflegestufe II. Sie wohnt alleine, aber das wird immer beschwerlicher. Frau Müller weiß, dass es so nicht mehr lange weitergeht. Zieht sie noch 2016 in ein Heim, zahlt die Pflegeversicherung jeden Monat einen Zuschuss von 1330 Euro. Entscheidet sie sich erst 2017 für diesen Schritt, sinkt der Zuschuss auf 1262 Euro.

Nachteile haben auch Menschen mit rein körperlichen Einschränkungen. Für sie ist es künftig schwerer, die Voraussetzungen für einen hohen Pflegegrad zu erfüllen. Selbst wenn sie weder Arme noch Beine gebrauchen können, erreichen sie nicht die geforderte Punktzahl für Pflegegrad 5, zeigten Testbegutachtungen im Vorfeld der Reform. Für dieses Problem wurde jedoch eine Lösung gefunden: In solchen Fällen bescheinigen die Gutachter eine "besondere Bedarfskonstellation", die Pflegestufe 5 rechtfertigt.

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