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02. April 2015, 12:14 Uhr

Reformplan der Union

Physiotherapie ohne ärztliche Verordnung

Nach dem Willen der Union soll in Zukunft der Physiotherapeut - und nicht mehr der Arzt - entscheiden, welche Behandlung ein Patient bekommt. Dadurch werde die Therapie effizienter und günstiger.

Wer in Deutschland Physiotherapie braucht, muss zuerst zum Arzt. Der verordnet, welche Behandlung der Patient bekommt und wie lange sie dauern darf. Nach dem Willen der Union soll dieser Umweg in Zukunft wegfallen. Stattdessen soll die Stellung von Physiotherapeuten, Logopäden, Masseuren und anderen Heilmittel-Erbringern aufgewertet werden, damit diese mehr eigenständigen Gestaltungsspielraum bekommen.

Wie die "Süddeutsche Zeitung" am Donnerstag unter Berufung auf ein Positionspapier der Unionsfraktion berichtet, sollen die Therapeuten nicht nur mehr Geld bekommen, sondern auch das Recht, ohne ärztliche Vorgabe darüber zu entscheiden, welche Anwendungen ihre Patienten brauchen. Es könne sogar auch erprobt werden, ob sich Patienten ohne vorherigen Arztbesuch direkt an Therapeuten wenden könnten, hieß es demnach unter Hinweis auf entsprechende Regelungen in den Niederlanden und in Schweden.

Das Papier argumentiert mit Feldstudien, wonach sich durch die Neuregelung sogar Kosten einsparen ließen. Wenn Ärzte den Therapeuten keine Vorgaben machten, verringere sich die Zahl der Anwendungen: Durch die Verantwortung "der qualifizierten Therapeuten wird der diagnoseabhängige Therapieverlauf eines Patienten so gesteuert, dass Mehrfachuntersuchungen (Überweisungen, bildgebende Verfahren) durch den Arzt entfallen, die Kosten für eine begleitende Arzneimitteltherapie reduziert, eine stationäre Aufnahme vermieden und die Anzahl der Krankheitstage verringert werden", heißt es in dem Positionspapier.

Konflikte durch verschriebene Therapien

Zugleich seien die von den Krankengymnasten selbst vorgeschlagenen Maßnahmen für die Gesundheit des Patienten effektiver. Außerdem würden Ärzte seltener aufgesucht, was zugleich den Ärztemangel lindern könne. Die Reformpläne könnten auch ein weiteres Problem lösen: Mitunter halten die Krankengymnasten andere als die von den Ärzten verordneten Therapien für sinnvoll, was zu Konflikten führt.

Die Union will mit ihrer Initiative die therapeutischen Berufe stärken und für Nachwuchs wieder attraktiver machen. Dazu gehörten eine moderne Ausbildung, eine gute Bezahlung und eine stärkere Verantwortung, zitiert das Blatt den zuständigen Berichterstatter der Fraktion, Roy Kühne. Der CDU-Gesundheitsexperte Jens Spahn sagte der "SZ": "Therapeuten sind eine wichtige Stütze unseres Gesundheitswesens. Wir müssen diesen Beruf zukunftsfähig und attraktiv für Nachwuchs machen."

Schon länger protestieren Physiotherapeuten gegen ihre miserable Vergütung. In manchen Bundesländern gleicht ihr Verdienst dem von Friseuren, mitunter liegt er unter dem gesetzlichen Mindestlohn. Dem Deutschen Verband für Physiotherapie (ZVK) zufolge flüchten wegen der geringen Kassenvergütung immer mehr Therapeuten in Privatpraxen. "Die Kassenvergütung ist einfach kein angemessener Gegenwert", sagte die ZVK-Vorsitzende Andrea Rädlein Anfang Januar dem SPIEGEL.

hei/AFP/dpa

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