Physiotherapie ohne Verordnung Behandlung nach Plan B

Mit dem Rückenleiden direkt zum Physiotherapeuten? Auf Kosten der Krankenkassen geht das in Deutschland nicht. Das muss sich ändern, fordern Experten - zum Wohl der Patienten.

Physiotherapeut bei der Arbeit
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Physiotherapeut bei der Arbeit

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Wer Rückenschmerzen hat und therapeutische Hilfe braucht, muss zuerst zum Orthopäden. Nach einiger Wartezeit auf einen Termin bekommt er dort vielleicht eine Spritze gegen die Schmerzen und eine Verordnung für Physiotherapie, standardmäßig sechs Sitzungen à 20 Minuten.

Ist das sinnvoll? Hätte der Physiotherapeut ähnlich entschieden? Wären andere Maßnahmen hilfreicher? Der Umweg über den Arzt ist oft nicht nur zeitraubend, er ist für Patienten mitunter auch nicht der beste. Dabei könnte es eine Alternative geben: So wie in den Niederlanden oder in Schweden, wo Patienten direkt zu einem Physiotherapeuten gehen können.

Auch in Deutschland gibt es Vorstöße in diese Richtung. Die Union forderte kürzlich in einem Positionspapier (PDF), die Stellung von Logopäden, Physio- und Ergotherapeuten zu verbessern. Das Ziel: Therapeuten sollen ohne ärztliche Vorgabe entscheiden können, welche Behandlung für ihre Patienten die richtige ist - und dafür auch mehr Geld bekommen. "Wenn der Arzt die Diagnose stellt und der Therapeut darauf aufbauend mit dem Patienten einen Therapieplan aufstellt, können Patienten mit einem schnelleren und nachhaltigeren Behandlungserfolg rechnen", sagt Roy Kühne, zuständiger Berichterstatter der Union und selbst Physiotherapeut. So sieht es auch ein nicht öffentlicher Referentenentwurf des Bundesgesundheitsministeriums vor.

Ein Studium für Logopäden ist international längst Standard

Das erfordert allerdings nicht nur ein Umdenken bei Krankenkassen und Ärzten, auch die Therapeuten müssen dafür entsprechend ausgebildet werden - durch Zusatzqualifikationen oder eine akademische Ausbildung. Ein Studium für Logopäden, Physio- und Ergotherapeuten ist international und in vielen europäischen Nachbarländern längst Standard.

Dort hat man erkannt, dass der demografische Wandel neue Herausforderungen an das Gesundheitssystem und die therapeutischen Gesundheitsfachberufe stellt, bei denen die bisherige Ausbildung an ihre Grenzen stößt. "Wir werden zukünftig mehr ältere, chronisch und mehrfach erkrankte Menschen haben", sagt Astrid Schämann, Leiterin des Instituts für Physiotherapie an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. "Außerdem erfordern auch der medizinisch-wissenschaftliche Fortschritt und die Technologieentwicklung eine entsprechend angepasste Ausbildung."

Seit zehn Jahren schon bieten Schweizer Hochschulen Studiengänge für die therapeutischen Gesundheitsfachberufe an. Mit Erfolg, wie Schämann sagt: "Wir haben reflektierende Praktiker." Was im Ausland längst die Regel ist, steht in Deutschland noch auf dem Prüfstand.

Zwar können seit 2010 Berufsanwärter Therapieberufe wie Logopädie, Physio- und Ergotherapie auch direkt studieren - ohne vorher eine Ausbildung machen zu müssen. Bisher ist das jedoch nur ein Modellversuch. Hochschulen und Verbände drängen darauf, dass daraus Regelstudiengänge werden, die die bisherige Ausbildung an den Berufsfachschulen ergänzen.

Noch in diesem Jahr soll und muss der Bundestag über diese Fragen entscheiden. Denn die Hochschulen müssen wissen, wie es weitergeht, und interessierte Schüler, welchen Bildungsweg sie ab 2017 einschlagen können - bis dahin sind die Modelle befristet.

"Unsere Studierenden können sich ihre Stellen aussuchen"

"Wir brauchen auf dem Arbeitsmarkt auch Therapeuten, die sich mit wissenschaftlichen Studien auseinandersetzen können und dadurch ihr eigenes Handeln kritisch hinterfragen", sagt Birgit Schulte-Frei, Dekanin des Fachbereichs Gesundheit und Soziales der Hochschule Fresenius. Das habe man im Ausland längst begriffen. "Wir hinken im internationalen Vergleich 10 bis 20 Jahre hinterher", so Schulte-Frei.

Die private Hochschule Fresenius war die erste bundesweit, die ein Studium in den Therapieberufen angeboten hat. Mittlerweile gibt es an deutschen Hochschulen etwa 110 Studiengänge. Die Absolventen seien gefragt, sagt Schulte-Frei: "Unsere Studierenden können sich ihre Stellen aussuchen."

Auch Susanne Klotz hatte nach ihrer Ausbildung als Physiotherapeutin das Gefühl, dass das Handwerkszeug aus der Ausbildung nicht ausreichte, um jedem Patienten gerecht zu werden. "Rückenschmerzen gehen nicht weg, indem ich einen Patienten dreimal massiere", sagt die 31-Jährige. Sie wollte Behandlungen hinterfragen, aktuelle Forschungsergebnisse im Blick haben und mit den Patienten Therapiepläne entwickeln. Sie entschloss sich, zu studieren und machte ihren Bachelor an der Hochschule Fulda. "Hätte es damals schon die Möglichkeit gegeben, direkt zu studieren, hätte ich es gemacht", sagt Klotz, die mittlerweile am Universitätsklinikum Eppendorf in Hamburg arbeitet.

Der Physiotherapeutin, die auch Sprecherin des Bundesstudierendenrats im Deutschen Verband für Physiotherapie ist, liegt vor allem eines am Herzen: "Ich möchte mehr Coach sein und gemeinsam mit dem Patienten einen für seinen Alltag passenden Behandlungsplan entwickeln." Einen Plan etwa mit Anregungen für den Alltag am Schreibtisch oder als Umzugshelfer, der dem Rücken länger hilft, als sechs Massagesitzungen à 20 Minuten.

Zur Autorin
  • Tinka und Frank Dietz
    Kristin Hüttmann ist Diplom-Biologin und arbeitet als freie Wissenschaftsjournalistin in Hamburg. Zu ihren Schwerpunkten zählen Themen aus Medizin, Biologie, Biotechnologie, Gentechnik, Stammzell- und Pharmaforschung.


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53er 22.06.2016
1. Endlich mal ein guter Ansatz,
was passiert denn beim Orthopäden? Der schaut sich den (gesetzlich) Versicherten ca. fünf Minuten an, macht wenn er kann eine Röntgenaufnahme oder/und versucht dem Patienten eine teuere Spritze aufzuschwatzen, natürlich gegen Extracash. Anschließend schnallt er ihn dann Termin für Termin und auf Kosten der Krankenkasse auf seinen Massagefuhrpark mit altbekanntem Elektrostimulator, bis er und sein Patient und (vielleicht) auch er merkt, dass das alles nichts bringt. Anschließend zückt der gute Herr Doktor endlich seinen Verordnungsblock und schreibt seinem Patienten die ersehnten, weil hilfreichen, Anwendungen beim Therapeuten. Ich denke bei diesem Szenario bestünde für die GKV ein hohes Einsparpotential, weiss der Teufel, warum die das nicht nützen.
AllesKlar2014 22.06.2016
2. besser Heilung als Physiotheratie u.v.a.!
Medizinisches und geschäftliches Rückenschmerzen-Krankheitsmanagement ist aus meiner Erfahrung der Weg in die gesundheitliche Sackgasse. Ich wundere mich immer wieder, dass niemand über ein paar einfache Zusammenhänge aufgeklärt wird. Kreuzschmerzen resultieren zu 80% aus Muskelspasmen und aus einer Degeneration der Bandscheiben. Ursache: Chronische Dehydration und "Übersäuerung". 75% des Oberkörpergewichtes werden durch das Wasservolumen getragen, dass im Bandscheibenkern steckt und permanent "nachgefüllt" werden muss. Wer übersäuertes Wasser trinkt oder sogar kein Wasser läuft Gefahr, dass die Scheiben sich in Richtung Rückenmark verschieben, auf Nerven drücken und auf den Ischiasnerv ausstrahlen. Selbsthilfe durch regelrechtes "Fluten" und dann kontinuierliches Umstellen der Wasser-Trinkgewohnheiten mit basischem Gebirgsquellwasser bringt ungeahnte Erfolge, fast zum "Nulltarif". Aber weder ein geheilter noch ein toter Patient ist gut für die "Kasse". :-))
dborrmann 22.06.2016
3. Ich wäre sehr dankbar....
Als niedergelassener Arzt muss ich täglich viele der z. T. sehr kompliziert aufzusetzenden Rezepte für Logopädie, Physio- oder Ergotherapie ausstellen. Dabei besteht stets die Gefahr des Heilmittelgregresses. Ich wäre sehr dankbar, wenn ich von dieser Tätigkeit entlastet würde und die Regressgefahr auf Null reduziert würde. Ein Konkurrenzproblem erkenne ich nicht. Ich halte die entsprechenden Therapeuten durchaus für geeignet, die entsprechenden Indikationen anhand der medizinischen Diagnosen selbst zu stellen.
skeptiker53 22.06.2016
4. Unausgesprochenen Grund
Ich bin ganz einverstanden, dass (gut ausgebildete) Physiotherapeuten selbst über Indikation und Therapie entscheiden würden, warum nicht ? Aber bei der ganze Sache geht es den Physiotherapeuten doch nicht um dieses Prinzip, sondern um Befreiung vom Budgetkorsett. Momentan ist es noch so, dass der Physio gerne "weiter machen möchte" und entsprechend ein Folgerezept ersucht beim Arzt. Dieser muss das leider sehr häufig ablehnen, weil es sehr genaue (Krankenkassen-)Vorschriften dazu gibt : wieviel Physiotherapie welcher Sorte wie häufig für welches Krankheitsbild. Also träumt der Physiotherapeut davon, darüber selbst entscheiden zu dürfen. Ich kann nur sachen: träume ruhig weiter, demnächst dürfen Sie selber "entscheiden", aber leider auch nur im identischen Budgetrahmen. Es ist nicht der Arzt, der Ihnen das Leben schwer macht, sondern der Gesetz- und Verordnungsgeber...
remax 22.06.2016
5. Was wichtiges wird gar nicht erwähnt!
Die Ärzte sind entschieden dagegen, an nichtärztliche Berufen Fachkomprtenzen bzw. Aufgaben abzugeben. Sie können z.b. an Krankenschwestern viele Aufgaben delegieren, sie jedoch jederzeit zurückfordern. Auch die studierten Master bzw. Bachelor of Nursing kommen gar nicht gut an in die Praxis weil ihre Aufgabenverteilung mit Zuständikeiten gar nicht definiert ist, wie in den USA oder Großbritannien. Der entscheidende Ansatz besteht darin, den Ärzten die Obermacht bzw. Weisungsbefugnis im therapeutischen Bereich zu entnehmen und so zu einer Effizienzsteigerung im Gesundheitssektor entscheidend beizutragen
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