Arzneimittel Regierung plant Preisbremse für neue Medikamente

Mit neuen Arzneimitteln verdienen Pharmakonzerne im ersten Jahr viel Geld, weil sie den Preis in dieser Zeit selbst festlegen können. Das Gesundheitsministerium will nun eingreifen.

Pillen
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Das Bundesgesundheitsministerium möchte eine neue Preisbremse für Arzneimittel einführen. Übersteige der Umsatz eines neuen Medikaments bereits vor Ablauf des ersten Jahres 250 Millionen Euro, würden die darüber hinaus vertriebenen Präparate zu einem niedrigeren Preis, dem Erstattungsbetrag, verkauft. Dies war am Montag aus Regierungskreisen in Berlin zu erfahren.

Den Erstattungsbetrag handeln Hersteller und Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) innerhalb des ersten Jahres nach der Markteinführung eines Präparats aus. Dabei orientieren sie sich am Zusatznutzen eines neuen Medikaments im Vergleich zu etablierten Arzneimitteln.

Der verhandelte Preis gilt normalerweise erst, wenn ein Medikament ein Jahr lang auf dem Markt war. Bis dahin können die Hersteller die Kosten noch selbst festlegen. Die neue Umsatzschwelle solle nun für dieses erste Jahr "Mondpreise" verhindern, wie sie von den Krankenkassen immer wieder kritisiert wurden - etwa beim Hepatitis-C-Präparat Sovaldi.

Schwierige Preisfindung

Die Umsatzschwelle ist Teil der Überarbeitung der seit 2011 geltenden Arzneimittelmarktreform (Amnog). Danach sollen Preisverhandlungen und Erstattungsbetrag künftig auch vertraulich behandelt werden. Dadurch erhofft sich der Gesetzgeber ebenfalls Einsparungen. Denn die Pharmahersteller rechtfertigen bisher hohe Preisforderungen unter anderem mit dem Argument, Deutschland sei ein Referenzmarkt: Je höher der hier öffentlich gelistete Preis sei, umso höher sei dieser auch im Ausland.

Eine Verordnung soll die Vertraulichkeit regeln. Offen ist den Angaben zufolge, ob auch Ärzte oder Apotheker diese vertraulichen Informationen bekommen sollen. Über den Nutzen eines neuen Medikaments sollen Ärzte künftig schneller informiert werden - zum Nutzen ihrer Patienten und für mehr Wirtschaftlichkeit.

Wirklich innovativ?

Das Gesetz zur Neuordnung des Arzneimittelmarkts, kurz Amnog, war 2011 in Kraft getreten mit dem Ziel, Krankenkassen vor hohen Ausgaben für neu entwickelte Medikamente zu schützen. Seitdem müssen Pharmaunternehmen bei der Einführung neuer Medikamente nachweisen, dass die Mittel den Patienten mehr bringen als bereits etablierte Arzneien. Nur dann können die Unternehmen hohe Preise von den Krankenkassen verlangen.

Das Problem dahinter: Häufig handelt es sich bei neuen Arzneimitteln um sogenannte Scheininnovationen, bei denen die Moleküle bekannter Wirkstoffe etwas abgewandelt wurden. Dadurch erhalten die Unternehmen ein neues Patent, auch wenn die Wirkung der Mittel nicht verbessert wurde.

Eine Studie der DAK aus dem Jahr 2015 hatte ergeben, dass nur jedes zweite untersuchte neue Medikament einen Nutzen hat, der über den bereits etablierter Mittel hinausgeht. Laut Berechnungen der Barmer GEK könnten die Kassen Milliarden bei Medikamenten sparen, wenn Ärzte mehr Nachahmerprodukte verordnen würden.

hda/dpa

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