SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

13. Juni 2014, 16:59 Uhr

Prostatakrebs-Therapie

Bestrahlen, operieren oder abwarten?

Ein Interview von

Nach der Diagnose Prostatakrebs gibt es verschiedene Behandlungsmöglichkeiten. Für welche Therapie sollte man sich entscheiden? Ein Urologe erklärt die wichtigsten Kriterien.

SPIEGEL ONLINE: Herr Michel, ich kenne drei Männer mit Prostatakrebs - der eine musste eine große Operation über sich ergehen lassen, der andere nahm Medikamente, der Dritte bekam überhaupt keine Behandlung. Da wurden doch zwei der Männer falsch behandelt!

Michel: Nein, im Gegenteil, vermutlich alle drei genau richtig. Wir passen heute die Therapie individuell an - und der betroffene Mann darf und soll mitentscheiden.

SPIEGEL ONLINE: Wovon hängt ihr Therapievorschlag ab?

Michel: Von Alter und Gesundheitszustand des Patienten, vom Stadium des Krebses und von den Eigenschaften der Krebszellen. Hat der Patient noch eine Lebenserwartung von mindestens zehn Jahren, ist der Krebs klein und wächst wenig aggressiv, stehen ihm drei Optionen zur Verfügung: Operation, Strahlentherapie oder Abwarten und sich regelmäßig kontrollieren lassen. Letzteres nennen wir aktive Überwachung, "Active Surveillance".

SPIEGEL ONLINE: Abwarten? Aber der Tumor kann doch wachsen!

Michel: Das stimmt. Studien zeigen aber, dass von den Patienten mit bestimmten Tumoreigenschaften bei der aktiven Überwachung nur sehr wenige Männer mehr an dem Krebs sterben als nach Operation oder Bestrahlung. Manche Prostatakrebse wachsen nämlich so langsam, dass der Mann eher an anderen Krankheiten stirbt als an dem Tumor.

SPIEGEL ONLINE: Die beste Studie zum Überleben bei diesen Patienten dauerte aber nur fünf Jahre.

Michel: Das ist richtig. Wir vermuten aber aus anderen Studien, dass sich bei ihnen auch nach zehn und mehr Jahren das Überleben wenn überhaupt nur ganz wenig unterscheidet. In Kürze sollen größere Studien veröffentlicht werden, ich bin gespannt.

SPIEGEL ONLINE: OP oder Strahlentherapie: Was ist besser?

Michel: Beide Verfahren sind etabliert und können den Mann heilen. Bei der OP kommt der Tumor seltener wieder und vermutlich leben einige Männer damit etwas länger. Eine Bestrahlung schlage ich insbesondere dann vor, wenn der Mann aus gesundheitlichen Gründen nicht operiert werden darf oder er keine Operation möchte.

SPIEGEL ONLINE: Zwischen 50 und 90 Prozent der Männer bekommen nach OP oder Bestrahlung keine Erektion mehr, und einige sind inkontinent. Da würde ich mich doch lieber aktiv überwachen lassen.

Michel: Erstens: Das Risiko für Nebenwirkungen hängt von der Expertise des Operateurs ab. Ich würde jedem raten, den Arzt zu fragen, wie häufig es bei seinen Eingriffen zu Erektionsstörungen oder Inkontinenz kommt. Gut beraten ist man in einem zertifizierten Prostatakrebszentrum. Zweitens: Das aktive Überwachen kann psychisch ziemlich belasten. Denkt der Mann trotz guter Aufklärung ständig nur an den Krebs, entscheidet er sich besser für Operation oder Strahlentherapie. Dazu rate ich natürlich auch, wenn der Tumor voranschreitet.

SPIEGEL ONLINE: Einige Kliniken preisen fokale Therapien an. Was ist das?

Michel: Damit soll der Tumor gezielter behandelt und umliegende Gewebe geschont werden, damit es seltener zu Nebenwirkungen kommt. Beim hochfokussierten Ultraschall werden die Tumorzellen gezielt mit hoher Temperatur zerstört, bei der Elektroporation mit Stromstößen. Hyperthermie versucht dem Krebs mit Hitze zu Leibe zu rücken, Kryotherapie mit Kälte. Bei all diesen Maßnahmen ist aber noch unklar, welcher Mann davon profitiert. Wer sich dafür interessiert, sollte das nur im Rahmen von Studien machen.

SPIEGEL ONLINE: Und was ist mit meinem Bekannten, der Medikamente gegen seinen Prostatakrebs nimmt?

Michel: Er hat vermutlich einen Tumor in einem fortgeschrittenen Stadium. Dann geben wir Arzneimittel, die die Testosteronbildung drosseln. Damit können wir das Wachstum des Tumors in der Regel für einige Jahre bremsen. Irgendwann wirken die Medikamente aber nicht mehr, und der Mann kann von einer Chemotherapie profitieren. Wenn der Tumor trotzdem weiter wächst, haben wir moderne neue Medikamente, die als Tablette eingenommen werden.

SPIEGEL ONLINE: Der Bekannte, der Medikamente nimmt, hat vorher erst eine Weile "Watchful Waiting" gemacht. Ist das das Gleiche wie aktives Überwachen?

Michel: Nein. "Watchful Waiting" oder abwartendes Beobachten kommt in Frage bei Männern, die vermutlich nicht mehr länger als zehn Jahre leben werden. Erst wenn sich der Tumor bemerkbar macht, etwa durch einen starken Anstieg von PSA im Blut, Probleme beim Wasserlassen oder Knochenschmerzen, machen wir eine Therapie mit Medikamenten. "Watchful Waiting" ist eine gute Strategie bei speziell ausgewählten Patienten, denn damit können wir dem Mann Nebenwirkungen einer Therapie zumindest für einige Jahre ersparen.

SPIEGEL ONLINE: Helfen sogenannte alternative Heilmethoden?

Michel: Nein, bei keiner ist das zuverlässig nachgewiesen. Ich rate den Männern, sich ausgewogen zu ernähren, genügend zu trinken und sich psychologische Unterstützung zu suchen. Auch der Besuch einer Selbsthilfegruppe ist informativ und kann entlasten. Man sollte nicht zu viel über den Krebs grübeln oder nächtelang im Internet darüber recherchieren. Die meisten Prostatakrebse sind heilbar oder über einen längeren Zeitraum unter Kontrolle zu halten, und der Betroffene hat noch ein ziemlich langes Leben vor sich.

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung