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14. April 2014, 17:38 Uhr

Umstrittene Prostataentfernung

"In Deutschland wird zu viel operiert"

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Die Diagnose Prostatakrebs führt bei vielen Männern zur Entfernung des Organs - oft mit schweren Folgen wie Impotenz. Mediziner streiten, ob der Eingriff nötig ist, da der Tumor meist langsam wächst. Ist Warten eine Alternative?

In Deutschland wird bei Prostatakrebs zu oft operiert. Zu diesem Schluss kommt Lothar Weißbach. Der Urologe vom Männergesundheitszentrum in Berlin und Vorstand der Stiftung Männergesundheit ist Leiter einer Studie, deren Ergebnisse erstmals am Dienstag in Stockholm vorgestellt werden sollen.

Prostatakrebs zählt zu den am meisten verbreiteten Krebserkrankungen des Mannes, am häufigsten wird er durch die Entfernung der Prostata behandelt. Doch der Eingriff, im Fachjargon Prostatektomie genannt, kann nicht immer den Krebs stoppen. Außerdem hat er gravierende Nebenwirkungen: Häufig führt er zu Inkontinenz oder Impotenz. Zudem kommt die Krebsart hauptsächlich bei älteren Männern vor, in den meisten Fällen wächst der Tumor langsam. Deshalb ist die Prostatektomie ein sehr umstrittener Eingriff.

Auch dem Urologen Weißbach war aufgefallen, dass der Krebs bei vielen seiner älteren Patienten ohne Komplikationen verlief. Und so initiierte er die "Harow"-Studie, eine Untersuchung zur Bewertung der sogenannten aktiven Überwachung. Dabei wird der Krebs zunächst nur beobachtet. Eingegriffen wird erst, wenn er nachweislich wächst.

Persönliche Entscheidung

Die Studie umfasste mehr als 3000 Patienten mit einem sogenannten Niedrigrisiko-Karzinom. Die meisten von ihnen entschieden sich für eine Behandlung durch Bestrahlung, Hormontherapie oder einer Operation. Knapp 500 Männer wählten dagegen die aktive Überwachung.

Die Mediziner beobachteten die Teilnehmer im Schnitt 22 Monate lang. Innerhalb dieses Zeitraums schien sich bei 60 Prozent der Krebs nicht zu verschlechtern. Drei Viertel der Männer blieben die gesamte Zeit beim Abwarten, nur ein Viertel entschied sich dann doch für einen Eingriff.

Diese Zahlen wertet Weißbach als Erfolg und Beleg dafür, dass die aktive Überwachung eine attraktive Alternative sei, von der nicht häufig genug Gebrauch gemacht würde. "In Deutschland wird zu viel operiert", sagt der Arzt. Die Gründe dafür seien mannigfaltig. "Bei den Patienten löst das Wort Krebs eine Lebensangst aus, sie glauben, gewaltsam vorgehen zu müssen." Der Niedrigrisiko-Charakter von Prostatakrebs sei noch nicht im Bewusstsein der Betroffenen angekommen, so Weißbach. Zudem gäbe es einen starken finanziellen Anreiz für Operation oder Bestrahlung, durch sie verdienten Kliniken mehrere tausend Euro pro Eingriff.

Michhael Stöckle steht der Untersuchung kritisch gegenüber. "Die 'Harow'-Studie zeigt kaum Neues", sagt der Klinikdirektor der Klinik für Urologie und Kinderurologie am Universitätsklinikum des Saarlandes. Zudem erlaube die Beobachtungszeit von 22 Monaten keine wesentlichen Schlussfolgerungen.

Einen weiteren Schwachpunkt sieht Stöckle darin, dass die Studie nicht randomisiert ist: Die Versuchspersonen wurden nicht per Los einer der verschiedenen Behandlungsgruppen zugewiesen, sondern konnten selbst entscheiden. Daher kann der Erfolg der unterschiedlichen Ansätze nicht direkt miteinander verglichen werden, weil sich die Gruppen wesentlich etwa in der Schwere der Krankheit unterscheiden können. Die Zuteilung per Los aber, sagt Weißbach, sei für die Patienten eine riesige Hürde. "Wir wollten das den Männern nicht zumuten." Solche Studien hätten Probleme, genügend Teilnehmer zu finden.

Das scheint auch etwa bei der "Prefere"-Langzeitstudie der Fall zu sein, eine randomisierte Untersuchung, an der Stöckle beteiligt ist. Mehr als 7000 Prostatakrebs-Patienten sollen untersucht werden - bisher konnten nur 80 Teilnehmer dafür gewonnen werden.

Doch es gibt bereits randomisierte Studien zu dem Thema. Eine schwedische Langzeituntersuchung etwa kommt zu dem Schluss, dass nur jede achte Operation lebensrettend ist. Doch sie untersucht nicht die aktive Überwachung sondern das sogenannte Watchful Waiting, bei dem Patienten sich erst bei Beschwerden wieder beim Arzt melden.

Betroffene werden mit der Zeit doch nervös

Weißbach will dagegen zeigen, dass die Überwachung im klinischen Alltag machbar ist. Er räumt ein, dass auch sie nicht frei von Nebenwirkungen ist: Das Abtasten und die Blutabnahme, die vierteljährlich und möglicherweise bis ans Lebensende stattfinden, seien unangenehm. Bei manchen Patienten müssten zudem bis zu vier Biopsien gemacht werden - die Eingriffe können aber manchmal zu einer Sepsis führen oder Nerven beschädigen, die für die Potenz wichtig sind.

Zudem führe das Unterlassen der Behandlung bei manchen doch zu einem tödlichen Verlauf der Krebserkrankung, sagt Stöckle. Daraus erwächst ein psychischer Druck, mit dem Krebs zu leben. "Ärzte und Betroffene werden mit der Zeit nervös", sagt Weißbach. Das führe dazu, dass manche Patienten sich nach einiger Zeit doch für eine Operation entscheiden.

Mehr Informationen zum Thema Prostatakrebs finden Sie hier.

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