Umstrittene Prostataentfernung "In Deutschland wird zu viel operiert"

Die Diagnose Prostatakrebs führt bei vielen Männern zur Entfernung des Organs - oft mit schweren Folgen wie Impotenz. Mediziner streiten, ob der Eingriff nötig ist, da der Tumor meist langsam wächst. Ist Warten eine Alternative?

Prostatakarzinom (Illustration): Die Entfernung der Prostata hat häufig schwere Nebenwirkungen
Corbis

Prostatakarzinom (Illustration): Die Entfernung der Prostata hat häufig schwere Nebenwirkungen


In Deutschland wird bei Prostatakrebs zu oft operiert. Zu diesem Schluss kommt Lothar Weißbach. Der Urologe vom Männergesundheitszentrum in Berlin und Vorstand der Stiftung Männergesundheit ist Leiter einer Studie, deren Ergebnisse erstmals am Dienstag in Stockholm vorgestellt werden sollen.

Prostatakrebs zählt zu den am meisten verbreiteten Krebserkrankungen des Mannes, am häufigsten wird er durch die Entfernung der Prostata behandelt. Doch der Eingriff, im Fachjargon Prostatektomie genannt, kann nicht immer den Krebs stoppen. Außerdem hat er gravierende Nebenwirkungen: Häufig führt er zu Inkontinenz oder Impotenz. Zudem kommt die Krebsart hauptsächlich bei älteren Männern vor, in den meisten Fällen wächst der Tumor langsam. Deshalb ist die Prostatektomie ein sehr umstrittener Eingriff.

Auch dem Urologen Weißbach war aufgefallen, dass der Krebs bei vielen seiner älteren Patienten ohne Komplikationen verlief. Und so initiierte er die "Harow"-Studie, eine Untersuchung zur Bewertung der sogenannten aktiven Überwachung. Dabei wird der Krebs zunächst nur beobachtet. Eingegriffen wird erst, wenn er nachweislich wächst.

Persönliche Entscheidung

Die Studie umfasste mehr als 3000 Patienten mit einem sogenannten Niedrigrisiko-Karzinom. Die meisten von ihnen entschieden sich für eine Behandlung durch Bestrahlung, Hormontherapie oder einer Operation. Knapp 500 Männer wählten dagegen die aktive Überwachung.

Die Mediziner beobachteten die Teilnehmer im Schnitt 22 Monate lang. Innerhalb dieses Zeitraums schien sich bei 60 Prozent der Krebs nicht zu verschlechtern. Drei Viertel der Männer blieben die gesamte Zeit beim Abwarten, nur ein Viertel entschied sich dann doch für einen Eingriff.

Diese Zahlen wertet Weißbach als Erfolg und Beleg dafür, dass die aktive Überwachung eine attraktive Alternative sei, von der nicht häufig genug Gebrauch gemacht würde. "In Deutschland wird zu viel operiert", sagt der Arzt. Die Gründe dafür seien mannigfaltig. "Bei den Patienten löst das Wort Krebs eine Lebensangst aus, sie glauben, gewaltsam vorgehen zu müssen." Der Niedrigrisiko-Charakter von Prostatakrebs sei noch nicht im Bewusstsein der Betroffenen angekommen, so Weißbach. Zudem gäbe es einen starken finanziellen Anreiz für Operation oder Bestrahlung, durch sie verdienten Kliniken mehrere tausend Euro pro Eingriff.

Verdacht auf Prostatakrebs: Ultraschall-Verfahren soll Zahl der Biopsien senken
    Prostatakrebs ist bei Deutschlands Männern der meist verbreitete bösartige Tumor - und die dritthäufigste Krebstodesart.
  • Zur Früherkennung wird neben einer Tastuntersuchung auch der PSA-Wert bestimmt, ein Entzündungswert im Blut. Ist dieser zu hoch, werden vorsichtshalber Gewebeproben aus der Prostata entnommen. Derzeit zehn bis zwölf pro Check.
  • Ein spezielles Ultraschallverfahren bei der Früherkennung von Prostatakrebs könnte nach Ansicht eines Experten viele Biopsien verhindern.
  • Laut Tillmann Loch, Professor an der Urologischen Klinik Diako in Flensburg, könnte die Ultraschalluntersuchung die Zahl der Biopsien verringern. Doch bisher fehlen größere Studien, die die Wirksamkeit der Analyse belegen.
dpa
Michhael Stöckle steht der Untersuchung kritisch gegenüber. "Die 'Harow'-Studie zeigt kaum Neues", sagt der Klinikdirektor der Klinik für Urologie und Kinderurologie am Universitätsklinikum des Saarlandes. Zudem erlaube die Beobachtungszeit von 22 Monaten keine wesentlichen Schlussfolgerungen.

Einen weiteren Schwachpunkt sieht Stöckle darin, dass die Studie nicht randomisiert ist: Die Versuchspersonen wurden nicht per Los einer der verschiedenen Behandlungsgruppen zugewiesen, sondern konnten selbst entscheiden. Daher kann der Erfolg der unterschiedlichen Ansätze nicht direkt miteinander verglichen werden, weil sich die Gruppen wesentlich etwa in der Schwere der Krankheit unterscheiden können. Die Zuteilung per Los aber, sagt Weißbach, sei für die Patienten eine riesige Hürde. "Wir wollten das den Männern nicht zumuten." Solche Studien hätten Probleme, genügend Teilnehmer zu finden.

Das scheint auch etwa bei der "Prefere"-Langzeitstudie der Fall zu sein, eine randomisierte Untersuchung, an der Stöckle beteiligt ist. Mehr als 7000 Prostatakrebs-Patienten sollen untersucht werden - bisher konnten nur 80 Teilnehmer dafür gewonnen werden.

Doch es gibt bereits randomisierte Studien zu dem Thema. Eine schwedische Langzeituntersuchung etwa kommt zu dem Schluss, dass nur jede achte Operation lebensrettend ist. Doch sie untersucht nicht die aktive Überwachung sondern das sogenannte Watchful Waiting, bei dem Patienten sich erst bei Beschwerden wieder beim Arzt melden.

Betroffene werden mit der Zeit doch nervös

Weißbach will dagegen zeigen, dass die Überwachung im klinischen Alltag machbar ist. Er räumt ein, dass auch sie nicht frei von Nebenwirkungen ist: Das Abtasten und die Blutabnahme, die vierteljährlich und möglicherweise bis ans Lebensende stattfinden, seien unangenehm. Bei manchen Patienten müssten zudem bis zu vier Biopsien gemacht werden - die Eingriffe können aber manchmal zu einer Sepsis führen oder Nerven beschädigen, die für die Potenz wichtig sind.

Zudem führe das Unterlassen der Behandlung bei manchen doch zu einem tödlichen Verlauf der Krebserkrankung, sagt Stöckle. Daraus erwächst ein psychischer Druck, mit dem Krebs zu leben. "Ärzte und Betroffene werden mit der Zeit nervös", sagt Weißbach. Das führe dazu, dass manche Patienten sich nach einiger Zeit doch für eine Operation entscheiden.

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dr.sod. 14.04.2014
1. Mal wieder viel zu kurz gedacht
Da wird mal wieder eine Studie rausgehauen und die Sinnhaftigkeit der Prostataentfernung in Frage gestellt und das nach nur 22 Monaten. Im Schnitt werden aber nur Patienten operiert die eine Lebenserwartung von mehr als 10 Jahren haben. Also was soll uns das jetzt wieder zeigen. Das Einzige was jetzt passiert ist, das wieder mehr Patienten total verunsichert werden. Die Entscheidung, ob und wie man den Krebs behandelt liegt letztlich beim Patienten. Der Arzt hat nur nach besten Wissen und Gewissen aufzuklären.
herbert 14.04.2014
2. Theorie und Praxis
Fakt ist! Prostatakrebs ist in Deutschland einer der häufigsten Todesursachen bei Männer! Fast jeder Mann ist von einer Vergrößerung der Prostata betroffen. Diese drückt auf den Harnleiter und das Pinkeln wird dann zur Qual. Wenn die Blase nicht richtig entleert ist, kann es dann zu Blasenkrebs kommen. Der PSA Wert ist ein Wert, der die Tendenz eines Karzinoms anzeigt. Daher muss festgestellt werden warum und wo die Ursachen sind. Ein Karzinom, welches noch auf der Prostata alleine sitzt ist gut zu behandeln. Macht man es nicht, fängt es an zu streuen und schon sind alle Bereiche rund um die Prostata befallen bis hin zu den Knochen. Das hat zur Folge, das ein Harnbeutel gelegt werden muss. Der Tumor wütet weiter und der befallene Mensch stirbt! Ich habe selber meinen Vater zwei Jahre betreut mit einem Prostatakrebs, den man zu spät entdeckt hat. Sein Arzt hat ganz einfach nie einen PSA Test gemacht, er wurde ja von der Krankenkasse nicht bezahlt. Das Sterben mit einem Prostatakrebs gönne ich meinem schlimmsten Feind nicht. Es ist ein Verrecken bei vollem Verstand! Daher egal welche Figuren darüber schreiben: Vorsorge, Untersuchungen und mehr ! Letztlich kommt es auch immer auf den jeweiligen Fall an, was zutun ist. Daher noch einmal ! Vorsorge !!!!
phraseonym 14.04.2014
3. @dr.sod
dem kann ich nur beipflichten. ICH entscheide und Der Arzt ist "lediglich" das Instrument. Ich bin bei meiner Krebserkrankung auch eher einen anderen als den allgemein propagierten Weg gegangen. Mein Arzt hat mich unterstützt, da er auch lieber so vorgehen wollte wie ich es mir wünschte, es sonst aber nicht Behandlungsschema 0-8-15 war. Patienten können selbstbestimmt entscheiden.
at@at 14.04.2014
4. Ich kann herbert nur zustimmen
denn auch ich habe erlebt, dass Prostatakrebs sehr aggressiv sein kann und einen Menschen innerhalb von nur drei Jahren zwischen Entdeckung und Tod dahinraffen kann. Auch in dem Fall hat der Krebs massiv gestreut, insbesondere in die Knochen. Der behandelnde Azrt war leider von einer langsam wachsenen Variante ausgegangen und ist die Behandlung am Anfang komplett falsch angegangen - irgendwann war es dann zu spät. Es mag die eher unproblematische Variante von Prostatalrebs geben, aber es gibt eben nicht nur diese Variante.
hubertrudnick1 14.04.2014
5. Es ist so gewollt
Zitat von sysopCorbisDie Diagnose Prostatakrebs führt bei vielen Männern zur Entfernung des Organs - oft mit schweren Folgen wie Impotenz. Mediziner streiten, ob der Eingriff nötig ist, da der Tumor meist langsam wächst. Ist Warten eine Alternative? http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/prostatakrebs-entfernung-der-prostata-ist-ein-umstrittener-eingriff-a-964313.html
Die Krankenhäuser sollen doch Gewinn machen und so muss man rund um die Uhr eben versuchen Geld zu machen und das kann man am besten mit unnötigen OPs. Patienten zu pflegen bringt nicht die notwendige Summe ein, darum werden Patienten auch immer zu schnell entlassen, aber Ops werden doch sehr vielen aufgeschwatzt, ich kann da von ein Lied singen, konnte mich aber noch wehren, andere nehmen die Weißkittel eben als Götter hin und lassen mit sich was machen was ihnen Geld einbringt. Es liegt am deutschen System, dass den Ärzten zwingt so zu handeln, die Politik ist gefragt.
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