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03. September 2013, 11:35 Uhr

Prostatakrebs

"Jeder Mann soll selbst entscheiden, ob er einen PSA-Test macht"

Wie sinnvoll ist der PSA-Test beim Mann? Deutsche Urologen warnen vor der Früherkennungsuntersuchung für Prostatakrebs: Das Screening kann Leben retten, aber auch fatale Fehlalarme auslösen. Eine endgültige Nutzen-Risiko-Bewertung steht noch aus.

Wie beim Brustkrebs streiten Mediziner seit Jahren über Sinn und Nutzen von Prostatakrebs-Screenings: Mit einem Bluttest können Ärzte das Risiko für Prostatakrebs abschätzen, Frühstadien erkennen und die Zahl tumorbedingter Todesfälle senken. Vom PSA-Test als generelles Früherkennungsprogramm rät die Deutsche Gesellschaft für Urologie (DGU) dennoch ab. Die Endergebnisse langjähriger internationaler Studien stünden noch aus, erklärte Präsident Michael Stöckle vor dem Jahreskongress der Gesellschaft der Nachrichtenagentur dpa. Nur sie erlaubten eine Schaden-Nutzen-Betrachtung für ein generelles PSA-Screening.

Warum ist die PSA-Früherkennung des Prostatakarzinoms umstritten?

Stöckle: Wie bei jedem Früherkennungsprogramm werden Befunde und Krankheitsstadien entdeckt und oft behandelt, deren Nichtentdeckung und Nichtbehandlung den Betroffenen nicht geschadet hätten. In der Folge kann es auch beim PSA-Test zu Überdiagnostik und Übertherapie kommen. Deren tatsächliches Ausmaß wird aber erst die endgültige Auswertung der europäischen PSA-Screening-Studie (ERSPC) zeigen. In der Öffentlichkeit werden jedoch immer wieder Zwischenergebnisse als vermeintliche Endergebnisse präsentiert - und sorgen für hitzige Kontroversen um den PSA-Test.

Wird der PSA-Test schon erfolgreich anderswo eingesetzt?

Stöckle: Eine flächendeckende Screening-Empfehlung gibt es derzeit in keinem Land der Welt. Seit Einführung des PSA-Tests in den USA ist die Sterblichkeit dort um rund 35 Prozent gesunken, die Häufigkeit metastasierter Prostatakarzinome sogar um 50 Prozent. Für die USA gibt es seriöse Hochrechnungen, wonach sie sich bei einer Abschaffung des Tests innerhalb von zehn Jahren verdreifachen würde. Auch in Deutschland ist die Sterblichkeitsrate während der letzten Jahre gesunken, wenn auch nicht im gleichen Umfang wie in den USA.

Aber auch die DGU sieht einen Massentest kritisch, was wäre aus Ihrer Sicht denn der richtige Weg?

Stöckle: Ein Massenscreening wie etwa beim Brustkrebs wird aufgrund der heutigen Studienlage noch nicht empfohlen. Wir plädieren für eine bestmögliche Aufklärung früherkennungsinteressierter Männer und auch der Öffentlichkeit über Vor- und Nachteile. Derzeit sollte jeder Mann selbst entscheiden, ob er einen PSA-Test macht. Das persönliche Erkrankungsrisiko, Lebensalter und geschätzte Lebenserwartung sollten dabei immer berücksichtigt werden. Vor allem Männer, deren Angehörige bereits in sehr jungem Alter erkrankt sind, haben ein vier- bis fünffach erhöhtes Erkrankungsrisiko. Familiäre Prostatakarzinome treten nämlich ungefähr zehn Jahre früher auf als sporadische.

Also ist die Kritik am Masseneinsatz des Bluttests berechtigt?

Stöckle: Eine abschließende Schaden-Nutzen-Bewertung des PSA-Tests ist noch nicht möglich. Der beste Umgang mit dem PSA-Test ist derzeit in der S3-Leitlinie zur Früherkennung, Diagnose und Therapie der verschiedenen Stadien des Prostatakarzinoms definiert. Das heißt: bestmögliche Aufklärung der früherkennungswilligen Männer, differenzierter Einsatz des Tests auf der Grundlage des besten und jeweils aktuellsten medizinischen Wissens. Der Test muss betrachtet werden wie ein hochwirksames Medikament - wohldosiert segensreich, aber falsch eingesetzt kann es schädlich sein.

cib/dpa

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