Zu wenig Probanden Krebsforscher blamieren sich mit Vorzeigestudie

Die weltgrößte Prostatakrebsstudie steht vor dem Aus. Ärzte haben in Deutschland viel zu wenige Probanden für das 25-Millionen-Vorzeigeprojekt gefunden. Eine echte Blamage für alle Beteiligten.
Bestrahlung eines Prostatakrebspatienten (Archivbild)

Bestrahlung eines Prostatakrebspatienten (Archivbild)

Foto: DPA

Seit Monaten ist sie klinisch tot, doch niemand will es offiziell eingestehen. Denn die Blamage ist groß: Deutschland hat die weltweit größte Studie zum lokal begrenzten Prostatakarzinom, das vorbildlich ohne industrielle Geldgeber finanzierte 25-Millionen-Projekt namens "Prefere" , vor die Wand gefahren.

Der Grund: Fachliche Einwände von Anfang an - und viel zu wenig Teilnehmer. 7600 Männer sollten von 2013 bis 2030 untersucht und behandelt werden. Ziel weit verfehlt: Bis März dieses Jahres hatten die beteiligten urologischen Praxen und Kliniken gerade mal 358 Probanden geworben.

Nach vielen Debatten und Schuldzuweisungen forderte die Deutsche Krebshilfe als Hauptgeldgeber im April von den Ärzten mehr Mitarbeit: Die Weiterförderung ab dem 1. Juli 2016 setze voraus, dass bis zum 30. Juni 2016 rund 500 Patienten in die Studie eingebracht würden. Es wurden nur 384.

Zufällige Therapieauswahl

Das Scheitern der Prefere-Studie sei "ein regelrechtes Desaster für die deutsche Urologie", schreibt Franz-Günter Runkel, Chefredakteur des Fachblatts "Uro-Forum" . In München hatten erst Anfang November Wissenschaftler "den sofortigen Abbruch"  der Studie gefordert.

Warum aber streiten sich Mediziner so heftig um ein Projekt, das die Behandlung von Prostatakrebs verbessern soll? Hauptkritikpunkt war der Studienaufbau: Die geplanten 7600 Männer mit Prostatakrebs im Frühstadium sollten per Zufall einer der vier Therapiemöglichkeiten zugelost werden: Operation (vollständige Entfernung der Prostata), Strahlentherapie von außen, Bestrahlung von innen (durch kleine, eingepflanzte Strahlenquellen, Brachytherapie genannt) oder aktive Überwachung mit regelmäßigen Kontrollen.

Nach einem Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) sollte vor allem die Brachytherapie mit den anderen Möglichkeiten verglichen werden. Jeder Teilnehmer kann vor der Zufallseinteilung bis zu zwei Optionen abwählen .

"Man hätte wissen können, dass andere Studien ähnliche Probleme hatten", sagt Lothar Weißbach. Der Urologe war Präsident der Deutschen Krebsgesellschaft und wissenschaftlicher Vorstand der Stiftung Männergesundheit. Er ist einer der energischsten Kritiker der Prefere-Studie.

Die Stiftung hatte bereits 2013 ein Gegengutachten  erstellen lassen, das prognostizierte, dass es sehr schwierig bis unwahrscheinlich sei, genug Teilnehmer zu gewinnen. Zudem sei die Fragestellung bereits in anderen Studien in Skandinavien, Großbritannien  und den USA  untersucht worden. "Heute", sagt Lothar Weißbach, "wissen wir auch ohne Prefere, dass die vier Möglichkeiten etwa gleichwertig sind. Betroffene können sich also je nach Alter und persönlichen Präferenzen entscheiden."

Warum kamen nicht genug Probanden zusammen? Manche sagen, Patienten wollten bei einer Krebserkrankung die Behandlungsart nicht dem Zufall überlassen. Andere meinen, die Urologen hätten sich nicht engagiert für die Studie eingesetzt. "Manche Praxis-Netzwerke haben viele Teilnehmer rekrutiert, deutlich mehr als manche Uniklinik", sagt Jens-Peter Zacharias vom Bundesverband Prostatakrebs Selbsthilfe (BPS).

Zahl der OPs sinkt

Als Befürworter der Studie kritisiert er die mangelnde Forschungsmitarbeit der Ärzteschaft. "Prefere wäre ein Modell für andere Krankheiten. Wir können doch nicht immer auf amerikanische Studien warten." Tatsächlich kamen von mehr als hundert großen Vergleichsstudien (RCT) mit besonderer Relevanz für die deutsche Gesundheitsversorgung in den letzten drei Jahren nur eine Handvoll aus Deutschland.

Hinzu kommen möglicherweise Eigeninteressen der beteiligten Ärzte. Urologen und Fachärzte für Strahlentherapie, die mit Bestrahlung oder Operationen ihr Geld verdienen, dürften wenig davon begeistert sein, Patienten zu erklären, dass sie auch auf die Behandlung verzichten können und man den meist sehr langsam wachsenden Tumor oft auch nur beobachten kann. Die Zahl der radikalen Prostataoperationen ist bereits von mehr als 30.000 im Jahr 2008 auf gut 22.000 im Jahr 2013 zurückgegangen.

Doch so einfach beerdigen lässt sich Prefere wohl nicht: Mehrere Schwergewichte des deutschen Gesundheitssystems haben die Studie unterstützt, organisiert und finanziert: Die Deutsche Krebshilfe (mit 13,5 Millionen Euro aus Spendengeldern), die gesetzlichen und privaten Krankenkassen (mit 11,5 Millionen Euro aus Versichertengeldern), die Deutsche Krebsgesellschaft (Organisation) sowie das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG, Konzeption). Sie alle fürchten einen Imageschaden.

"Man kann sehr viel daraus lernen"

Auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE erklärte die Pressestelle der Deutsche Krebshilfe: "Zur Bewertung des Studiensachstandes und zur Frage der Weiterförderung werden sich die Deutsche Krebshilfe, die gesetzlichen Krankenkassen sowie die privaten Krankenversicherungen in Kürze äußern und die Öffentlichkeit informieren."

Auch beim obersten Entscheidungsgremium in Gesundheitsfragen, dem Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA), weiß man: Man muss die Studie beenden, aber so, dass die Beteiligten ihr Gesicht wahren können. Einen Vorschlag machte in München die Ärztin Christiane Roloff: Prefere könne in eine Versorgungsforschungsstudie ohne zufällige Patienteneinteilung umgewandelt werden.

"Man kann sehr viel daraus lernen", kommentiert Lothar Weißbach die Pleite, "etwa über Studienplanung und Studienfinanzierung, aber auch darüber, wie abhängig die Wissenschaft ist und wie wenig wissenschaftliche Argumente gelten, wenn es um viel Geld geht." Nicht nur um die 25 Millionen Prefere-Kosten, von denen womöglich schon ein Drittel ausgegeben ist. Der aktiven Überwachung gehöre die Zukunft. Für sie entschieden sich laut einer schwedischen Studie bis zu 91 Prozent der Teilnehmer .

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