Ein rätselhafter Patient Einmal todkrank und zurück

Ohnmacht, Psychose, Krampfanfälle: Der Zustand einer 17-Jährigen aus Sri Lanka verschlechtert sich rapide. Die Ärzte diagnostizieren Tollwut und geben sie auf - doch die Eltern holen eine Zweitmeinung ein.

Als die junge Frau in der Schule in Ohnmacht fällt, wird sie sofort ins Krankenhaus von Hambantota im Süden Sri Lankas gebracht. Doch bei der Untersuchung bemerken die Ärzte nichts Auffälliges. Sie entlassen die 17 Jahre alte Patientin, die zuvor völlig gesund war, wieder.

Am folgenden Morgen ist die Schülerin sehr unruhig und viel redseliger als normalerweise. In den folgenden Tagen nimmt ihre Unruhe weiter zu, sodass ihre Eltern schließlich einen Psychiater zu Rate ziehen. Die Diagnose: Die junge Frau leidet an einer akuten Psychose. Ihr wird ein Antipsychotikum verschrieben, ein Medikament, das sie aus dem andauernden Erregungszustand holen soll.

In den folgenden zwei Tagen wird die Patientin immer schläfriger und sie hat wiederholt Krampfanfälle, weshalb ihre Eltern erneut im Krankenhaus von Hambantota vorstellig werden.

Inzwischen geht es der 17-Jährigen sehr schlecht. Sie leidet unter einer mittelschweren Bewusstseinsstörung, so das Urteil der Ärzte. Außerdem hat sie Angst vor Wasser, der Anblick löst Krämpfe bei ihr aus. Dasselbe passiert, als sie dem Luftzug eines Ventilators ausgesetzt wird. Während ihrer Krampfanfälle überstreckt sie den Rücken zu einem Hohlkreuz mit weit nach hinten geneigtem Kopf.

Ein klassisches Symptom

Die neue Diagnose lautet nun Tollwut. Starke Angst vor Wasser ist ein charakteristisches Zeichen für die Infektionskrankheit. Die junge Frau wurde im Monat zuvor von einem Hund gebissen - dabei muss sie sich wohl angesteckt haben.

Die Ärzte teilen der Familie mit, dass es keine Hoffnung mehr gibt. Eine Impfung kurz nach dem Tierbiss kann verhindern, dass die Tollwut ausbricht. Doch ist die Krankheit schon so weit fortgeschritten, gibt es keine etablierte Behandlungsmöglichkeit. Fast alle Erkrankten sterben binnen weniger Tage.

Mit dieser Diagnose wollen sich die Eltern nicht abfinden. Sie bitten in der Uniklinik der Universität Ruhuna um eine Zweitmeinung. Seit dem Tag, an dem das Mädchen in der Schule ohnmächtig wurde, sind zwei Wochen vergangen. Die Ärzte notieren dieselben Symptome, die ihre Kollegen in Hambantota beobachtet haben. Im Fachblatt "BMC Research Notes"  berichtet das Team um M.H.H. Mudiyanselage über den Fall. Außerdem stellen sie fest, dass die Patientin fiebrig ist, ihre Körpertemperatur liegt bei 39,6 Grad Celsius.

Auf einer Computertomografie bemerken die Ärzte keine Auffälligkeiten. Die Werte einer entnommenen Probe von Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit sind ebenso wie die meisten Blutwerte im normalen Bereich. Allerdings ist die sogenannte Blutsenkungsgeschwindigkeit erhöht, was unter anderem auf eine Entzündung oder einen Tumor deuten kann.

Ein unwahrscheinlicher Verdacht

Eine weitere Möglichkeit wollen die Ärzte noch klären: Sie lassen das Blut auf den Malaria-Erreger Plasmodium falciparum testen. Die Tropenkrankheit kann das Nervensystem in Mitleidenschaft ziehen, man spricht dann von einer zerebralen Malaria. Sie kann sich durch Krampfanfälle und Bewusstseinsstörungen äußern.

Dass die junge Frau Malaria hat, ist äußerst unwahrscheinlich. Die Tropenkrankheit wurde in Sri Lanka fast ausgerottet. Im Jahr 2000 gab es landesweit noch 210.039 Fälle, berichten die Ärzte - im Jahr 2012 waren es 23. Und nicht jede Infektion wird zu einer zerebralen Malaria.

Doch der Verdacht war der richtige: Die Patientin ist mit Plasmodium falciparum infiziert.

Warum kam es zu zwei Fehldiagnosen, ehe die richtige gestellt wurde? Der Fall sei untypisch, schreiben die Ärzte. Malaria beginnt fast immer mit Fieber, oft leiden Erkrankte zusätzlich unter Kopf- und Gliederschmerzen. Diese Symptome hatte die junge Frau nicht, als die ersten zwei Diagnosen gestellt wurden. Die Wasserphobie, die sie entwickelte, ist dagegen ein bekanntes Merkmal für Tollwut - und wurde nach Aussage der Ärzte bisher nicht bei zerebraler Malaria beschrieben.

Sie verabreichen der Patientin sofort ein Malariamittel, zusätzlich erhält sie ein Epilepsiemedikament gegen die Krampfanfälle.

Schon am folgenden Tag geht es ihr ein wenig besser. Nach einer Woche kann sie entlassen werden. Im folgenden Vierteljahr überprüfen die Ärzte den Zustand der Patientin monatlich. Ihrem Urteil zufolge trägt sie keine bleibenden Schäden davon.