Psychische Krankheiten Systemische Therapie wird Kassenleistung

Die Systemische Therapie sieht Probleme als Resultat sozialer Beziehungen, etwa in der Familie. Bei der Behandlung werden daher auch die Bezugspersonen der Patienten involviert.

Eine Familientherapie mussten Patienten bisher selbst zahlen (Symbolbild)
SDI Productions/ Getty Images

Eine Familientherapie mussten Patienten bisher selbst zahlen (Symbolbild)


Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) hat beschlossen, die Systemische Therapie als Pflichtleistung der gesetzlichen Krankenversicherung zuzulassen. Das Psychotherapieverfahren zur Behandlung psychisch kranker Erwachsener wurde entsprechend in der Richtlinie Psychotherapie ergänzt.

Die beiden Fachverbände Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie (DGSF) und die Systemische Gesellschaft (SG) hatten bereits seit Jahren gefordert, die Systemische Therapie zur Kassenleistung zu machen. 2008 wurde das Verfahren durch den Wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie als "wissenschaftlich anerkannt" deklariert. Bisher werden nur die Psychoanalyse, die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie und die Verhaltenstherapie als ambulante Versorgung von der Krankenkasse übernommen.

Symptome entstehen aufgrund von Beziehungsmustern

In der Systemischen Therapie werden Probleme nicht als Eigenschaft einzelner Personen gesehen, sondern als Auswirkung von sozialen Beziehungen innerhalb einer Familie oder Gruppe. "Individuelle Symptome werden als Ergebnis von krankheitserzeugenden und -aufrechterhaltenden Beziehungsmustern im Kontext der wichtigen Bezugspersonen gesehen", heißt es auf der Website der DGSF. Die Therapie fokussiert sich dementsprechend nicht auf die einzelne Person, sondern auf die Interaktion zwischen Mitgliedern der Familie und der weiteren sozialen Umwelt - sie ist daher auch als Familientherapie bekannt.

"Auf diesen Moment haben sehr viele Menschen in Deutschland gewartet", sagte Ulrike Borst, Vorsitzende der Systemischen Gesellschaft. "Dem psychotherapeutischen Angebot der gesetzlichen Krankenversicherungen ist heute ein hochwirksames und innovatives Angebot hinzugefügt worden."

Vor einem Jahr hatte der G-BA den Nutzen und die medizinische Notwendigkeit der Systemischen Therapie bei Erwachsenen als Psychotherapieverfahren anerkannt. Das Verfahren wirke bei Erwachsenen insbesondere bei Angst- und Zwangsstörungen, bei unipolarer Depression, Schizophrenie, Substanzkonsumstörungen und Essstörungen, heißt es in der Mitteilung des G-BA.

Weniger Sitzungen, mehrere Personen

Dem G-BA zufolge kann die Systemische Therapie künftig von ärztlichen und psychologischen Psychotherapeuten mit entsprechender Weiterbildung als Kurzzeittherapie zweimal für zwölf Therapiestunden angeboten werden. Als Langzeittherapie kann sie bis zu 48 Stunden dauern.

Zudem kann sie als Einzel- oder Gruppentherapie oder als Kombination aus beidem angeboten werden. Die spezifische Anwendungsform ist demnach das "Mehrpersonensetting", bei dem relevante Bezugspersonen der Patienten in die Behandlung einbezogen werden. Befürworter der Systemischen Therapie gehen davon aus, dass auch die Zahl der notwendigen Sitzungen gesenkt werden könnte - und damit die Kosten.

Der Beschluss zur Änderung der Psychotherapie-Richtlinie wird nun dem Bundesministerium für Gesundheit (BMG) zur rechtlichen Prüfung vorgelegt. Er tritt nach Nichtbeanstandung durch das BMG und Veröffentlichung im Bundesanzeiger in Kraft.

kry



insgesamt 47 Beiträge
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Seite 1
dr.psych333 25.11.2019
1. Meilenstein
Das die sytemische Therapie jetzt Kassenleistung ist, ist ein wesentlicher und sehr positiver und bedeutsamer Schritt in der Psychotherapieentwicklung insgesamt. Zu glauben, damit würden die Therapien insgesamt kürzer, halte ich für eine Illusion. Systemische Therapeuten sollten damit auch nicht werben, denn damit schaden sie sich, den Patienten und auch den anderen Verfahren. Denn die Kassen können solche Gedanken schnell aufgreifen und Pat. und Therapeuten damit unter Druck setzen. Niemand kann zaubern und menschliche Entwicklung braucht Zeit, denn darum geht es, um Nachentwicklung und nicht um Reparatur. Aber nicht nur die Systemiker gucken auf die sozialen Beziehungen. In einer anderen Methodik, aber nicht weniger gründlich, schauen sowohl Verhaltenstherapeuten, als auf tiefenpsychologische Therapeuten und auch, auch wenn es dem gängigen Vorurteil wiederspricht, Psychoanalytiker auf die krankheitsbegründenden Faktoren schwieriger sozialer Beziehungen. Ein großer Inititiator der Familientherapie in Deutschland war der bekennende Psychoanalytiker Horst-Eberhard-Richter. Es wäre auch extrem zu begrüßen, wenn nicht nur Systemiker von der Krankenkasse bezahlte Familiensitzungen machen könnten, sondern auch alle anderen Therapeuten der zugelassenen Methoden.
j.c.nolte 25.11.2019
2. Endlich!
Das wurde auch allerhöchste Zeit. Ich habe das bereits 1998 gemacht, auf eigene Kosten im Rahmen einer Verhaltenstherapie bei einem kassenärztlich zugelassenen psychologischen Psychotherapeuten (und nicht bei einem Laien). Was ich damals nicht wusste: Es war bei mir fünfvorzwölf. Nicht nur, dass es der Therapeut geschafft hat, mich wieder zu meiner selbst gegründeten Familie zurückzubringen, er hat mir damit auch noch nebenbei kurz mein Leben gerettet. Eines der besten und effizientesten Therapieverfahren, die ich bislang kennengelernt habe.
isar56 25.11.2019
3. Wir haben
in unserer Kleinstadt eine sehr gute psychologische Beratungsstelle/ mit Erziehungsberatung. Seit über 30 Jahren arbeite ich mit benachteiligten Familien, die ich gerne an diese Institution vermittle und den Verlauf begleite - je nach Wunsch. Mir ist nichts Anderes bekannt als der systemische Ansatz. Die Beratungsstelle wird allerdings nicht von Krankenversicherungen finanziert, sondern aus Steuergeldern. Somit ist der Kreis der Einzahler größer. Die Psychologen, Pädagogen, Sozialarbeiter und Heilpädagogen erhalten Gehalt, statt 100 Euro und mehr pro Beratungseinheit. Das entspricht so meinen Erfahrungen bisher.
St.Baphomet 25.11.2019
4. Ziehen die privaten Kassen nach
oder dauert dies noch 20 Jahre? Ich kann j.c.nolte Heute, 11:47 definitiv zustimmen. Hilft mit Abstand besser als jede zusammen verb(k)rachte teure Urlaubsreise.
nobody_incognito 25.11.2019
5.
Zitat von j.c.nolteDas wurde auch allerhöchste Zeit. Ich habe das bereits 1998 gemacht, auf eigene Kosten im Rahmen einer Verhaltenstherapie bei einem kassenärztlich zugelassenen psychologischen Psychotherapeuten (und nicht bei einem Laien). Was ich damals nicht wusste: Es war bei mir fünfvorzwölf. Nicht nur, dass es der Therapeut geschafft hat, mich wieder zu meiner selbst gegründeten Familie zurückzubringen, er hat mir damit auch noch nebenbei kurz mein Leben gerettet. Eines der besten und effizientesten Therapieverfahren, die ich bislang kennengelernt habe.
Würde mich persönlich interessieren, wo da das konkrete Problem war, bzw. zu welchen heilsamen^^ Erkenntnissen Ihnen die Therapie verholfen hat. Also die "Heilung" kann doch nur in einem veränderten Bewusstsein liegen, welches sich dann auf die emotionalen Befindlichkeiten positiv auswirkt, liegen?
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