Elektrostimulation Querschnittsgelähmter geht über hundert Meter

Drei Jahre nach einem schweren Unfall beginnt ein Querschnittsgelähmter eine experimentelle Therapie: Mittels Elektroden wird sein Rückenmark stimuliert. Heute kann der Mann kleine Strecken gehen.

Der schwere Unfall lag schon drei Jahre zurück, da entschied sich der 29-jährige Querschnittsgelähmte, an einer Studie teilzunehmen. Sein Rückenmark war auf Höhe der mittleren Brustwirbelsäule so schwer geschädigt, dass er nicht mehr laufen konnte, der 5. bis 11. Brustwirbel waren versteift worden.

Heute kann der Mann mit etwas Hilfe wieder einige Schritt gehen: Nach 43 Wochen Rehabilitationstherapie mit 113 Trainingseinheiten hat er mittels der sogenannten elektrischen Rückenmarkstimulation 331 Schritte und damit eine Strecke von 102 Metern geschafft. Das berichtet ein Forscherteam der Mayo Clinic in Rochester im US-Bundesstaat Minnesota im Fachjournal "Nature Medicine".  Für die Strecke benötigte er einen Rollator, ein Therapeut musste ihn außerdem an der Hüfte unterstützen.

Komplexe Bewegungen für einen Schritt

Bei einer Querschnittslähmung ist das Rückenmark des Patienten so stark beschädigt, dass die Signale aus dem Gehirn nicht mehr oder kaum noch an die Beine weitergeleitet werden - ebenso wenig wie umgekehrt. Mithilfe der elektrischen Rückenmarkstimulation versuchen Mediziner, die verletzte Stelle zu überbrücken. Dafür werden Elektroden auf die dem Rückenmark aufliegenden Hirnhäute implantiert. Die Elektroden sind extern steuerbar, etwa über einen Computer.

Bei dem jungen Patienten war das Rückenmark nicht vollständig durchtrennt, einige wenige Nervenfasern waren trotz des Unfalls intakt geblieben. Die Mediziner gaben zunächst einfache Elektroimpulse in verschiedene Beinmuskeln. Dabei entdeckten sie, dass ein einzelnes Stimulationsmuster für die komplexe Bewegungsabfolge eines Schrittes nicht ausreichte. Sie entwickelten daher zwei unterschiedliche Muster, die so miteinander verzahnt wurden, dass der Patient die verschiedenen Phasen eines Schritts meistern konnte.

Was bedeutet das für den Alltag?

Norbert Weidner, ärztlicher Direktor der Klinik für Paraplegiologie am Universitätsklinikum Heidelberg, hält die Fallbeschreibung für gut gemacht. Er gibt allerdings zu bedenken, dass es sich um einen speziellen Patienten handelt, "sodass fraglich ist, inwiefern andere querschnittsgelähmte Patienten in gleicher Weise trainiert werden können", so Weidner. Der beobachtete Effekt sei wissenschaftlich interessant, aber auch mit den gezeigten Fortschritten könne der Patient seinen Alltag nicht meistern.

Problematisch sei zudem, dass es bei dem Therapieansatz keine Rückkopplung über die Stellung der Beine im Raum ans Gehirn gebe. Für sicheres Gehen ist aber genau diese Information sehr wichtig. Weidner sieht für die experimentelle Behandlung daher ein größeres Potenzial bei nicht vollständig Gelähmten, die unterhalb der verletzten Stelle am Rückenmark zumindest noch ansatzweise Bewegungen ausführen können.

Auch Jocelyne Bloch vom Centre Hospitalier Universitaire Vaudois im schweizerischen Lausanne sagt: "Im Labor einige Schritte zu tun, bedeutet nicht, dass das auch zu Hause und im Alltag klappt und das Leben verändert. Wir sollten also wortwörtlich einen Schritt zurücktreten und die Ergebnisse in der Realität betrachten."

"Du stellst dich einfach hin"

Doch auch wenn diese Form der Therapie keine Heilung ist, da die zerstörten Nervenzellen im Rückenmark nicht repariert werden, können doch auch wenige Schritte für einen Betroffenen eine große Bedeutung haben. Das berichteten auch vier Querschnittsgelähmte, denen vor einigen Jahren bereits kleine Elektroden implantiert worden waren. "Wenn du so lange nicht stehen konntest und drehst dann den Stimulator an und stellst dich einfach hin", sagte einer von ihnen damals, "dann ist es großartig zu sehen: Ich stehe!"

Die Forscherin Susan Harkema von der University of Louisville im US-Bundesstaat Kentucky berichtet zeitgleich in einer Publikation im "New England Journal of Medicine" von den Fortschritten der vier Patienten - und darüber, was die Wissenschaft aus der Zusammenarbeit mit ihnen für Schlüsse ziehen kann.

Zwei von ihnen konnten nach intensivem Training wieder einige Schritte gehen, alle vier konnten zumindest selbstständig stehen. Neben der elektrischen Stimulation und dem Training war der Wille der Patienten für das Gehvermögen entscheidend: Sie mussten sich fest vornehmen zu gehen. Sobald sie die mentale Absicht einstellten, konnten sie ihre Beine nicht mehr bewegen, berichten die Wissenschaftler.

hei/dpa
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