Größte Fallstudie zu neuer Methode Mediziner gaben Querschnittsgelähmten Bewegungen zurück

Sie essen selbstständig, greifen nach dem Smartphone: Durch eine neue OP-Methode können 13 junge Querschnittsgelähmte bislang deaktivierte Muskeln wieder nutzen. Dafür manipulierten die Forscher Nerven.

Nach der Operation dauert es drei bis sechs Monate bis zur ersten kleinen Bewegung
Washington University School of Medicine/ The Lancet

Nach der Operation dauert es drei bis sechs Monate bis zur ersten kleinen Bewegung


Das Umlagern von Nerven hat 13 jungen Menschen in Australien ermöglicht, ihre bis dahin gelähmten Arme und Hände wieder zu bewegen. Davon berichten die Forscher der bisher größten Fallstudie zu diesem Thema im Fachmagazin "The Lancet".

Die australischen Mediziner um Natasha van Zyl hatten 16 junge Menschen operiert, die weniger als eineinhalb Jahre vorher durch einen Unfall vom Hals abwärts gelähmt worden waren. Im Durchschnitt waren die Teilnehmer 27 Jahre alt. 13 von ihnen waren zwei Jahre nach der Operation und intensiver Physiotherapie wieder in der Lage, ihren Ellenbogen zu strecken und Dinge mit ihrer Hand zu greifen.

Ein aufregender Moment

Bei dem Operationsverfahren verknüpften die Forscher durch die Querschnittslähmung deaktivierte Muskeln im Arm oder der Hand mit gesunden Nerven. Dafür wählten sie einen gesunden Nerv oberhalb der Verletzung des Rückenmarks aus, der noch mit dem Gehirn kommunizieren konnte. Diesen trennten sie von seinem eigentlichen Muskel ab und verknüpften ihn stattdessen mit dem verletzten Nerv, der den Zielmuskel gesteuert hatte.

Der gesunde Nerv (grün) liegt über der Verletzung im Rückenmark. Aus diesem Grund kann das Gehirn noch mit ihm kommunizieren. Er wurde mit einem verletzten Nerv (rot) verbunden, um dessen Muskel anzusteuern.
The Lancet

Der gesunde Nerv (grün) liegt über der Verletzung im Rückenmark. Aus diesem Grund kann das Gehirn noch mit ihm kommunizieren. Er wurde mit einem verletzten Nerv (rot) verbunden, um dessen Muskel anzusteuern.

In der Phase nach dem Eingriff wuchs der gesunde Nerv an den anderen Nervenfasern entlang bis zum Zielmuskel - laut van Zyt legte er ungefähr einen Millimeter pro Tag zurück. Je nachdem, um welchen Muskel und welchen Nerv es sich handelte, dauerte es zwischen drei und neun Monate, bis er den Zielmuskel erreicht hatte. Ab diesem Augenblick konnten die Patienten den Muskel mithilfe des Nervs wieder ansteuern.

"Es ist immer ein aufregender Moment für die Chirurgen, Therapeuten und Patienten, wenn sie die erste kleine Bewegung sehen. Normalerweise gibt es dann viele glückliche Gesichter - und manchmal ein paar Tränen", sagte van Zyl. Für viele Betroffene sei eine Verbesserung der Handfunktionen ein extrem wichtiges Ziel. "Das gibt ihnen eine größere Unabhängigkeit und die Möglichkeit, einfacher am Familien- und Arbeitsleben teilzunehmen", so die Leiterin der Studie.

Vorteile gegenüber dem bisherigen Vorgehen

Durch den Transfer der Nerven konnten die behandelten Patienten wieder selbstständig essen, Make-up auftragen und elektronische Geräte verwenden, heißt es in der Studie. Die Kontrolle über ihren Ellenbogen ermögliche es ihnen zudem, ihren Rollstuhl selbst anzutreiben und in ihr Bett oder ein Auto zu gelangen.

Bisher nutzten Forscher bei ähnlichen Versuchen meist die Sehnen noch gesunder Muskeln und verbanden diese mit einem gelähmten Muskel, um ihn wieder bewegen zu können. Der Transfer von Nerven kann laut der Studie ähnliche Effekte erzielen, außerdem können mit einem Nerv sogar mehrere Muskeln auf einmal reaktiviert werden.

Ein weiterer Vorteil: Der Eingriff ist kleiner und der Arm muss danach nur zehn Tage in einer Schlinge ruhig gehalten werden - bei einer Umlagerung von Sehnen sind es laut Studie sechs bis zwölf Wochen in einer Orthese, also einer flexiblen Schiene.

Die Grenzen der Technik

Bei zehn der Studienteilnehmer nutzten die Forscher beide Techniken - an einem Arm transferierten sie Nerven und am anderen Arm lagerten sie Sehnen um. Meist ergebe eine transplantierte Sehne einen stärkeren Griff, während eine Hand mit transferiertem Nerv geschickter gesteuert werden könne, so van Zyl.

Menschen, die mit ihrer dominanten Hand am Computer arbeiten oder sanftere, natürlichere Bewegungen machen wollten, wurde an diesem Arm ein Nerv transferiert. Wollten sie Werkzeuge verwenden oder mehr Kraft in dieser Hand entwickeln, verlagerten die Mediziner eine Sehne.

Der Nerventransfer glückte allerdings nicht bei allen Patienten. Bei drei der Gelähmten scheiterte er oder funktionierte nur mit Komplikationen. Man müsse noch besser erforschen, für welche Patienten sich die Technik am besten eigne, schreiben die Forscher. Auch sonst räumten sie Grenzen der Technik ein: Die Methode sei besonders sechs bis zwölf Monate nach der Verletzung sinnvoll. Und auch bei erfolgreichem Transfer könne es Monate dauern, bis man eine erste Bewegung sehe.

Trotzdem und auch trotz der geringen Studiengröße sehen die Forscher eine spannende neue Möglichkeit in der Technik. Die untersuchten Fälle hätten gezeigt, dass der Transfer von Nerven kombiniert mit der Umlagerung von Sehnen zu einer großen Verbesserung für die Betroffenen führen könne, sagte van Zyl.



insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
Claudia_D 05.07.2019
1. Endlich...
...einmal wieder eine gute Nachricht in all dem Chaos. Ich freue mich für die Patienten und gratuliere den Ärzten.
svempa 05.07.2019
2. Ausserhalb vom Körper wachsen lassen
Der finale Schritt wäre dann doch, die benötigten Nervenstränge im Reagenzglas zu " züchten" und dann in den Körper einarbeiten. Und Bums ist die Lähmung weg. Cooler Ansatz.
Aurora vor dem Schilf 05.07.2019
3.
Eine Hoffnung machende Nachricht für Tetraplegiker. Man darf sich allerdings keine übertriebenen Vorstellungen machen: Was die Leute zurückbekommen ist eine eingeschränkte Handfunktion, bei der einfachste motorische Bewegungsabläufe erlernt werden können. Trotzdem: Die Aussicht, selbstständig Essen, jemanden begrüssen oder eine Tastatur mit der Hand bedienen zu können ist ein riesiger Fortschritt. Hättest Du das noch erleben können, Anja.
bert1966 05.07.2019
4. What´s new?
Den Transfer peripherer Nerven gibt es als operatives Verfahren schon seit Beginn der modernen Neurochirurgie (also seit der Nachkriegszeit), erfolgreiche Sehnenumstellungsverfahren seit der Etablierung der Methodik durch Ferdinand Sauerbruch. Einzig die Kombination beider Verfahren ist einigermaßen innovativ, wenn auch nicht neu. Es wurden im Lancet lediglich die Ergebnisse einer größeren prospektiven Serie vorgestellt.
bert1966 05.07.2019
5.
Zitat von svempaDer finale Schritt wäre dann doch, die benötigten Nervenstränge im Reagenzglas zu " züchten" und dann in den Körper einarbeiten. Und Bums ist die Lähmung weg. Cooler Ansatz.
Das wesentliche Problem ist derzeit nicht die in vitro-Züchtung menschlicher Zellen, sondern die zu rasche bindegewebige Vernarbung und die umkoordinierte Reorganisation der verletzten Strukturen. Darum erneut: kein neues Verfahren, eine schöne, altbekannte Hilfe im Rahmen der Nutzung der körpereigenen Restfunktionen, aber weit entfernt von "Bums ist die Lähmung weg".
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