Ein rätselhafter Patient Krampf ums Herz

Ein Migränemedikament löst bei einer Patientin Brustschmerzen aus. Die bedrohlichen Beschwerden scheinen zunächst halb so schlimm, monatelang behandelt die Patientin sie mit einem Spray. Bis eines Tages ihr Herz stehen bleibt.
Wiederbelebung: Verkrampfte Herzgefäße stoppen den Kreislauf

Wiederbelebung: Verkrampfte Herzgefäße stoppen den Kreislauf

Foto: Corbis

Die Frau leidet unter Migräne, sie nimmt ein Medikament gegen die heftigen Kopfschmerzen, kurz darauf muss sie ins Krankenhaus. Eine seltene, aber gefürchtete Nebenwirkung des Wirkstoffs, des sogenannten Triptans, macht ihr zu schaffen: Sie spürt die Brustschmerzen einer Angina pectoris.

Im Elektrokardiogramm, dem EKG, sehen die Ärzte Anzeichen eines Herzinfarkts, ein Labortest allerdings bleibt unauffällig. Die Kardiologen machen eine Koronarangiografie, sie schieben einen Katheter ins Herz der Frau und spritzen ein Kontrastmittel in die Gefäße, die den Herzmuskel mit Blut versorgen. Die Herzkranzgefäße scheinen gesund zu sein, allerdings wirken sie teilweise verkrampft.

Ärzte bezeichnen den beobachteten Zustand als Koronarspasmus, die Frau hat eine Prinzmetal-Angina. Bei dem Phänomen können die Gefäßkrämpfe schlimmstenfalls zu einem Herzinfarkt führen, seinen Namen verdankt es dem amerikanische Kardiologen Myron Prinzmetal. Er hatte es als erster beschrieben.

Um künftige Anginaanfälle zu verhindern, soll die Patientin ein vorbeugendes Medikament einnehmen, das Rauchen aufgeben und auch keine Triptane mehr gegen ihre Migräne schlucken. Für künftige Anfälle bekommt sie ein Spray, das einen gefäßerweiternden Wirkstoff enthält. Tatsächlich kann sie einige Brustschmerzattacken erfolgreich mit dem Glyceroltrinitrat-Spray bekämpfen.

Doch ein Jahr später hilft es nicht mehr. Die 46-Jährige bricht zusammen, ihr Herz bleibt stehen, sie muss vom Rettungsdienst wiederbelebt werden, die Reanimation glückt.

Schneller Herzrhythmus

Auf dem EKG-Streifen, der bereits vor dem Herzstillstand die elektrische Aktivität im Herzmuskel aufgezeichnet hat, fällt den Ärzten im britischen Oxford Heart Centre nur auf, dass der ansonsten normale Herzrhythmus schneller war als üblich, berichten Judy Martin und ihre Kollegen im Fachmagazin "The Lancet" .

Nach ihrem Herzstillstand behandeln die Herzspezialisten die Patientin auf der Intensivstation, wo sie in Narkose beatmet wird. Während der ersten 48 Stunden bleibt ihr Herz noch insgesamt fünf Mal stehen, während im EKG scheinbar normale Rhythmen zu sehen sind. Im Fachjargon heißt das Phänomen pulslose elektrische Aktivität - trotz der Signale zieht sich der Herzmuskel nicht zusammen.

Wie beim ersten Angina-Anfall ein Jahr zuvor sehen die Mediziner während dieser Kreislaufstillstände im EKG Hinweise auf einen Herzinfarkt, der Blutdruck verschlechtert sich zunächst, schließlich stellt das Herz das Pumpen ein. Jedes Mal gelingt es den Intensivmedizinern, durch 15- bis 25-minütige Reanimation die Patientin zurück ins Leben zu holen.

Zwischen diesen dramatischen und lebensbedrohlichen Kreislaufstillständen kontrollieren die Ärzte das Herz der Patientin mehrfach und mit verschiedenen Mitteln. Im Ultraschallbild sehen sie normal große Herzkammern, die ohne Auffälligkeiten Blut pumpen. Das EKG ist unauffällig. Auch wiederholte Katheteruntersuchungen zeigen normale Herzkranzgefäße, wenn auch deren Durchmesser im Vergleich zum Vorjahr etwas abgenommen hat.

Pumpe in der Hauptschlagader

Die Patientin bekommt einen vorübergehenden Herzschrittmacher und eine in der Hauptschlagader arbeitende Pumpe, die das Herz entlasten soll: Ein Ballon wird in der Hauptschlagader aufgepumpt, wenn die Herzkammern sich mit Blut füllen; so steigt die Blutversorgung des Herzens selbst. Sobald der Herzmuskel sich zusammenzieht und Blut aus den Herzkammern in den Körper pumpt, wird der Ballon geleert und senkt dadurch den Widerstand, gegen den das Herz arbeiten muss. Den Ärzten gelingt es, einen weiteren sich im EKG ankündigenden Herzstillstand mit Medikamenten zu verhindern.

Die britischen Ärzte berichten, zwar sei das erhöhte Risiko für einen Herzstillstand bei Patienten mit einer Prinzmetal-Angina bekannt, es gebe auch vereinzelt Fallberichte von Herzstillständen, doch die britische Patientin habe es besonders schwer getroffen. In der medizinischen Literatur sei nur ein annähernd vergleichbarer Fall beschrieben, doch selbst bei diesem Patienten sei es nicht zu wiederholten pulslosen elektrischen Aktivitäten gekommen.

Die britische Patientin hat vor allem am Gehirn keine bleibenden Schäden ihrer vielfachen Kreislaufstillstände davongetragen, bei einer Kontrolluntersuchung im Sommer 2013 sei es ihr gut gegangen, schreiben die Ärzte. Für künftige Angina-Attacken trägt sie weiterhin ein Glyceroltrinitrat-Spray bei sich und weiß, dass sie im Ernstfall sofort Hilfe benötigt.

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