Ein rätselhafter Patient Die seltsame Nuss

Ein junger Mann liegt blutend auf der Straße. Intensivmediziner können sein Leben retten, aber in seinem Kopf entdecken sie einen Tumor. Doch als sich der Patient von dem Trauma erholt, zweifeln die Mediziner plötzlich an ihrer Diagnose.

Computertomografie vom Kopf des Patienten: Was wächst da in der mittleren Schädelgrube (grünes Kreuz) des Mannes?
BioMed Central Ltd.

Computertomografie vom Kopf des Patienten: Was wächst da in der mittleren Schädelgrube (grünes Kreuz) des Mannes?

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Als die Helfer den 23-Jährigen finden, liegt er auf der Straße. Aus einer Platzwunde an seinem Hinterkopf blutet es, der Mann reagiert nur langsam, sprechen kann er kaum. Was passiert ist, weiß niemand, vermutlich war es eine Schlägerei. In Costa Ricas Hauptstadt San José ist das keine Seltenheit.

Schnell wird der Verletzte in ein Krankenhaus eingeliefert. Die Notfallmediziner und Neurologen erkennen sofort, dass der Mann in Lebensgefahr schwebt: Er reagiert nur noch auf Schmerzreize und seine Pupillen sind ungleich groß - Zeichen für ein schweres Schädel-Hirn-Trauma. Um seine Atmung zu sichern, intubieren ihn die Ärzte in der Klinik.

Dann röntgen sie seinen Schädel. Die CT-Aufnahmen zeigen mehrere Hirnblutungen, eine Bruchlinie im Schädelknochen und geschwollenes Hirngewebe. Diese Befunde erklären den kritischen Zustand des Mannes, den die Ärzte zur Überwachung und Therapie auf die Intensivstation verlegen.

Auf den Schichtaufnahmen des Kopfes entdecken die Neurologen aber noch etwas anderes: eine etwa eichelgroße Struktur, die dort nicht hingehört. Sie befindet sich im sogenannten Türkensattel (Sella turcica) in der mittleren Schädelgrube auf Höhe der Nase. In dieser knöchernen Ausbuchtung liegt normalerweise die wesentlich kleinere Hirnanhangsdrüse, in der lebenswichtige Hormone produziert werden, die den Regelkreislauf von Wachstum, Stoffwechsel und Fortpflanzung steuern. Auch die Funktion der Schilddrüse wird über die Hirnanhangsdrüse, Hypophyse genannt, reguliert.

Große Nase, breite Füße

Die Neurologen ziehen einen Hormonspezialisten zu Rate. Der Endokrinologe betrachtet den schwerkranken Mann und weist die Kollegen auf Auffälligkeiten hin: Die Nase des Patienten sei groß, das Kinn markant, der Knochenwulst über den Augen auffallend prominent. Der Experte hat bereits eine Verdachtsdiagnose, wie er im "Journal of Medical Case Reports" berichtet: eine sogenannte Akromegalie. Dabei handelt es sich um eine Hormonstörung, bei der das Wachstumshormon GH ("Growth Hormone") in zu hohen Mengen produziert wird. Ursache ist meist ein gutartiger Tumor in der Hirnanhangsdrüse, wo das GH gebildet wird.

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Im Kindesalter wirkt sich eine Akromegalie vor allem auf das Längenwachstum aus. Sobald die Wachstumsfuge geschlossen ist, wachsen nur noch Hände, Füße, Nase, Kinn und Organe. Diabetes mellitus, sexuelle Funktionsstörungen, Gelenkerkrankungen und Bluthochdruck sind häufige Folgen. Menschen mit Akromegalie haben eine eingeschränkte Lebenserwartung, wenn das Adenom in der Hirnanhangsdrüse nicht operativ entfernt werden kann.

Die Ärzte bestimmen die Blutwerte des Mannes: Sowohl das Wachstumshormon als auch ein darüber regulierter Wachstumsfaktor sind stark erhöht. Die Diagnose des Endokrinologen scheint richtig zu sein. Im Vordergrund der Therapie steht aber zunächst, den Mann auf der Intensivstation zu stabilisieren. Erst 19 Tage nach dem schweren Schädel-Hirn-Trauma geht es ihm allmählich besser und er wird zur Rehabilitation verlegt.

Verwirrung nach Labortests

Nach acht Wochen Reha stellt sich der Mann ambulant wieder in der Endokrinologie des Krankenhauses vor. Es geht ihm wieder gut, und er kann den Spezialisten jetzt seine Krankengeschichte erzählen: Seitdem er zehn Jahre alt war, sei er der größte unter fünf Brüdern gewesen. 20 Monate vor dem Schädel-Hirn-Trauma habe ein Arzt bei ihm Diabetes diagnostiziert, seither habe er Insulin spritzen müssen. Außerdem habe er stark geschwitzt und seine Füße seien größer geworden.

Seltsamerweise habe er aber zuletzt in der Rehabilitation nach den Insulin-Injektionen immer wieder gefährlich niedrige Blutzuckerspiegel gehabt und daher mit dem Spritzen aufgehört. Er komme jetzt auch ohne aus. Die Ärzte entnehmen dem Mann erneut Blut - und erleben eine Überraschung: Sowohl GH als auch der Wachstumsfaktor sind im Normbereich oder sogar darunter. Auch ein Belastungstest widerlegt die ursprüngliche Diagnose.

Verwirrt schieben die Mediziner ihren Patienten erneut in den Computertomografen. Im Türkensattel, der auf den Aufnahmen knapp drei Monate zuvor noch mit einem eichelgroßen Adenom gefüllt war, ist jetzt eine fast normalgroße Hirnanhangsdrüse zu sehen. Das Adenom ist verschwunden, die Akromegalie mit ihm.

Eine Wunderheilung ist es dennoch nicht. Wie Alejandro Cob in seinem Fallbericht schreibt, gebe es das Phänomen der sogenannten posttraumatischen Hypophysenunterfunktion. Vermutlich durch das Trauma könne es nach einer Schädel-Hirn-Verletzung passieren, dass die Hypophyse nicht mehr ausreichend Hormone produziert. Weil die Symptome aber nicht besonders auffallen, werde das Krankheitsbild oft übersehen, meint Cob. Die Betroffenen ermüdeten schneller, das Herz arbeite mitunter nicht mehr so gut, die Knochendichte nehme ab. "Dies ist möglicherweise der erste Bericht von einem Patienten mit Akromegalie, dessen Adenom sich durch ein Schädel-Hirn-Trauma zurückgebildet hat und der dazu noch eine Unterfunktion entwickelt hat", so Cob.

Ein rätselhafter Patient - das Quiz



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memorix 04.10.2014
1. Keine Andichtung
Soweit aus dem Artikel hervorgeht, haben die behandelnden Ärzte alles richtig erkannt und diagnostiziert, auch auf den CT-Bildern. Zunächst die Akromegalie, später dann die Hypophysenunterfunktion nach Schädel-Hirn-Trauma. Es tut mir Leid, Vogelmann01, dass Sie schlechte Erfahrungen mit Ärzten gemacht haben, aber von einem persönlichen Beispiel generell auf alle anderen zu schließen (und sei es nur in einem Zeitungsartikel), alles nur unter seinem einem Blickwinkel zu sehen/lesen, ist nicht sehr hilfreich. Es ist klar, dass es Idioten auf der Welt gibt und bessere und schlechtere Ärzte, wie in jedem anderen Beruf auch. Aber ich kann den Zusammenhang zum Artikel aus Ihrem Kommentar wirklich nicht nachvollziehen und finde, dass man sich mit derartigen schwarz-weiß (alle Ärzte sind schlecht, niemand kann ein CT richtig bedienen..) Verallgemeinerungen zurückhalten sollte.
Alternator 04.10.2014
2. @ Vogelmann01:
Ich muss hier mal eine Lanze für die Ärzte brechen, die zu schelten bei guten Teilen der Bevölkerung wohl zum Sport geworden ist. Sie haben, wenn Sie vor ihrem Arzt stehen, keinen Halbgott mit Superkräften vor sich, und auch nicht den Sohn Gottes, der mit Handauflegen Ihre Leiden vergehen lässt. Wer da vor Ihnen steht, ist ein ganz normaler Mensch mit den selben Sinnen wie Ihren, der versucht in ie hinein zu sehen, und zu verstehen, was in Ihrem Körper vor sich geht, ohne Ihnen dabei Ungemach zuzufügen. Dazu kommt noch, dass in Ihrem Körper ettliche Milliarden an Zellen mit unterschiedleichen Spezifizierungen sind, plus eine Unzahl an Bakterien, die Ihren Körper am Leben halten, deren Ökosystem bis heute noch niemand wirklich durchschaut hat, in erster Linie, weil kaum Forschung in dieser Richtung passiert ist. All diese komplexen Systeme, subsysteme und Ökosysteme können Störungen haben. Denken Sie mal an die Wasserpumpe in Ihrem Auto: Die kann undicht sein, die kann klemmen, da kann der Antrieb ab sein, so dass sie sich nicht mehr dreht, die kann verstopft sein. Ist sie undicht, fehlt Wasser, der Motor wird heiß, die Kopfdichtung geht hinüber, klemmt sie kann der Antriebsriemen reißen oder durchrutschen, die Pumpleistung reicht nicht, der Motor läuft hei߅ Eine lange Litanei an möglichen Folgen. Und das bei so einem einfachen System wie einem Motor. Der Arzt soll das komplizierte System jetzt durch Symptome wie "Herr Doktor, mir issett nitt joot!" spontan durchschauen und heilen. Und das auch noch unter Einhaltung der Sparauflagen der Kaufamannsarmada, die mit der Gesundheit anderer Geld verdienen will.
itsnotlupus 04.10.2014
3. @Vogelmann01
Als Mediziner muss ich sagen, dass die Falldarstellung sehr plausibel klingt. Die geschilderten Symptome sind geradezu pathognomonisch für die Akromegalie. Ich würde sogar behaupten, dass jeder durchschnittliche Medizinstudent die richtige Diagnose gestellt hätte. Ich weiß nicht wo sie dort Andichtungen sehen, aber sie wissen es sicher besser. Ich bin ja nur einer dieser dummen Ärzte, die nur Profit machen wollen. Wenn man Profit machen wollte ist man in der Medizin allerdings fehl am Platz. 6 Jahre Studium, 6 Jahre Facharztausbildung, mind 60-70 Stunden die Woche arbeiten, Lehre und Forschung für lau in der Freizeit, die Bezahlung ist ok, aber nicht gerade üppig. Ich will nicht jammern, der Beruf ist wunderschön und ich möchte mit niemandem tauschen... Wie Ihr Fall geartet ist weiß ich nicht und es gibt in der Tat gute und schlechte Ärzte. Aber Sie sollten nicht so ignorant durch die Welt gehen und alles verallgemeinern. Das ist weder besonders konstruktiv noch hilft es Ihnen wenn sie jedem Arzt so gegenübertreten. Falls sie dann doch mal an einen Guten geraten sollten hat der nämlich gerade noch auf einen Patienten wie sie gewartet. Achso und noch was. Ein CT/MRT etc. bedient in der Regel eine Medizinische Fachangestellte. Da gibts sogar eine extra Ausbildung. Aber die sind sicher genauso dumm wie alle Ärzte. Sie sind sicher frei von Fehlern und machen immer alles richtig in Ihrem Beruf.
jayjayjayjay 04.10.2014
4.
ganz ehrlich der Körper ist zu komplex. als das es einem menschen gelingen könnte in seiner ganze zu verstehen, da von Raffgier der Ärzte auszugehen ist naja, leicht paranoid. bestes Beispiel, meine Schwester hat sich neulich den Fuß verletzt, die erste Diagnose war fuß gebrochen Innenband gerissen fuß verschoben, zumindest ließ sich das so von Röntgenbild und den äußeren Erscheinungen ableiten. nach jetzt nun drei Wochen war sie wie immer zur Kontrolle im Krankenhaus und diesmal beim Chefarzt, dem ist dann auch aufgefallen, dass es sich bei dem Bruch nicht um einen Bruch sondern eine Anomalie handelt dort wo andere menschen ein Fußglied haben hat meine Schwester zwei, sowas ist ziemlich selten und wohl nur der Chefarzt hat bisher die Erfahrung gemacht und konnte es deshalb diagnostizieren, sind die anderen Ärzte deshalb schlechter gewesen? teils teils jeder mensch macht unterschiedliche Erfahrung und gerade in so einem weitläufigen Feld wie der Medizin kann es öfter mal vorkommen das Symptome falsch interpretiert werden, aber dies ist dann auch nur ein schritt hin zur richtigen interpretation. Im übrigen hat meine Schwester mit dieser Anomalie einen stabileren Knochenbau der wahrscheinlich nie brechen wird. was ich damit sagen will, Ärzte sind keine quaksalber die mit Handauflegen agieren, aber sie sind wie alle anderen menschen an ihre Erfahrung und das Prinzip try fail repeat gebunden und nur weil das nicht immer auf anhieb klappt werden se nicht schlechter.
Henry Jones Jr. 04.10.2014
5. #1
Ich kann ihre Kritik gut nachvollziehen, auch wenn ich sie in diesem Fall nicht für angebracht halte. Aber im Allgemeinen schon. Ich kenne es aus eigener Erfahrung sehr gut, wenn man durch das diagnostische Raster fällt. Me: autoimmun Gastritis>b12 Mangel>Hörstürze und Tinnitus und neurologische Schäden. Grenzinvalide, 3 Jahre und ca. 30 Ärzte später (davon waren 5 oder 6 wirklich kompetent - beim Rest musste man sich teils wundern, ob die tatsächlich ein Medizinstudium absolviert haben) - und kein einziger kam darauf das der B12 Mangel die Ursache war, obwohl ich den Mangel in jedem Einleitungsgespräch erwähnt hatte. Schlussendlich half mir Google und diverse Gesundheitsforen. Heute geht's mir wieder gut, auch wenn so was nicht ganz spurlos vorüber geht. Dem Internet möchte ich an dieser Stelle danken, es hat mir das Leben gerettet, wo es eigentlich Ärzte hätten tun müssen.
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