Ein rätselhafter Patient Brauerei im Bauch

Was auf der Münchner Wiesn viele Maß Bier mit den Feiergästen anstellen, passiert einem ganz ohne Zutun: Er ist regelmäßig betrunken und behauptet steif und fest, keinen Tropfen Alkohol anzurühren. Seine Ärzte wollen ihm nicht glauben - ein Fehler.
Hefepilz: Kann aus Zucker Alkohol fermentieren

Hefepilz: Kann aus Zucker Alkohol fermentieren

Foto: Corbis

Als der 61-jährige Patient in der Praxis von Justin McCarthy landet, leidet er bereits seit fünf Jahren an unerklärlichen Beschwerden. 2004 hatten Ärzte ihn wegen eines gebrochenen Fußes operiert, anschließend bekam er Antibiotika. Danach begannen die unheimlichen Symptome: Er war sturzbetrunken, wann immer er zwei Bier trank.

Nun kann man über den Effekt von zwei Bier trefflich diskutieren. Auf der Münchner Wiesn wären das gut eingeschenkt zwei Liter. Doch der Mann beharrt darauf, dass er selbst dann gelegentlich betrunken ist, wenn er überhaupt keinen Alkohol trinkt. Die Frau des Texaners ist Krankenschwester und beginnt, die Ausfälle zu dokumentieren. Um ihren subjektiven Eindruck, wann ihr Mann betrunken ist, belegen zu können, schafft sie sich ein Gerät zur Analyse des Atemalkoholanteils an, das auch die US-Polizei für ihre Kontrollen einsetzt.

Mehr als drei Promille Alkohol im Blut

Nach den Angaben der Maschine erreicht der Patient häufig Werte zwischen 3,3 und 4 Promille Alkohol im Blut. Für die beeindruckenden Promillewerte haben der Patient und seine Frau keine Erklärung. Gelegentlich hat der Mann zuvor etwas Alkoholhaltiges gegessen, zum Beispiel eine likörgefüllte Praline. Das erklärt allerdings die Werte weit jenseits der Fahrtüchtigkeitsgrenze nicht. Aus den Aufzeichnungen geht jedoch hervor, dass der Mann häufiger betrunken wirkte und auch war, wenn er zuvor eine Mahlzeit ausgelassen hatte, Sport gemacht oder am Abend zuvor Alkohol getrunken hatte, berichten Barbara Cordell vom Panola College in Carthage, Texas, und der niedergelassene Gastroenterologe McCarthy im "International Journal of Clinical Medicine" .

Die Episoden der Trunkenheit werden über die Jahre immer schlimmer. Im November 2009 wird der Mann schließlich in die Notaufnahme eines Krankenhauses eingeliefert. An diesem Tag hat er keinen Alkohol getrunken, die gemessene Blutalkoholkonzentration liegt bei 3,7 Promille. Die Ärzte behalten ihn 24 Stunden zur Beobachtung im Krankenhaus und behandeln ihn wegen seiner offensichtlichen schweren Alkoholvergiftung. Sie schenken den Beteuerungen, er habe nichts getrunken, keinen Glauben und gehen davon aus, dass er wie viele Alkoholiker heimlich trinkt.

Suche im Darm

Im darauffolgenden Januar untersucht McCarthy schließlich den gesamten Magen-Darm-Trakt des Mannes. Abgesehen von seinem speziellen Alkoholproblem hat der Patient zu hohen Blutdruck und zu hohe Blutfettwerte. An Beschwerden mit Magen oder Darm kann er sich nicht erinnern. Dennoch vermutet McCarthy, dass der Darm etwas mit den Alkoholproblemen zu tun haben könnte, falls der Mann nicht doch heimlich trinken sollte.

Tests auf Probleme beim Verarbeiten verschiedener Zucker führen nicht weiter. Mit Endoskopen - langen Instrumenten, an deren Ende Kameras sitzen - untersucht McCarthy den gesamten Darm des Mannes. Tatsächlich fördert er dabei Proben zutage, in denen er bei der späteren Analyse fündig wird. Im Magen des Mannes sitzt das Bakterium Helicobacter pylori, das für Magengeschwüre verantwortlich sein kann. Spannender allerdings ist der Fund von Saccharomyces cerevisiae im Stuhl des Patienten.

Bierhefe im Stuhl

Diese Hefe wird, worauf der lateinische Name schon hindeutet, sowohl zum Backen als auch für den Gärprozess beim Bierbrauen verwendet. Doch kann der Pilz im Darm des Patienten am dessen Alkoholproblem schuld sein?

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Im April 2010 wird der Mann für 24 Stunden im Krankenhaus überwacht. Bei der Aufnahme überprüfen die Ärzte seine Habseligkeiten auf Alkohol, während seines Aufenthalts darf er keine Besucher empfangen. Er bekommt den ganzen Tag über Traubenzucker und zuckerreiche Lebensmittel, denn Zucker wäre genau das, was die Hefe bräuchte, um Alkohol produzieren zu können. Zu Beginn des Experiments und alle zwei Stunden ermitteln die Ärzte die Blutalkoholkonzentration, alle vier Stunden auch den Blutzuckerspiegel. Texanische Behördenvertreter überprüfen zusätzlich den Atemalkoholgehalt des Mannes. Am Nachmittag steigt der Blutalkoholgehalt auf 120 Milligramm Alkohol pro Deziliter (mg/dL), das Atemanalysegerät zeigt 1,2 Promille an.

Der Mann braut selbst

Jetzt ist das Behandlungsteam sicher: Sie haben einen Patienten mit dem "Auto-Brewery Syndrome" oder "Gut Fermentation Syndrome" vor sich. Für das, was nach einem schlechten Scherz klingt, findet man tatsächlich einige Dutzend Fallberichte in der medizinischen Literatur. Im Körper der Betroffenen soll die sich im Übermaß ausbreitende Hefe Zucker aus der Nahrung zu Ethanol fermentieren. Japanische Autoren haben bereits Anfang der siebziger Jahre über solche Fälle berichtet. In einem Fall war ein 13-jähriges Mädchen betroffen, in einem anderen ein dreijähriges Mädchen, beide litten zudem unter Fehlbildungen des Darms.

Der texanische Patient wird von seinen Ärzten mit dem Pilzmittel Fluconazol behandelt, anschließend mit einem weiteren Antimykotikum, Nystatin. Um die Darmflora wiederherzustellen, bekommt er anschließend Bakterienkulturen. Während der Therapie muss er Zucker vermeiden und darf auch keinen Alkohol trinken.

0,00 Promille

Täglich wird sein Atemalkoholgehalt kontrolliert: Zehn Wochen lang zeigt das Gerät durchgehend 0,00 Promille an. Bei der anschließenden Stuhlkontrolle finden die Ärzte keine Hefe mehr. Schließlich behandeln die Ärzte noch den im Magen sitzenden Heilcobacter pylori.

Der ungewöhnliche Krankheitsfall taugt nicht als Ausrede für Volltrunkene. Der texanische Patient konnte nach mehr als sechsjähriger Leidenszeit glaubhaft nachweisen, dass er tatsächlich nicht alkoholabhängig war. Allerdings veranschaulicht der Fall, dass Ärzte und Pflegekräfte auch Patienten mit vermeintlich eindeutigen Diagnosen genau zuhören sollten.