Ein rätselhafter Patient Wasserbauch und Kinderwunsch

Eine Frau hat Schmerzen beim Sex und heftige Regelbeschwerden, in ihrem Bauch haben sich mehrere Liter Flüssigkeit gesammelt. Endlich finden Ärzte die Ursache, eine Therapie schlägt an. Doch dann will die Patientin ein Kind.
Ständiges Bauchweh (Symbolbild): Was verursacht das Leiden der Patientin?

Ständiges Bauchweh (Symbolbild): Was verursacht das Leiden der Patientin?

Foto: Corbis

Der Bauch der 36-Jährigen ist rund und aufgebläht, als sie mit starken Schmerzen in der Rettungsstelle eines Londoner Krankenhauses um Hilfe bittet. Die Frau berichtet, dass sie bereits seit sieben Monaten unter heftigen Regelbeschwerden und Verstopfung leide und auch beim Geschlechtsverkehr Schmerzen habe. Vorerkrankungen habe sie nicht.

Beim Abtasten des Bauches bemerken die Ärzte eine angespannte Bauchdecke, die gynäkologische Untersuchung ist unauffällig. Eine Blutanalyse weist aber auf ein Problem hin: Die Patientin hat eine Anämie, also zu wenig des roten Farbstoffs Hämoglobin im Blut.

Bei einer Ultraschalluntersuchung fällt den Ärzten auf, dass sowohl im Bauch- als auch im Beckenraum literweise freie Flüssigkeit schwimmt, die dort nicht hingehört. Eine Kernspintomografie bestätigt den Verdacht. Die Gebärmutter sieht auf den Aufnahmen normal aus, die Eierstöcke aber sind voller Zysten.

Auf der Suche nach einem Tumor

Weil eine Anämie und freie Flüssigkeit im Bauchraum - ein sogenannter Aszites - auch bei Krebserkrankungen auftreten, suchen die Ärzte im Blut der Patientin nach Tumormarkern, wie sie im Fachjournal "BMJ Case Reports" berichten.  Tatsächlich ist das CA-125 erhöht, das vor allem bei Eierstockkrebs auftritt, aber auch bei anderen Tumoren und bei gutartigen Erkrankungen vorkommt.

CT-Aufnahme: Im Bauch und im Beckenraum der Patientin schwimmt literweise freie Flüssigkeit

CT-Aufnahme: Im Bauch und im Beckenraum der Patientin schwimmt literweise freie Flüssigkeit

Foto: BMJ Case Reports

Jetzt punktieren die Ärzte den Aszites, um der Frau die Schmerzen zu nehmen und die Flüssigkeit auf Krebszellen zu untersuchen. Über einen bei dem Eingriff in die Bauchhöhle gelegten Schlauch fließen innerhalb von 24 Stunden insgesamt 3,5 Liter blutige Flüssigkeit ab. Das erste Ergebnis gibt Anlass zur Hoffnung: Bei der Analyse haben die Pathologen keine Tumorzellen entdeckt. Aber die Ärzte wissen noch immer nicht, warum sich soviel Flüssigkeit im Bauchraum der Frau bildet.

Woher kommen die roten Knoten auf dem Darm?

Auf CT-Aufnahmen fallen sowohl im Dünn- als auch im Dickdarm ungewöhnliche Strukturen auf. Nun beraten Radiologen, Gynäkologen und Chirurgen über das weitere Vorgehen. Am Ende sind sie sich einig, dass sie bei einer Bauchspiegelung eine Gewebeprobe vom Darm entnehmen müssen. Dabei fällt es den Ärzten zunächst schwer, die Organe genau zu beurteilen, weil sich wieder viel blutige Flüssigkeit gebildet hat: Sie saugen 1,6 Liter ab. Zum Vorschein kommen große rote Knoten im kleinen Becken, und auch außen auf den Dünn- und Dickdarmschlingen sowie auf dem Bauchfall befinden sich zahlreiche kleinere rote Knoten. Der linke Eierstock ist hinter einer Verwachsung versteckt, der rechte ist geschwollen und ebenfalls mit der Innenseite des Beckens verwachsen.

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Nach der pathologischen Analyse der Gewebeproben steht die Diagnose schnell fest: Die Frau leidet unter einer sogenannten Endometriose. Dabei handelt es sich um eine gutartige Erkrankung, bei der sich Gebärmutterschleimhaut auch an anderen Stellen des Körpers befindet und während des Zyklus bluten kann. Das kann - so wie im Fall der 36-Jährigen - zu heftigsten Schmerzen und gefährlichen Blutungen führen. Warum allerdings der Tumormarker erhöht ist, wissen die Ärzte nicht.

Eine chirurgische Entfernung der Endometrioseherde  halten die Ärzte für schwierig, weil sich die Gebärmutterschleimhaut an so vielen Punkten im Bauch der Patientin befindet. Eine Operation würde außerdem die Gefahr mit sich bringen, dass ein Darmabschnitt entfernt werden muss. Daher bekommt die Frau eine Hormontherapie, die die Konzentration ihrer Östrogene reduziert. Die Symptome verbessern sich daraufhin deutlich.

Der Kinderwunsch verändert alles

Doch die Frau und ihr Partner wünschen sich ein Kind. Weil ihre Endometriose schon zu Verwachsungen in den Eierstöcken geführt hat, kann sie nicht auf natürlichem Weg schwanger werden. Das Paar will eine Reagenzglasbefruchtung versuchen, die Patientin muss dafür ihre hormonelle Endometriose-Therapie unterbrechen.

Vorerst läuft alles glatt: Ihr werden 14 Eizellen entnommen, davon werden sechs befruchtet und ein Embryo kann eingepflanzt werden. Zu Beginn der Schwangerschaft hat sie immer wieder Beschwerden durch Aszites, aber der weitere Verlauf ist zunächst komplikationslos.

In der 32. Woche hat die Frau plötzlich Wehen. Das ungeborene Kind bekommt nicht genug Sauerstoff und muss per Notfallkaiserschnitt auf die Welt geholt werden: Das Mädchen ist gesund, braucht aber zunächst intensivmedizinische Unterstützung. Die Mutter erholt sich nur langsam.

Zwei Wochen nach der Geburt und kurze Zeit nach ihrer Entlassung kommt sie erneut mit heftigen Schmerzen in die Klinik: Der Aszites hat stark zugenommen und die Frau kann ihr Kind wegen der Schmerzen nicht mehr stillen. Gemeinsam mit den Ärzten entscheidet sie sich für eine erneute Hormontherapie, die ihr bald hilft. Zu einer chirurgischen Therapie, bei der die Eierstöcke, die Eileiter und unter Umständen auch die Gebärmutter entfernt werden könnten, ist die Frau aber nicht bereit. Sie wünscht sich noch mehr Kinder.

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