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07. September 2013, 20:47 Uhr

Ein rätselhafter Patient

Gehirn wie ein Streuselkuchen

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300 Knoten an Gesicht, Brust, Armen und Beinen: Obwohl ein Vietnamese sich immer mehr verändert, sucht er keine Hilfe. Erst als er epileptische Anfälle bekommt, geht er in die Klinik. Dort entdecken die Ärzte, was sich in seinem Körper tummelt.

Es gibt keinen Zweifel, dass manche Menschen zu schnell zum Arzt gehen. Jedes Bauchdrücken, Augenbrennen oder Fußzwicken nehmen sie zum Anlass, endlich wieder den Mediziner ihres Vertrauens aufzusuchen und ihr Leid zu klagen. Das andere Extrem sind jene Patienten, die keine sein wollen oder können. Die Praxen und Kliniken nur äußerst selten von innen sehen. Die einen Arzt erst in letzter Minute um Rat bitten.

Zu der letzten Gruppe zählt wohl der 42-jährige Vietnamese, der jahrelang seltsame Veränderungen an seinem Körper beobachtet. Langsam aber stetig wachsen unter seiner Haut, in den Muskeln und am Kopf zahlreiche Knoten. Drei Jahre schaut er zu, wie sich an seinen Armen und am Oberkörper ständig neue, kleine Hügel auftun. Außerdem leidet er unter starken Kopfschmerzen. Die Universitätsklinik von Hanoi, sucht er allerdings erst auf, als er ohne medizinische Hilfe nicht mehr weiter weiß: Er leidet plötzlich unter epileptischen Anfällen.

Warum der Mann nicht schon viel früher Rat sucht, erklärt Nguyen De von der vietnamesischen Hanoi Medical University nicht. Doch er berichtet im "New England Journal of Medicine", wie er der Ursache der schleichenden Veränderung auf die Spur kommt.

Als er seinen Patienten untersucht, zählt er etwa 300 Knoten an dessen Körper: 54 an Kopf, Gesicht und Nacken, 110 auf der Brust und dem Rücken, 86 auf den Armen und 52 an den Beinen. Die harten Vorwölbungen sind mindestens so groß wie Erbsen, manche sogar größer.

Jetzt macht der Arzt drei entscheidende Untersuchungen: Er schiebt den Mann in eine Computertomografie-Röhre und lässt Bilder von dessen Kopf anfertigen - schließlich hat der Patient epileptische Anfälle und leidet unter Kopfschmerzen. Außerdem untersucht er Stuhlproben und entnimmt ein Stück Gewebe von einer der knotigen Veränderungen.

In der Stuhlprobe entdecken die Laborärzte einzelne Glieder eines Bandwurms. In der Gewebeprobe finden sie ebenfalls Wurmteile, die mit ganz besonderen Strukturen ausgestattet sind: Sie besitzen Haken und Saugnäpfe, mit denen sie sich an Gewebe anheften können. Bei der genauen Betrachtung erkennen sie, dass es sich um einen sogenannten Schweinebandwurm handelt. Und der tummelt sich auch im Gehirn des Mannes. Was auf dem CT-Bild aussieht wie ein Streuselkuchen, sind lebende, tote, mumifizierte und kalzifizierte Formen des Parasiten.

Den Schweinebandwurm gibt es auf der ganzen Welt, sein Hauptwirt ist der Mensch. Als Zwischenwirt nutzt er Schweine, mitunter ist der Mensch aber Haupt- und Zwischenwirt gleichzeitig. Der Parasit kann bis zu fünf Meter lang werden bei einem Durchmesser von einem Millimeter. In den menschlichen Körper gelangt er mit infiziertem Fleisch, das nicht ausreichend gegart wurde.

Ist der Mensch lediglich Hauptwirt, bemerkt er den Parasiten oft gar nicht. Der vietnamesische Patient ist allerdings auch Zwischenwirt: Das bedeutet, dass er auch Träger der Finnen des Schweinebandwurms ist, die normalerweise im Schwein heranreifen. Eine Finne ist das Larvenstadium eines Bandwurms. Diese sind es, die den Mann quälen, denn sie haben sich außerhalb des Darms in den Muskeln und im Gehirn angesiedelt.

Nachdem sich der Mann jahrelang gequält hat, setzen die Ärzte seinem Leid endlich ein Ende. Sie geben ihm einmal das Medikament Praziquantel und danach vier Monate lang - unterbrochen von drei zehntägigen Pausen - die Arznei Albendazol. Vier Monate später sind seine Kopfschmerzen weg, er hat keine epileptischen Anfälle mehr und zahlreiche Knoten haben sich wieder aufgelöst, wie Kernspin-Bilder bei Kontrolluntersuchungen zeigen. Dem Mann geht es wieder gut.

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