Ein rätselhafter Patient Die Krankheit aus dem Kanalwasser

Nie hatte der 44-Jährige damit gerechnet, dass Sport ihn einmal so krank machen könnte. Bis er endlich medizinische Hilfe sucht, glaubt er an eine Grippe. Doch die Ärzte in der Hamburger Uniklinik finden die Ursache für sein Fieber und das Nierenversagen: Wassersport.

Paddeln auf der Hamburger Alster: Was löste die Beschwerden des 44-Jährigen aus?
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Paddeln auf der Hamburger Alster: Was löste die Beschwerden des 44-Jährigen aus?

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Von einem Tag auf den anderen bekommt der Mann heftige Kopfschmerzen und Fieber. Seine Gelenke und Muskeln tun ihm weh, besonders die Beine sind schwach. Typische Symptome einer Grippe, denkt der 44-jährige Sportlehrer, schluckt Paracetamol und legt sich ins Bett. Eine echte Grippeinfektion kann ein paar Tage dauern, deshalb harrt er aus. Das Fieber bleibt, die Schmerzen in den Beinen werden stärker.

Als er nach einer Woche immer noch 40 Grad Fieber hat, lässt er sich in die Notaufnahme des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) bringen. Den Ärzten fällt auf, dass die Haut des Mannes gelb verfärbt ist. Dieser sogenannte Ikterus ist ein Zeichen dafür, dass die Leber betroffen ist oder die Gallenflüssigkeit nicht richtig abfließen kann. Bei der Untersuchung bemerken die Ärzte neben dem Fieber nichts Besonderes, der Nacken des Patienten ist nicht steif, Erbrechen oder Durchfall, Hautausschlag oder Atemnot - Fehlanzeige.

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Die Mediziner setzen ihre Suche im Blut des Mannes fort. Sie stoßen schnell auf Werte, die auf bedrohliche Funktionsstörungen hinweisen: Das stark erhöhte Kreatinin spricht für ein akutes Nierenversagen, die um ein vielfaches erhöhten Leberwerte für eine direkte Schädigung der Leber. Außerdem hat der Mann hohe Entzündungswerte und eine viel zu geringe Anzahl von roten Blutkörperchen und Blutplättchen. Alles spricht für eine Infektion - doch woher kommt sie?

Die Experten der Bernhard-Nocht-Klinik im UKE werden hinzugezogen, sie kennen sich insbesondere mit Tropenmedizin aus. Allerdings hat der Mann in jüngster Zeit keine größere Reise unternommen, er war lediglich fünf Wochen zuvor in Südfrankreich. Dort habe er zwar frische Muscheln gegessen und sei häufig in Süßwasser geschwommen. Aber seine Familie habe das auch getan und sei nicht erkrankt.

Mit der Eskimorolle gescheitert

Die Tropenmediziner fragen weiter, denn sie haben bereits einen Verdacht, wie Stefan Schmiedel, Oberarzt an der medizinischen Klinik im UKE, gemeinsam mit Kollegen im Hamburger Ärzteblatt (S. 36/37) berichtet. Ob der Mann auch kurz vor Beginn seiner Beschwerden mit Süßwasser in Berührung gekommen sei? Selbstverständlich, antwortet der, schließlich gehe er regelmäßig - auch mit seinen Schülern - zum Kajakfahren auf die Hamburger Alsterkanäle. Dort sei er eine Woche zuvor auf dem Isebekkanal bei dem Versuch gescheitert, eine Eskimorolle zu machen. Eine ordentliche Menge Wasser habe er dabei geschluckt.

"Der Schluck Alsterwasser und die grippeähnlichen Beschwerden zusammen mit der Nieren- und der Leberbeteiligung, das alles spricht ganz klar für eine Infektion mit Leptospiren", sagt Schmiedel. Dabei handelt es sich um Bakterien, die vor allem von Ratten und Mäusen mit dem Urin ausgeschieden werden und Wasser verseuchen. Der Isebekkanal mit seiner schwachen Strömung führe zu einer starken Nährstoffanreicherung und biete daher einen guten Nährboden für Leptospiren, schreiben die Mediziner. "Wir können es nicht beweisen, aber wir gehen davon aus, dass sich der Mann durch eingeatmete Wassertröpfchen aus dem Isebekkanal mit Leptospiren infiziert hat", so Schmiedel zu SPIEGEL ONLINE.

Mitunter verläuft die Infektion harmlos, manchmal wie eine heftige Grippe. Sind Leber und Nieren beteiligt, sprechen Mediziner von einem Morbus Weil. Wie die richtige Therapie dann aussieht, ist unter Wissenschaftlern umstritten. Zwar geben Ärzte in Industrienationen normalerweise Penicillin. Schmiedel gibt jedoch zu bedenken: "Die Sterblichkeit beim Morbus Weil ist in Entwicklungsländern nicht höher, obwohl dort selten Antibiotika zur Verfügung stehen."

Aufgrund des Nierenversagens und der Leberbeteiligung muss der Mann vorübergehend auf der Intensivstation überwacht werden. Die Ärzte behandeln ihn zunächst mit einem Antibiotikum, das zahlreiche verschiedene Erreger abtöten kann. "Es ging dem Mann so schlecht, dass wir trotz der typischen Symptome für einen Morbus Weil nicht das Risiko eingehen wollten, dass sich andere lebensbedrohliche Erreger in seinem Körper ausbreiten", erklärt Schmiedel. Erst als das Labor bestimmte Antikörper gegen Leptospiren nachweist, satteln die Ärzte auf Penicillin um, das ein kleineres Wirkungsspektrum hat.

Heute geht es dem Mann wieder gut, seine Krankheit ist überstanden, Nieren und auch Leber funktionieren wieder einwandfrei. Angst vor einer Leptospireninfektion sollte sich unter Wassersportlern auf deutschen Süßwassergewässern trotz seiner schweren Erkrankung nicht ausbreiten. Schmiedel: "Ein Morbus Weil ist so selten, darüber mussten wir einfach berichten."

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insgesamt 17 Beiträge
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TICKundTOOF 23.03.2014
1. Glück
Viele Ärzte in den Notaufnahmen haben ja gern einen osteuropäischen Akzent und sind noch gar keine richtigen Ärzte. Da wird man schnell zum Psychosomat wenn die Blutwerte nicht explodieren wie in diesem Fall. Schön, dass der Patient geheilt ist und sich kein MRSA geholt hat :)
MarioDeMonti 23.03.2014
2. Yarkon
Bei dieser Nachricht musste ich an den Einsturz einer Brücke bei der Eröffnung der 15. Makkabiade 1997 denken. http://en.wikipedia.org/wiki/Maccabiah_bridge_collapse Hundert australische Sportler stürzten bei der Eröffnungszeremonie in den Fluss Yarkon. Einer starb an den unmittelbaren Folgen des Unfalls, aber drei weitere starben an einer Pilzinfektion (Pseudallescheria boydii), weil der Yarkon zu der Zeit quasi ein Abwasserkanal war.
redpea 23.03.2014
3. Ist die heutige Generation empfindlicher?
Sicher, hier steht ganz klar, dass es sich um eine, in dieser starken Evolution, seltene Krankheit handelte. Dennoch frage ich mistark ch wie wir frueher unsere Baeder in Tuempeln, verdreckten Baechen und kontaminierten Fluessen ohne Konsequenzen ueberleben konnten.Wird in der Gegenwart vielleicht doch zuviel Sa.kro.tan verwendet?
MMK59 23.03.2014
4. Ärzte mit osteuropäischem Akzent
Was ist ein osteuropäischer Akzent? Sind es Ärzte oder nicht, was soll uns diese Mitteilung sagen? Ärzte mit osteuropäischem ... sind was? Junge Ärzte sind frisch ausgebildet, der Anteil an Migranten ist in diesem Berufszweig steigt wie in vielen anderen auch stetig an, sie sind um keinen Deut schlechter wie die Kollegen aus Alemania
Whitejack 23.03.2014
5.
Zitat von redpeaSicher, hier steht ganz klar, dass es sich um eine, in dieser starken Evolution, seltene Krankheit handelte. Dennoch frage ich mistark ch wie wir frueher unsere Baeder in Tuempeln, verdreckten Baechen und kontaminierten Fluessen ohne Konsequenzen ueberleben konnten.Wird in der Gegenwart vielleicht doch zuviel Sa.kro.tan verwendet?
Also Ihrer Ansicht nach hätte der Mann keine ernsthaften Probleme gehabt und die Leberschädigung sei bloß auf Empfindlichkeit zurückzuführen? Ich dachte eigentlich, das Konzept der Hygiene sei bereits seit 200 Jahren bekannt.
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