Rätselhafter Patient Knoten unter der Zunge

Eine wachsende Geschwulst am Zungengrund macht einer 24-Jährigen Sorgen. Ihre Ärzte haben schnell eine Diagnose zur Hand. Die müssen sie aber erstaunt zurücknehmen, als die Ergebnisse der pathologischen Untersuchung vorliegen.

Schwellung unterhalb des Kinns: Was wächst da?
Journal of Medical Case Reports

Schwellung unterhalb des Kinns: Was wächst da?

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Die Frau kann zwar ohne Probleme schlucken, und sie hat auch keine Atemnot. Aber der Knoten unter ihrer Zunge ist mittlerweile so groß, dass sich die 24-Jährige Sorgen macht. Und die Schwellung nimmt weiter zu: Vor zehn Monaten hat die Frau erstmals etwas Kleines, Weiches unterhalb ihres Kinns ertastet, das vorher nicht dort war, seither wird die Stelle immer größer.

Als sich die Patientin im Kashibai Navale Hospital im indischen Pune vorstellt, sind Blutdruck und Herzschlag normal, sie wirkt kerngesund. Doch die Ärzte tasten im linken Halsbereich unter ihrem Kinn eine große, weiche, schmerzlose Struktur, die sich gut verschieben lässt. Die Körpertemperatur der Frau ist nicht erhöht, wie die Ärzte im "Journal of Medical Case Reports" berichten, und sie tasten keine vergrößerten Lymphknoten im Kopf- und Halsbereich.

Um Größe und Beschaffenheit der Wucherung besser einschätzen zu können, lassen die Mediziner um Chetana Naik von der Abteilung für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde Kernspin-Bilder vom Kopf und Hals der Patientin anfertigen. Darauf können sie gut erkennen, dass sich die Struktur zwar hauptsächlich im linken Bereich unterhalb des Kinns befindet, allerdings schon über die Mittellinie hinaus nach rechts ragt und auch die Zunge nach rechts oben verdrängt. Die Masse ist scharf begrenzt, rundlich bis oval und etwa so groß wie ein Tischtennisball.

Eine andere Drüse als erwartet

Anhand der Bilder vermuten die Ärzte, dass es sich bei der Struktur um einen Tumor der Speicheldrüsen handelt. Mit einer feinen Nadel stechen sie in das Gewebe und saugen winzige Stücke in eine Spritze. Die Pathologen des Krankenhauses untersuchen die Zellen mikroskopisch. Sie gehen schnell davon aus, dass es sich nicht um einen bösartigen, sondern um einen gutartigen Tumor handelt, der vermutlich von den Speicheldrüsen ausgeht. Sie entscheiden, dass der Tumor chirurgisch entfernt werden muss.

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Bei der Operation wird deutlich, dass der Tumor eine Kapsel hat und am sogenannten Zungenbein, einem kleinen, gebogenen Knochen am Mundboden festgewachsen ist. Nun analysieren die Pathologen das Gewebe ganz genau. Erstaunlicherweise entdecken sie dabei, dass die Zellen nicht denen der Speicheldrüse ähneln. Vielmehr finden sie Strukturen, die typisch sind für die Schilddrüse.

Das ändert ihre vorläufige Diagnose grundlegend: Die Pathologen sind sich jetzt sicher, dass es sich um eine gutartige Geschwulst aus Schilddrüsengewebe handelt. Das hormonproduzierende Organ befindet sich zwar normalerweise vor der Luftröhre im unteren Halsbereich. In sehr seltenen Fällen jedoch ist das Schilddrüsengewebe nicht an seinem vorgesehenen Ort lokalisiert, sondern etwa im Mundraum, am Herzen, den Lungen, im Darm, in der Bauchspeicheldrüse oder der Leber.

Ein Fehler schon im Embryo

Der Grund: Während der embryonalen Entwicklung wandern die Zellen, die sich später zur Schilddrüse weiterentwickeln, durch einen Gang von ihrem Ursprungsort im sogenannten Kopfdarm nach unten. Dabei kommt es bei etwa einem von 300.000 Menschen vor, dass dieser Abstieg nicht vollständig passiert und Schilddrüsengewebe im Bereich des Zungengrundes verbleibt oder an einen anderen Ort im Körper wandert. Bei 70 Prozent der Betroffenen ist das hormonproduzierende Gewebe dann nur an dem unüblichen Ort vorhanden, nicht aber im Hals vor der Luftröhre.

So ist es auch bei der Patientin: Auf der Suche nach der Schilddrüse per Ultraschall und CT werden die Ärzte nicht fündig. Einige Tage nach der Operation messen sie die Konzentrationen der Schilddrüsenhormone T3 und T4. Beide sind deutlich zu niedrig, das von der Hirnanhangsdrüse kompensatorisch vermehrt gebildete TSH (Thyroidea-stimulierendes Hormon) ist viel zu hoch. Die Ärzte verschreiben ihrer Patientin daher Schilddrüsenhormone, die sie in Zukunft schlucken muss.

In ihrem Fallbericht schreiben die Mediziner, es sei bei einem unklaren Tumor am Zungengrund vor allem deshalb so wichtig, an die seltene Diagnose von wucherndem Schilddrüsengewebe zu denken, weil die unbeabsichtigte Entnahme des Gewebes zu einer gefährlichen Unterversorgung des Körpers mit Schilddrüsenhormonen führen könne. Diese sind lebenswichtig, da sie so elementare Funktionen wie Herzschlag, Körpertemperatur und Verdauung mitsteuern.

Die Patientin übersteht den Eingriff ohne Komplikationen. Sechs Monate nach dem Eingriff hat sie normale Schilddrüsenwerte und ist gesund.



insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
yael.schlichting 23.08.2014
1. Es ist nicht nur das Tyroxin
Eine radikale Entfernung der Schilddrüse fährt den Kalziumhaushalt an die Wand und führt bei den Patienten zu einer schweren Osteoporose.
Ur-Anus 23.08.2014
2. Schildkröten gibt es überall ...
Verwechseln Sie da nicht die Schilddrüse mit der Nebenschilddrüse?
innkeeper3 23.08.2014
3. Inadäquate Diagnostik!!
Hätte man ,wie es sich eigentlich gehört, die Schilddrüsenhormonparameter bestimmen lassen, wäre man vielleicht schon früher auf die richtige Diagnose gekommen, zumal die Patientin sicher auch klinisch bereits Zeichen der Schilddrüsenunterfunktion gezeigt hat. Klinisch erkennt man eine Unterfunktion der Schilddrüse, die in ausgeprägter Form sehr selten ist, meist nur wenn man bereits solche Patienten gesehen hat. Äußerst nützlich wäre in diesem Fall auch die Durchführung einer Schilddrüsenszintigraphie gewesen. Was den Calciumstoffwechsel betrifft, hat das Schilddrüsenhormon keinen direkten Einfluß auf diesen.
innkeeper3 23.08.2014
4. Inadäquate Diagnostik!!
Hätte man ,wie es sich eigentlich gehört, die Schilddrüsenhormonparameter bestimmen lassen, wäre man vielleicht schon früher auf die richtige Diagnose gekommen, zumal die Patientin sicher auch klinisch bereits Zeichen der Schilddrüsenunterfunktion gezeigt hat. Klinisch erkennt man eine Unterfunktion der Schilddrüse, die in ausgeprägter Form sehr selten ist, meist nur wenn man bereits solche Patienten gesehen hat. Äußerst nützlich wäre in diesem Fall auch die Durchführung einer Schilddrüsenszintigraphie gewesen. Was den Calciumstoffwechsel betrifft, hat das Schilddrüsenhormon keinen direkten Einfluß auf diesen.
ruhepuls 23.08.2014
5. Calcitonin?
Prinzipiell haben Sie ja recht: Das Parathormon wird in den Nebenschilddrüsen gebildet. Im Artikel wird nicht erwähnt, ob man diese mit entfernt hat, aber aufgrund der Lage ist das fast zu befürchten, wenn das komplette Gewebe entfernt wurde.. Andererseits bildet die Schilddrüse selbst das Hormon Calcitonin. Es hemmt die Osteoklasten ("knochenabbauende" Zellen). Insofern kann ein Calcitonin-Mangel durchaus langfristig eine Osteoporose fördern.
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