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10. Juli 2013, 18:07 Uhr

Tod durch Rauchen

WHO fordert weltweites Werbeverbot für Tabak

Acht Millionen Menschen könnten ab 2030 jährlich an den Folgen des Rauchens sterben - wenn nicht jetzt etwas getan wird. Schockbilder auf Zigarettenschachteln genügen da nicht, meint die Weltgesundheitsorganisation. Sie verlangt ein weltweites Tabakwerbeverbot.

Genf - Im deutschen Fernsehen gibt es schon lange keine Zigarettenwerbung mehr, auch in Zeitschriften findet sich keine Anzeige für die todbringenden Glimmstängel. Auf Plakatwänden und der Kinoleinwand dagegen dürfen Kinder, Jugendliche und Erwachsene dagegen nach wie vor auf die vermeintliche Coolness des Rauchens aufmerksam gemacht werden.

Während die Zigarettenindustrie immer wieder beteuert, dabei gehe es nur um die Markenbindung von Rauchern, spricht die Weltgesundheitsorganisation (WHO) jetzt eine deutliche Sprache: Alleine ein vollständiges Werbeverbot sei in der Lage, weltweit Millionen Menschenleben zu retten. Großflächige Warnungen auf Zigarettenschachteln und Schockbilder von schwarzen Lungen reichten dafür nicht aus.

Ebenso wichtig sei die Verteuerung von Tabakprodukten durch hohe Steuern, erklärte die Organisation der Vereinten Nationen (Uno) am Mittwoch in Genf. In 24 Staaten herrsche bereits ein komplettes Tabakwerbeverbot, in 100 weiteren Ländern gebe es weitreichende Maßnahmen. Doch 67 Staaten - vor allem in Afrika und Südamerika - würden bislang nichts gegen den Tabakkonsum unternehmen oder zumindest Rundfunk- und Printwerbung zulassen, beklagt die WHO in ihrem Jahresbericht 2013 zum Kampf gegen das Rauchen.

"Jeder Staat steht in der Verantwortung, seine Bevölkerung vor Krankheit, Behinderung und Tod zu schützen, die durch Tabakkonsum verursacht werden", sagte WHO-Generaldirektorin Margaret Chan. In Deutschland gelten bereits weitreichende Einschränkungen, die zum Beispiel Werbung für Tabakprodukte im Rundfunk unterbinden. Doch in vielen Ländern gibt es für die Tabakindustrie eine Reihe von Schlupflöchern.

Gratiszigaretten per Post

Dazu gehört laut WHO der Versand von Gratiszigaretten per Post, Preisaktionen, das Sponsoring von Veranstaltungen oder die Platzierung von Tabakprodukten in Filmen. Von Land zu Land gibt es erhebliche Unterschiede. Während Schweden auch die meisten solcher indirekten Werbeaktionen verbietet, sind sie in der Schweiz weitgehend legal. Und in Deutschland sei immer noch die Plakatwerbung für Tabakwaren erlaubt, bemängelt die WHO.

Ohne die Ausweitung staatlicher Maßnahmen - darunter gesetzlich vorgeschriebene Warnungen auf Zigarettenschachteln - wird nach WHO-Schätzungen die Zahl der Menschen, die an Folgen des Tabakkonsums sterben, weiter steigen: Von derzeit jährlich etwa sechs Millionen auf acht Millionen bis 2030.

Das Tabakrauchen sei immer noch Hauptverursacher von vermeidbaren Krankheiten und könne zu Krebs, Herzkrankheiten, Diabetes und chronischen Atemwegserkrankungen führen, warnte die WHO. Ungeachtet dessen würden Tabakkonzerne jedes Jahr Milliarden von Dollar ausgeben, um den Absatz ihrer Produkte zu fördern.

"Nur ein vollständiges Verbot von Werbung ist effektiv"

"Wir wissen, dass nur ein vollständiges Verbot von Werbung, Verkaufsförderung und Sponsoring effektiv ist", sagte Douglas Bettcher, Chef der WHO-Abteilung zur Vorbeugung von nichtansteckenden Krankheiten. "Staaten, in denen solche Maßnahmen konsequent durchgesetzt wurden, konnten das Rauchen in wenigen Jahren deutlich eindämmen."

Inzwischen leben laut WHO rund drei der mehr als sieben Milliarden Menschen in Ländern, in denen es staatliche Maßnahmen zur Bekämpfung des Rauchens gibt. So hätten in den vergangenen fünf Jahren 20 weitere Länder mit einer Gesamtbevölkerung von 657 Millionen Menschen Warnhinweise zu Gesundheitsrisiken auf Zigarettenpackungen vorgeschrieben.

Zudem hätten in den vergangen fünf Jahren mehr als eine halbe Milliarde Menschen in neun Staaten Zugang zu Programmen zur Nikotinentwöhnung erhalten. In 32 Staaten sei zwischen 2007 und 2012 das Rauchen am Arbeitsplatz sowie in öffentlichen Einrichtungen und Transportmitteln untersagt worden.

Diese Fortschritte seien im Zuge des 2005 in Kraft getreten WHO-Rahmenübereinkommens zur Eindämmung des Tabakgebrauchs (FCTC) erreicht worden. Der Vertrag ist von mehr als 160 Ländern unterschrieben worden, darunter Deutschland.

Weil er jedoch von vielen Staaten nicht umgesetzt werde, ist nach WHO-Angaben das Ziel einer Reduzierung des weltweiten Tabakkonsums um 30 Prozent bis zum Jahr 2025 gefährdet. "Wenn wir nicht unsere Reihen schließen und jegliche Verkaufsförderung für Tabakwaren unterbinden, werden weiterhin Heranwachsende und junge Erwachsene durch eine immer aggressiver werdende Tabakindustrie zum Rauchen verführt", erklärte die WHO-Generaldirektorin.

EU-Parlamentarier beschließen Schockbilder

Im Juni hatten die EU-Gesundheitsminister beschlossen, dass in der gesamten Europäischen Union künftig große Hinweise auf zwei Dritteln der Verpackung von Zigaretten vor den Folgen des Rauchens warnen sollen. Außerdem sollen Schockbilder den Konsumenten die Lust am Rauchen nehmen.

Am Mittwoch folgte der Gesundheitsausschuss des EU-Parlaments den Ministern und stimmte ebenfalls dafür, Mentholzigaretten zu verbieten sowie Warnhinweise und Schockbilder auf die Packungen zu drucken. Das Regelwerk sei ein guter Anfang, um junge Leute vom Rauchen abzuhalten, sagte der Europaparlamentarier Karl-Heinz Florenz (CDU). Der Parlamentsausschuss fordert zusätzlich ein Verbot von Slim-Zigaretten, zu dem die EU-Gesundheitsminister sich nicht durchringen konnten.

Kritik am Parlamentskurs kam von der FDP. Deren Europaabgeordneter Holger Krahmer hält die Regeln für einen unverhältnismäßigen "Kreuzzug gegen das Rauchen". Im September oder Oktober soll noch das EU-Parlament zustimmen, um danach Verhandlungen mit den EU-Staaten aufzunehmen.

Im Interview mit SPIEGEL ONLINE weist der Vorstand des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg, Otmar Wiestler, darauf hin, dass die Tabaklobby gegen ein Werbeverbot besonders aktiv agiere.

dba/dpa

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