US-Studien Rauchstopp vor dem Vierzigsten bringt neun Jahre mehr

Wer nie geraucht hat, dessen Chancen verdoppeln sich, den 80. Geburtstag zu erleben. Doch auch Raucher, die noch vor dem vierzigsten Geburtstag das Qualmen aufgeben, leben statistisch neun Jahre länger, zeigen neue US-Daten. Ein Freibrief für junge Raucher sind die Ergebnisse jedoch nicht.
Brennende Zigarette: Kein Freibrief, bis zum 40. Geburtstag zu rauchen

Brennende Zigarette: Kein Freibrief, bis zum 40. Geburtstag zu rauchen

Foto: DDP

Rauchen ist out. Vorbei die Zeiten, in denen in großen Anzeigen mit dem Spruch "Ja, ich rauche gern!" geworben wurde. Dass weniger Menschen zur Zigarette greifen, liegt vor allem an den immer höheren Hürden sowohl für die Hersteller als auch die Raucher. Die Industrie darf schon lange nicht mehr werben, wo sie will, die Raucher ihre Kippe meist nur noch dort rauchen, wo es kalt und regnerisch ist - an der frischen Luft.

Zu Recht, finden Mediziner, die vor allem mit den langfristigen Folgen des Rauchens konfrontiert sind. Zu diesem Schluss kommen auch Forscher, die in zwei Studien die Entwicklung der Todeszahlen rauchender US-Amerikaner untersucht haben. Die aus den Studien zu ziehenden Schlüsse fasst ein Kommentator im Fachmagazin "New England Journal of Medicine" (NEJM) prägnant zusammen : Erstens sei es nie zu spät, das Rauchen aufzugeben. Und zweitens müssten Ärzte die Gesundheitsgefahren durch Tabakmissbrauch noch deutlicher machen.

Der kanadische Epidemiologe Prabhat Jha vom Center for Global Health Research in Toronto und sein Team untersuchten die Daten von mehr als 113.000 Frauen und 88.000 Männern über 25 Jahren, die zwischen 1997 und 2004 zu ihrer Gesundheit befragt worden waren. In der Altersgruppe von 25 bis 79 Jahren war bei den Rauchern das Risiko, im untersuchten Zeitraum zu sterben, dreimal so hoch wie bei lebenslangen Nichtrauchern, berichten die Studienautoren im "NEJM" .

Dramatische Erhöhung der Überlebenswahrscheinlichkeit

Kamen die Raucher rechtzeitig vom Nikotin los, erhöhte sich ihre statistische Überlebenswahrscheinlichkeit dramatisch: Wer es zwischen 25 und 34 Jahren schaffte, gewann im Schnitt zehn Jahre hinzu, bis zum 44. Lebensjahr immer noch neun Jahre. Selbst wer erst mit bis zu 54 Jahren das Rauchen aufgab, lebte statistisch sechs Jahre länger.

Das sei allerdings, betonen die Mediziner energisch, kein Freibrief, bis zum 40. Geburtstag zu rauchen und dann aufzuhören. Ein solches Verhalten sei alles andere als sicher, denn es bleibe ein erhöhtes Risiko: Einer von sechs Rauchern, die erst mit vierzig Jahren zum Nichtraucher werden, sterbe vor dem 80. Geburtstag an den Folgen des Tabakmissbrauchs.

Ein lebenslanger Nichtraucher habe demnach gegenüber einem Raucher eine doppelt so hohe Chance, seinen 80. Geburtstag zu feiern. Durchschnittlich sterben Raucherinnen elf Jahre und Raucher zwölf Jahre früher als lebenslange Nichtraucher.

Erstaunt stellten die Wissenschaftler fest, dass viele Menschen erst nach dem 20. Geburtstag mit dem Rauchen anfangen, unter den Frauen 15 Prozent gar erst nach dem 25. Lebensjahr. Das weise darauf hin, wie wichtig es sei, junge Erwachsene auf die Gefahren des Rauchens aufmerksam zu machen, so der US-Mediziner Steven Schroeder in seinem begleitenden Kommentar .

"Wenn Frauen wie Männer rauchen, sterben sie wie Männer"

In einer zweiten im "NEJM" erschienenen Studie   vergleicht der US-Epidemiologe Michael Thun von der US-Krebsgesellschaft in Atlanta zusammen mit Kollegen die Sterbensraten (Mortalität) von US-Männern und -Frauen in drei Zeiträumen: von 1959 bis 1965, 1982 bis 1988 und 2000 bis 2010. Das Ergebnis: Während in den fünfziger und sechziger Jahren rauchende Frauen im Vergleich zu Nichtraucherinnen noch ein deutlich niedrigeres Sterbensrisiko im Beobachtungszeitraum hatten als rauchende Männer gegenüber Nichtrauchern, hat sich das Risiko im 21. Jahrhundert angeglichen.

Das Ergebnis bestätigt jenes einer britischen Studie, die Ende 2012 veröffentlicht wurde: "Wenn Frauen wie Männer rauchen, sterben sie wie Männer".

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Foto: ARIS MESSINIS/ AFP

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Da die Studie einen Zeitraum von mehr als 50 Jahren einschließt, haben sich sowohl Rauchgewohnheiten als auch medizinische Möglichkeiten verändert. Heute rauchen die meisten Menschen Filterzigaretten, die weniger Teer als in den fünfziger Jahren enthalten. Und Raucher konsumieren heute im Durchschnitt weniger Zigaretten als früher.

Gleichzeitig sterben weniger Raucher an bestimmten Folgen des Tabakmissbrauchs: Von den Giftstoffen verursachte Gefäßerkrankungen, die zum Beispiel zu Herzinfarkt oder Schlaganfall führen, können mittlerweile besser behandelt werden als noch 1950. Anders sieht es bei den Krebsfolgen der Sucht aus: Lungenkrebs ist heute noch nahezu genauso tödlich wie vor fünfzig Jahren.

Ein Rätsel bleibt den Medizinern, wieso heute mehr Raucher an bestimmten Folgen sterben als vor einigen Jahrzehnten: Wie die Studie ebenfalls ergab, tötet die chronisch-obstruktive Lungenkrankheit (COPD) mittlerweile mehr männliche Raucher als in der Vergangenheit. Die Autoren vermuten, dass Menschen den Qualm moderner Zigaretten tiefer inhalieren können, und dass dies das Risiko für die COPD erhöhen könnte.

Ein paradoxes Problem sehen die Wissenschaftler gerade durch die erfolgreiche Politik gegen das Rauchen auf die Gesellschaft zukommen: Heute rauchen weniger gebildete und wohlhabende Menschen, Tabak und Nikotin sind Suchtmittel vor allem für arme Menschen.

Es würden zwar mehr Frauen an Lungenkrebs als an Brustkrebs sterben, so US-Mediziner Schroeder in seinem Kommentar, doch gebe es weder Volksläufe gegen Lungenkrebs, noch eine braune Solidaritätsschleife analog der rosa Brustkrebsschleife. Es bestehe die Gefahr, dass die Gesundheitsrisiken des Rauchens nicht mehr wahrgenommen würden - weil es nur noch um das stigmatisierte Verhalten der unteren gesellschaftlichen Klassen gehe.

Für Mobilnutzer: Erfahren Sie hier, wie man am besten das Laster Rauchen los wird.

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