Rauchprävention "Gegen ein Werbeverbot agiert die Tabaklobby besonders aktiv"

Rauchen ist cool - so die sinngemäße Aussage einer aktuellen Kampagne, die auf junge Leute abzielt. Eine Katastrophe für Otmar Wiestler. Im Interview erklärt der Heidelberger Krebsforscher, ob Schockbilder vom Rauchen abhalten und woran ein Werbeverbot in Deutschland scheitert.
Zigaretten: In Europa ist Rauchen immer noch sehr verbreitet

Zigaretten: In Europa ist Rauchen immer noch sehr verbreitet

Foto: Karl-Josef Hildenbrand/ picture alliance / dpa

SPIEGEL ONLINE: Herr Wiestler, werden Raucher durch Schockbilder auf Zigarettenpackungen nicht stigmatisiert?

Wiestler: Nein. Ich halte die Schockbilder für eine wichtige von mehreren Maßnahmen, um Rauchen zurückzudrängen und Nichtraucher zu schützen.

SPIEGEL ONLINE: Aber wird ein Süchtiger nicht weiter rauchen, egal was auf der Packung abgebildet ist?

Wiestler: Untersuchungen zeigen , dass Schockbilder Nichtraucher davon abhalten, mit dem Rauchen anzufangen. Sie erleichtern Rauchern den Ausstieg und sie halten Ex-Raucher davon ab, wieder anzufangen.

SPIEGEL ONLINE: Im Ausland gibt es Schockbilder ja schon länger. Welche Erfahrungen hat man dort gemacht?

Wiestler: Über das WHO-Kollaborationszentrum für Tabakkontrolle pflegen wir einen intensiven Austausch mit Kanada und Australien, dort hat man die meisten Erfahrungen, weil diese Länder schon seit langem einen rigoroseren Nichtraucherschutz haben als wir. Dort ist man auch der Auffassung, dass es ein Bündel gut aufeinander abgestimmter Maßnahmen braucht, um Rauchen einzudämmen - und dazu zählen die Schockbilder. Weitere wichtige Maßnahmen sind aber auch die Steuergesetzgebung und Nichtraucherschutz-Gesetze.

SPIEGEL ONLINE: Es geht vor allem auch darum, junge Menschen vom Rauchen abzuhalten. Womöglich finden die diese Horrorbilder aber noch cool?

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Zigaretten: Mit Schockbildern und Werbeverbot gegen das Rauchen

Foto: Oli Scarff/ Getty Images

Wiestler: Junge Menschen finden allerlei cool, was Erwachsene anders sehen. Aber wir haben keine Hinweise darauf, dass Aufnahmen von Krebsgeschwülsten oder veränderten Organen junge Menschen animieren.

SPIEGEL ONLINE: Eine wichtige Maßnahme wäre ein totales Werbeverbot für Tabakprodukte. Leider gibt es hierzulande noch immer Schlupflöcher, die Tabakindustrie investiert jährlich 200 Millionen Euro in Werbung. Warum wird das nicht verboten?

Wiestler: Diese Frage stellen wir uns natürlich auch. Ganz offensichtlich agiert die Tabaklobby auf diesem Feld besonders intensiv. Und offensichtlich gibt es in der Reihe der Gesetzgeber viele, die sich sehr schwer damit tun, in das Werbesegment einzugreifen. Wir können uns damit nicht zufrieden geben. Eine Auswertung der Don't-Be-A-Maybe-Kampagne  von Philip Morris zeigt, dass sie junge Menschen anspricht. Nach dem Motto: sei cool, verhalte dich nicht wie die anderen und fang' an zu rauchen! Keine Frage, auf dem Gebiet der Werbung haben wir noch längst nicht alles erreicht, was nötig wäre. Ebensowenig beim Nichtraucherschutz. Da haben wir ja nach wie vor einen Flickenteppich in der Landesgesetzgebung. Wir werden weiterhin alles dafür tun, dass der Bundesgesetzgeber aktiv wird.

SPIEGEL ONLINE: Wie?

Wiestler: Für uns ist es enorm wichtig, Krebsrisikofaktoren auszuschalten und die Prävention von Krebserkrankungen zu fördern. Dazu gehört das Informieren der Öffentlichkeit. Es ist ein Teil unseres Forschungsauftrags.

SPIEGEL ONLINE: Warum wenden Sie sich nicht direkt an die Politiker?

Wiestler: Wir sind kein Zentrum, dessen primäre Aufgabe es wäre, Politik zu beeinflussen. Unser Adressat ist die breite Öffentlichkeit, insbesondere Menschen, die vom Rauchen gefährdet sind, also junge Menschen und Angestellte in der Gastronomie. Aber in dem Moment, in dem gesetzgeberische Maßnahmen anstehen oder wir der Auffassung sind, dass der Gesetzgeber handeln muss, gehen wir auf die Ministerien zu.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie bei den Schockbildern aktiv geworden?

Wiestler: Ja. Wir haben Faktensammlungen zusammengestellt, die wir unter anderem der Politik zur Verfügung gestellt haben. Wir sehen unseren Auftrag außerdem darin, die Verbesserung der Krebsprävention regelmäßig zu überprüfen. In den letzten Monaten haben wir in zwölf Städten in Baden-Württemberg Stichproben gemacht, wie streng der Nichtraucherschutz in der Gastronomie eingehalten wird. Die Ergebnisse waren bedrückend.

SPIEGEL ONLINE: Eine WHO-Studie hat vor kurzem gezeigt , dass höhere Tabaksteuern und rigorose Rauchverbote in der Öffentlichkeit die wirksamsten Mittel sind, um Rauchen zurückzudrängen. Warum erhöht man nicht einfach die Zigarettenpreise?

Wiestler: Wir sind auch der Ansicht, dass vor allem Steuererhöhungen und konsequent umgesetzte Rauchverbote sehr gut greifen. Aber es wäre doch absurd, wenn wir Rauchen weiter verteuern und umfassendere Rauchverbote aussprechen, ohne zugleich eindringlicher vor den enormen Gefahren des Rauchens zu warnen. Es ist ein Cocktail von Maßnahmen, die alle unterschiedlich gut wirken.

SPIEGEL ONLINE: Die Tabakindustrie hat jahrzehntelang deutsche Politiker und Wissenschaftler beeinflusst . Auch das DKFZ war betroffen. Wie groß ist ihr Einfluss heute noch?

Wiestler: In der Tat, es hat dunkle Zeiten gegeben. Es mag nach wie vor das eine oder andere schwarze Schaf geben, aber ich glaube, dass die Wissenschaft der Tabakindustrie heute wesentlich distanzierter gegenüber steht als noch vor zehn Jahren. Wir haben schon vor Jahren einen strengen Ethikkodex etabliert, den wir allen Forschungsorganisationen nachdrücklich zur Nachahmung empfehlen .

SPIEGEL ONLINE: Die Philip Morris Stiftung gibt es aber nach wie vor.

Wiestler: Ja, leider. Aber Sie werden keinen DKFZ-Experten in diesem Gremium finden. Es hat darüber viele Diskussionen gegeben, aber wir können nicht alles unterbinden. Dennoch glaube ich, dass sich, was diese Art der "Forschungsförderung" anbelangt, die Dinge radikal verändert haben.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Interviews stand fälschlicherweise, dass es den Philip-Morris-Forschungspreis der Philip Morris Stiftung noch immer gibt. Tatsächlich gibt es ihn seit 2008 nicht mehr. Wohl aber die Philip Morris Stiftung, die jährlich mit 100.000 Euro ausgewählte wissenschaftliche Projekte finanziert.

In einer früheren Version des Teasers hieß es, mit den Worten "Sei cool, fang' an zu rauchen" animiere eine aktuelle Kampagne junge Leute zum Griff zur Zigarette. Das ist falsch, es gibt keine Kampagne, die diese Worte verwendet. Vielmehr sollte das Zitat sinngemäß eine Aussage des Interviewpartners wiedergeben, der eine aktuelle Kampagne interpretiert hat. Wir haben beide Fehler korrigiert und bitten, sie zu entschuldigen.

Das Interview führte Jens Lubbadeh
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