Im Beisein von Kindern Länder fordern Rauchverbot in Autos

Im Auto ist die Schadstoffkonzentration von Zigarettenrauch fünfmal so hoch wie in einer Bar. Fahren Kinder mit, soll das Qualmen am Steuer verboten sein, fordert eine Gesetzesinitiative.

Mit Rauchen im Auto im Beisein von Kindern könnte bald Schluss sein (Symbolbild)
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Mit Rauchen im Auto im Beisein von Kindern könnte bald Schluss sein (Symbolbild)


Keine Flucht möglich: Wer auf der Rückbank im Auto sitzt, ist Zigarettenrauch schutzlos ausgeliefert. Wenn es nach dem Willen mehrerer Bundesländer geht, gehören vollgequalmte Autos aber schon bald der Vergangenheit an. Nordrhein-Westfalen, Bremen, Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein haben eine entsprechende Gesetzesinitiative in den Bundesrat eingebracht.

Geändert werden soll das Nichtraucherschutzgesetz. Wenn Schwangere und Kinder im Auto sitzen, sollen Zigaretten tabu sein. Bei Verstößen würden dann Bußgelder von 500 bis 3000 Euro drohen. Die Ärzte in Deutschland unterstützen das.

Ein solches Verbot sei überfällig, sagte der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt. Passivrauchen schade der Gesundheit "massiv", das gelte insbesondere für Ungeborene, Kinder und Jugendliche. "Es sollte selbstverständlich sein, in ihrer Gegenwart nicht zu rauchen", sagte er. "Wo diese Einsicht fehlt, muss der Staat eingreifen." Die Bundesregierung lasse Kinder bisher aber trotzdem weiter im Qualm sitzen. Daher begrüße die Ärzteschaft den Vorstoß im Bundesrat.

"Der Bund muss endlich handeln und die entsprechenden Regelungen umsetzen", sagte auch Niedersachsens Gesundheitsministerin Carola Reimann (SPD) im Vorfeld. "Gerade Kinder tragen eine Reihe gesundheitlicher Folgen vom Passivrauchen davon."

Tabakrauch: 90 nachgewiesene toxische oder krebserregende Substanzen

Geht es nach dem Ulmer Lungenfacharzt Michael Barczok ist Rauchen im Auto immer problematisch und sollte grundsätzlich unterbleiben. Besonders kritisch wird es demnach, wenn sich Dritte im Auto befinden, die auch noch an einer Atemwegserkrankung leiden oder aufgrund ihrer körperlichen Entwicklung besonders gefährdet sind.

"In verbranntem Tabak sind rund 90 nachgewiesene toxische oder krebserregende Substanzen enthalten", heißt es auch in der Begründung der Länderinitiative für das geforderte Rauchverbot.

Die Länder verweisen auf Untersuchungen des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ), nach denen die Schadstoffkonzentration in verrauchten Autos fünfmal so hoch wie in einer durchschnittlich verrauchten Bar ist. Bei Kindern kann demnach eine Reihe von gesundheitlichen Folgen beobachtet werden. Dazu gehört unter anderem - ein gesteigertes Risiko für den plötzlichen Kindstod gehört dazu. Nach Schätzungen des Forschungsinstituts sind rund eine Millionen Minderjährige in Deutschland dem Tabakrauch im Auto ausgesetzt.

Kritiker sehen vor allem Probleme bei der Umsetzung und Kontrolle des Vorhabens. Staaten wie Großbritannien, Italien, Griechenland, Österreich oder Frankreich haben bereits Rauchverbote in Autos eingeführt, wenn Minderjährige mitfahren.

Die Gesundheitsminister der Länder hatten sich schon im vergangenen Oktober für ein bundesweites Rauchverbot in Autos ausgesprochen, in denen Minderjährige und Schwangere mitfahren. Weil der Bund den Forderungen der Gesundheitsministerkonferenz laut Carola Reimann nicht nachgekommen ist, machen die Länder jetzt Druck.

ADAC: Auto ist nicht öffentlicher Raum

Der ADAC verweist darauf, dass das Auto ein nicht öffentlicher Raum sei, die Insassen sollten darin selbstverantwortlich handeln. "Dabei versteht sich von selbst, dass man nicht raucht, wenn Kinder im Auto sind", sagte Sprecherin Alexandra Kruse. Für den Automobilclub ist fraglich, ob ein Gesetz die Situation verbessern würde. "Wir zweifeln daran, weil es sehr schwierig ist, den Sachverhalt wirkungsvoll zu kontrollieren", sagte Kruse.

Das Gesundheitsministerium in Hannover teilt diese Bedenken nicht. Das Verbot lasse sich leichter kontrollieren als etwa beim Telefonieren mit dem Handy, hieß es. Bei Verkehrskontrollen seien die Zigarette und der Qualm deutlich sichtbar und der Geruch beim Öffnen der Autos wahrnehmbar.

Die Schwierigkeit, in einem eher privaten Bereich durch gesetzliche Regelungen Verhaltensänderungen zu erzwingen, sieht auch Lungenexperte Barczok. Auf der anderen Seite bezeichnet er es als Körperverletzung, wenn etwa vor Kindern geraucht wird. "Würde man dem Begriff der Körperverletzung dafür gelten lassen, bräuchte man kein spezielles Gesetz, sondern müsste sich nur auf die geltende Regelung berufen", meint der Facharzt.

Der Vorschlag soll in der Länderkammer vorerst nur präsentiert und dann in den Ausschüssen beraten werden. Ziel ist, dass der Bundesrat in einer folgenden Sitzung beschließt, einen Gesetzentwurf in den Bundestag einzubringen, mit dem sich dieser befassen müsste.

irb/kry/dpa



insgesamt 25 Beiträge
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rainer-rau 21.09.2019
1.
Dass so ein Vorschlag überhaupt gemacht wird, beschreibt doch, was vielen Eltern ihre Kinder bedeuten. Kinder solcher Eltern haben keine Chance, falls sie nicht früh genug in "gute Gesellschaft" geraten.
skeptikerjörg 21.09.2019
2. Placebo-Gesetz
Im Grunde spricht (fast) alles dafür und kaum was dagegen. Die Krux allerdings ist die Durchsetzbarkeit. Jedes Gesetz, dass nicht durchgesetzt wird, eine Schwächung des Rechtsstaates. Wer soll das Gesetz wie durchsetzen? Wir reden über den fließenden Verkehr, also ist die Polizei zuständig. Geht es dann wie bei Alkoholkontrollen? Rauswinken von Fahrzeugen, in denen man Kinder erkannt/vermutet hat, auf eine Parkplatz, Analyse der Innenraumluft und dann Ordnungsgeld? Müssen Frauen dann nachweisen, dass sie nicht schwanger sind? Wenn ich mit der ersten schützenswerten Gruppe, Kinder, trotzdem noch voll mitgehe, kann ich bei den Schwangeren, die zu schützen sind, nur den Kopf schütteln. Wir reden von Frauen, die "reif" genug sind, sich schwängern zu lassen; und die sind nicht in der Lage zu sagen "Mach die Kippe aus"? Und was ist überhaupt mit den Schwangeren, die selbst rauchen? Klar, verantwortungslos und unvernünftig, weiß jeder, gibt es aber trotzdem. Wie die Mutter, die in der rechten Hand die Kippe hat und mit der linken den Kinderwagen durch den Park schiebt. Spricht alles nicht gegen ein Verbot, gegen ein Gesetz, aber Gesetze, die nicht durchgesetzt werden (können), sind Placebos, dienen dazu, dass sich die Initiatoren selbst auf die Schulter klopfen und sich gut fühlen können.
lektra 21.09.2019
3. Eigenverantwortlichkeit zulasten Anderer?
Das Auto wird definiert als "ein nicht öffentlicher Raum" - den man dann aber skurrilerweise durch den öffentlichen Raum fährt. Das verdeutlicht das generelle Problem mit individueller Automobilität: z.B. die zunehmende Aggressivität im Verkehr (Fahrer fühlen sich schließlich in ihrem Privatbereich eingeschränkt, wenn sie auf andere, sie vermeintlich behindernde Verkehrsteilnehmer treffen). Insassen sollten in diesem privaten Bereich "selbstverantwortlich" handeln - laut ADAC. Damit muss es aber (wie überall im Leben) spätestens dann vorbei sein, wenn andere Menschen beeinträchtigt, gefährdet oder geschädigt werden. Kinder zu nötigen, Zigarettenqualm einzuatmen, ist Körperverletzung. Ob im Auto oder zuhause. Dass es Schwierigkeiten geben kann, Sachverhalte zu beweisen, darf daran nichts ändern. Schließlich ist es ja auch nicht erlaubt, Kinder zu schlagen, weil jemand es zuhause tut und sichtbare Verletzungen vermeidet. Dass es sich von selbst verstehen soll, dass man nicht raucht, wenn Kinder im Auto sind, ist purer Wunschtraum (und eher eine Nebelkerze des ADAC). Raucher sind in den allermeisten Fällen körperlich abhängig von diesem Stoff. Wer soll da an eine selbstverantwortliche Entscheidung glauben? Aber es bleibt: Eine eigenverantwortliche Entscheidung dafür, andere zu schädigen, darf nicht zulässig sein.
lektra 21.09.2019
4. Ach bitte, ...
Zitat von skeptikerjörgIm Grunde spricht (fast) alles dafür und kaum was dagegen. Die Krux allerdings ist die Durchsetzbarkeit. Jedes Gesetz, dass nicht durchgesetzt wird, eine Schwächung des Rechtsstaates. Wer soll das Gesetz wie durchsetzen? Wir reden über den fließenden Verkehr, also ist die Polizei zuständig. Geht es dann wie bei Alkoholkontrollen? Rauswinken von Fahrzeugen, in denen man Kinder erkannt/vermutet hat, auf eine Parkplatz, Analyse der Innenraumluft und dann Ordnungsgeld? Müssen Frauen dann nachweisen, dass sie nicht schwanger sind? Wenn ich mit der ersten schützenswerten Gruppe, Kinder, trotzdem noch voll mitgehe, kann ich bei den Schwangeren, die zu schützen sind, nur den Kopf schütteln. Wir reden von Frauen, die "reif" genug sind, sich schwängern zu lassen; und die sind nicht in der Lage zu sagen "Mach die Kippe aus"? Und was ist überhaupt mit den Schwangeren, die selbst rauchen? Klar, verantwortungslos und unvernünftig, weiß jeder, gibt es aber trotzdem. Wie die Mutter, die in der rechten Hand die Kippe hat und mit der linken den Kinderwagen durch den Park schiebt. Spricht alles nicht gegen ein Verbot, gegen ein Gesetz, aber Gesetze, die nicht durchgesetzt werden (können), sind Placebos, dienen dazu, dass sich die Initiatoren selbst auf die Schulter klopfen und sich gut fühlen können.
..., "Schwächung des Rechtsstaates"? 1. Jemanden im Auto mit der Kippe in der Hand ist z.B. sehr deutlich von außen zu sehen. Rauch bleibt und die Aussage kontrollierender Beamter hat natürlich einen Wert. Beim Smartphone, das einfach schnell weggelegt werden kann, ist die Beweislage viel schwerer. Trotzdem kommt niemand auf die Idee, dass die Bedienung des Smartphones am Steuer zulässig sein soll. 2. Manchmal setzt man mit staatlichen Regeln auch Zeichen, die Veränderungen in Gang setzen. Bei der Vergewaltigung in der Ehe wurde von Gegnern des Gesetzes auch die schlechtere Nachweisbarkeit vorgeschoben. Aber solche Gesetze schaffen ein Bewusstsein dafür, was zulässig ist - bei denen, die etwas tun, und denen, die darunter leiden müssen. Was glauben sie, wie viele Leute mit dem Satz "Mach die Kippe aus" in einem "privaten Raum" (das Auto gilt als solches) auflaufen. Wenn es öffentlich als vollkommen legal erklärt wird, dass man andere Menschen zuqualmt, nur weil man selber der Fahrzeugführer ist, dann fehlt Mitfahrern das entscheidende Argument.
dont_think 21.09.2019
5.
außer dem Fahrer, der ja fahren muss (bislang jedenfalls noch) erzeugt jeder zusätzliche Passagier giftiges und klimaschädliches CO2 - egal, ob schwanger oder minderjährig. in Zukunft fährt das Auto autonom von A nach B, kommt wieder zurück und der Raucher kann rauchen, die Schwangere kann gebären und das Minderjährige heranwachsen.
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