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12. September 2012, 19:34 Uhr

Reanimation

Deutsche verweigern Erste Hilfe

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Nur wenige Deutsche sind bereit, in Notsituationen mit einer Herzdruckmassage zu helfen. Das zeigt eine aktuelle Untersuchung der Gesellschaft für Anästhesiologie. Schätzungsweise sterben jedes Jahr 10.000 Menschen, obwohl sie gerettet werden könnten.

Bei einem Kreislaufstillstand zählt jede Minute: Je länger kein Blut durch den Körper zirkuliert, desto mehr Schaden nimmt das Gehirn - sollte der Patient überhaupt überleben. Doch nur 15 Prozent der Deutschen starten laut einer Erhebung des Reanimationsregisters der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie (DGAI) in Notsituationen überhaupt einen Wiederbelebungsversuch. Damit schneiden die Deutschen im EU-weiten Vergleich erschreckend schlecht ab.

Für ihre Untersuchung werteten die Intensivmediziner 11.800 Einsätze aus, bei denen Erwachsene zwischen Januar 2004 und Juli 2011 wiederbelebt werden mussten. Knapp 4000 Patienten - 34 Prozent - konnten reanimiert und mit eigenständiger Blutzirkulation ins Krankenhaus gebracht werden. Diese Rate ließe sich verbessern: Treiben Passanten bereits wenige Minuten nach einem Kreislaufstillstand wieder Blut durch den Körper von Betroffenen, können sie deren Überlebenschancen verdoppeln.

In der Hälfte der erfassten Fälle gelang es den helfenden Passanten, das Herz von Verunglückten für mindestens 20 Sekunden wieder zum regelmäßigen Schlagen zu bringen. Immerhin 37 Prozent der Notfälle, die von Laien wiederbelebt wurden, schafften es lebendig ins Krankenhaus. Zum Vergleich: Nur 33 Prozent der Betroffenen, die durch den später eintreffenden Rettungsdienst wiederbelebt wurden, kamen lebend in einer Klinik an.

Schon nach wenigen Minuten ohne Sauerstoff stirbt das Hirn ab

Auch wenn die Patienten überleben, hat eine späte Reanimation häufig fatale Folgen: "Ab dem Moment, in dem im Körper kein Blut mehr fließt, dauert es etwa zehn Sekunden, bis der Betroffene bewusstlos wird", sagt Bernd Böttiger von der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin. "Dann hört das Gehirn auf ordnungsgemäß zu arbeiten."

Halte der Sauerstoffmangel fünf Minuten oder länger an, werde das Hirn dauerhaft geschädigt. Die Mehrzahl - etwa zwei Drittel - der nach einem Kreislaufstillstand eingelieferten Patienten stirbt im Krankenhaus an den Folgen des Sauerstoffmangels im Körper. "Deshalb ist es wichtig, dass Laien mit den Wiederbelebungsmaßnahmen beginnen, solange der Rettungsdienst noch unterwegs ist", so Böttiger.

Schätzungen zufolge erleiden jährlich etwa 70.000 bis 100.000 Menschen in Deutschland einen Herz-Kreislauf-Stillstand, die meisten von ihnen aufgrund eines Herzinfarkts. "Erkennen kann man die Notsituation, indem man versucht, den Betroffenen anzusprechen, und prüft, ob er noch atmet", sagt Böttiger. Wären die Deutschen eher bereit zuzupacken, könnten jährlich etwa 10.000 Leben gerettet werden.

Die aktuelle Untersuchung zeigt erstmals auch, dass Personen über 60 seltener von Laien reanimiert werden, obwohl sie die gleichen Überlebenschancen hätten. Erst im Alter von 90 Jahren nimmt die Wahrscheinlichkeit ab, dass die Reanimation etwas nutzt.

Für die Menschen in anderen Staaten der EU hingegen ist Erste Hilfe eine Selbstverständlichkeit: Eine Studie vom Dezember 2010 zeigt, dass in Schweden und Norwegen 60 Prozent der Bevölkerung im Notfall eine Herzdruckmassage machen. Ähnlich schlecht wie die Deutschen schnitten dagegen die Einwohner der südlichsten Provinz in Spanien - Andalusien - ab. Nur zwölf Prozent von ihnen leiten im Notfall Wiederbelebungsmaßnahmen ein.

Je besser die Menschen informiert sind, desto eher helfen sie

"Dass in Deutschland nur 15 Prozent der Passanten bereit sind, eine Herzmassage zu machen, ist wirklich bemerkenswert - im negativen Sinne", sagt Böttiger. Die Notfallmediziner erklären sich die mangelhafte Hilfsbereitschaft mit der Angst der Bevölkerung, etwas falsch zu machen. Einige Menschen wüssten aber auch nicht, was zu tun ist.

Das Wichtigste sei, das Gehirn und die Organe über eine Herzdruckmassage am Leben zu halten, sagt Böttiger.

In den skandinavischen Ländern ist das Thema Wiederbelebung laut Böttiger sowohl in den Medien als auch in der Schule wesentlich präsenter als in Deutschland. "Weil die Leute besser informiert sind, haben sie weniger Angst und sind eher bereit zu helfen", vermutet der Mediziner.

Dafür spricht auch, dass die Menschen in Deutschland vor allem am Arbeitsplatz - wo Erste-Hilfe-Schulungen für einen Teil der Beschäftigten Pflicht sind - bereit sind einzugreifen. Bei 34 Prozent der beobachteten Kreislaufstillstände auf der Arbeit hilft jemand. Zu Hause wird nur in 18 Prozent der Fälle eingegriffen. Deutsche Intensivmediziner setzen sich nun dafür ein, dass die Erste Hilfe auch in deutschen Schulen zum Thema wird.

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