Angeborene Bluterkrankung 20-Jährige offenbar erfolgreich mit Genschere behandelt

Es war einer der ersten Versuche, einem Menschen mit der Genschere Crispr zu helfen: Ärzte scheinen die Erbkrankheit einer Patientin erfolgreich therapiert zu haben. Andere Forscher bleiben skeptisch.
Mit Crispr/Cas9 behandelte Zelle unter dem Mikroskop (Archiv): Experten erhoffen sich Heilung für Erbkrankheiten

Mit Crispr/Cas9 behandelte Zelle unter dem Mikroskop (Archiv): Experten erhoffen sich Heilung für Erbkrankheiten

Foto: Gregor Fischer/ DPA

In Regensburg hat eine Gentherapie gegen die angeborene Bluterkrankung Beta-Thalassämie erste Erfolge gezeigt: Eine 20-jährige Patientin sei mithilfe der Genschere Crispr/Cas9 behandelt worden und weise seit neun Monaten normale Blutwerte auf, teilte das Universitätsklinikum Regensburg mit. Es war einer der ersten Versuche mit der Genschere am Menschen.

Beta-Thalassämie ist eine Erbkrankheit, bei der der Körper zu geringe Mengen des Blutfarbstoffs Hämoglobin bildet. In der Folge wird zu wenig Sauerstoff über die Blutkörperchen in die Zellen transportiert. Die Patienten leiden an Sauerstoffmangel. Je nach Schweregrad entwickeln sie Wachstumsstörungen, Knochenerkrankungen, Leber- und Milzvergrößerungen oder Depressionen.

Bislang ist eine Stammzelltransplantation die einzige Möglichkeit, geheilt zu werden. Dafür ist allerdings ein passender Spender nötig. Sei keine Transplantation möglich, bräuchten Betroffene regelmäßig Bluttransfusionen, heißt es in der Mitteilung des Universitätsklinikums Regensburg . Diese belasteten jedoch lebenswichtige Organe wie Herz und Leber und könnten zu schweren Komplikationen und zum Tod führen.

Patientin bekam 16 Bluttransfusionen im Jahr

Auch die 20-Jährige war auf regelmäßige Bluttransfusionen angewiesen. Im Schnitt bekam sie 16 Behandlungen im Jahr. Vor neun Monaten wurden die Blutstammzellen der Patientin dann mithilfe von Crispr/Cas9 genetisch verändert. Mit der Genschere ist es seit ein paar Jahren möglich, Erbgut besonders schnell, preisgünstig und präzise zu verändern. Wie sich das in der Medizin nutzen ließe, wird gerade erprobt.

Im aktuellen Fall entnahmen die Ärzte der Frau zunächst blutbildende Stammzellen aus dem Knochenmark. Den Gendefekt in ihnen glichen sie aus, indem sie mit Crispr/Cas9 ein alternatives Hämoglobin-Gen aktivierten. Durch diese neuen genetischen Eigenschaften stellten die Zellen anschließend sogenanntes fetales Hämoglobin für den Sauerstofftransport her.

Bevor die veränderten Zellen zurück in den Körper der Frau gebracht werden konnten, mussten allerdings die blutbildenden Stammzellen in ihrem Knochenmark zerstört werden, die noch den Gendefekt trugen. Wie bei einer Stammzelltransplantation geschah dies durch eine Chemotherapie.

Vorerst normale Blutwerte, Transfusionen überflüssig

Im Anschluss erhielt die Patientin die genveränderten Blutstammzellen. Die siedelten sich in den Markhöhlen der Knochen an und bildeten dort funktionierende Blutzellen aus. Das in diesen enthaltene fetale Hämoglobin übernahm den Sauerstofftransport im Körper. Seitdem sind Bluttransfusionen überflüssig, die Patientin hat normale Blutwerte.

Nach Angaben der Klinik wollen sechs Studienzentren weltweit insgesamt 45 Beta-Thalassämie-Patienten mit Crispr/Cas9 behandeln. Sie sollen über zwei Jahre betreut und nachbeobachtet werden.

"Für Patienten, denen keine Alternative angeboten werden kann, würde diese Therapieform die Heilung von einer schrecklichen Krankheit bedeuten", sagte Selim Corbacioglu, Leiter der Abteilung für Pädiatrische Hämatologie, Onkologie und Stammzelltransplantation am Universitätsklinikum Regensburg.

Kritik an Vorveröffentlichung der vorläufigen Ergebnisse

Andere Forscher sind zurückhaltender. "Positiv zu bewerten ist, dass gezeigt wird, dass die Behandlung mit dem Crispr/Cas9-Verfahren prinzipiell funktioniert", sagte Holger Cario von der Kinder-Hämatologie und -Onkologie am Universitätsklinikum Ulm. Der Erfolg sei jedoch stark davon abhängig, wie viel fetales Hämoglobin die Zellen nach dem Eingriff bildeten und ob dieses ausreichend sei, um den Körper mit Sauerstoff zu versorgen.

Gentechnik-Experte Boris Fehse vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf sagte, er freue sich zwar über die vorläufigen Ergebnisse. Als Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gentherapie sehe er es jedoch als sehr kritisch an, aus einer Studie heraus einzelne Patientendaten zu veröffentlichen.

"Man muss eine bestimmte Zahl von Patienten und eine ausreichend lange Zeit haben, um nachzuweisen, dass eine Therapie funktioniert", sagt er. Einfach einen ersten Erfolg nach relativ kurzer Beobachtungszeit zu verkünden, dürfe nicht Schule machen. "Es handelt sich um die erste Patientin, bei der Crispr/Cas9 genutzt wurde, um Thalassämie zu behandeln. Ob sie geheilt ist, wissen wir noch nicht."

kry/dpa