Opfer resistenter Keime Die Mär von den zehn Millionen Toten

Resistente Erreger könnten schon bald Millionen Menschen töten, warnte eine viel zitierte Studie. Eine neue Analyse zeigt: Die Autoren haben mächtig übertrieben.

Petrischale mit antibiotikaresistenten Bakterien
REUTERS

Petrischale mit antibiotikaresistenten Bakterien

Von und Victoria Parsons


Seit nunmehr zwei Jahren schwappen weltweit alarmierende Berichte durch die Medien: "Millionen Tote durch multiresistente Keime möglich", titelte zum Beispiel welt.de. "Resistente Keime bald gefährlicher als Krebs", lautet eine Überschrift bei SPIEGEL ONLINE. Die BBC forderte eine "weltweite Revolution", um resistente Keime abzuwehren. Und der "Mirror" warnt gar vor einer "Antibiotika-Apokalypse". Das Problem: Es ist extrem schwer zu berechnen, wie groß die tatsächliche Gefahr ist.

Was ist hier los?

2014 veröffentlichte ein von der britischen Regierung beauftragtes Expertengremium seinen Bericht "Review on Antimicrobial Resistance". Die Prognose der Kommission: Von 2050 an werden weltweit jedes Jahr rund zehn Millionen Menschen an resistenten Erregern sterben. Der Bericht wirkt seriös und wissenschaftlich, zugleich ist er gut lesbar, verfasst in einer verständlichen Sprache - und findet seinen Weg in Zeitungen, Parlamente und Forschungsanträge weltweit. Die Uno zitiert die Zahl von zehn Millionen, die europäische Kommission, die G7, die Grünen, und schließlich auch der deutsche Gesundheitsminister. Inzwischen steht die Zahl überall.

Allein - wie stichhaltig ist die alarmierende Prognose?

Das hat jetzt ein Team um die Infektionsforscherin Marlieke de Kraker am Uniklinikum Genf untersucht. Seine Analyse im Fachblatt "Plos Medicine" zeigt: Die Vorhersage hält einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht stand. Alles deutet darauf hin, dass die Zahl maßlos übertrieben ist. Der Grund sind ein Missverständnis und drei Fehler.

Das Missverständnis: Antibiotikaresistenzen

Die Prognose von zehn Millionen bezieht sich auf Opfer resistenter, also nicht mit Medikamenten behandelbarer Keime. Dazu gehören neben den gefürchteten Erregern mit Antibiotikaresistenzen auch Keime, die keine Bakterien sind - etwa HIV oder die einzelligen Parasiten, die Malaria verursachen. Zwar machen die Autoren des Berichts das klar, doch das wichtige Detail geht oft in der Berichterstattung unter.

Erster Fehler: Die Kerndaten sind falsch

Wie häufig sind resistente Keime heute? Die britische Studie von 2014 legt die Zahlen aus dem europaweiten Netzwerk EARS zugrunde, in dem resistente Keime gemeldet werden. Doch an diesem Netzwerk sind vor allem große Krankenhäuser beteiligt, das heißt solche, die überdurchschnittlich viel schwere Infektionen behandeln.

Man darf von diesen Kliniken also keineswegs auf Infektionen schließen, die ein Hausarzt behandelt, oder auf alle europäischen Krankenhäuser - und schon gar nicht auf Krankenhäuser in wenig entwickelten Ländern. Doch die britische Studie macht genau diesen Fehler: Sie tut so, als seien die Resistenzquoten aus den großen Krankenhäusern des EARS-Netz der weltweite Maßstab.

Zweiter Fehler: Wie tödlich sind resistente Keime?

Angenommen, es sterben 2000 Patienten am resistenten Krankenhauskeim Staphylococcus aureus, gemeinhin als MRSA bekannt. Und 1000 Patienten an einem gewöhnlichen Staphylococcus-aureus-Erreger. Dann könnte man annehmen, dass die Tödlichkeit des resistenten Keims doppelt so hoch sei. Genau diese Annahme machen die Briten - und auch sie ist falsch. Denn die beiden Patientengruppen unterscheiden sich.

Die 2000 MRSA-Toten sind im Schnitt älter und damit anfälliger als jene 1000, die sich mit dem gewöhnlichen Keim infiziert haben. Je älter ein Mensch ist, desto mehr Antibiotika hat er in seinem Leben wahrscheinlich genommen - und desto wahrscheinlicher trägt er resistente Keime. Nur wenige hochwertige Studien berücksichtigen den Faktor, wie unterschiedlich die jeweiligen Patienten sind. Und diese Studien ergeben eine deutlich niedrigere Sterblichkeit durch resistente Keime.

Die Briten rechnen in ihrem Report hoch, dass heute weltweit rund 700.000 Menschen an resistenten Erregern sterben, vor allem an resistenten Tuberkulose-, Malaria-, HIV- und drei bakteriellen Erregern. Auch diese Zahl dürfte eine ziemliche Übertreibung sein.

Dritter Fehler: Die Prognose

Wie kommt nun die Hochrechnung von zehn Millionen Toten pro Jahr ab dem Jahr 2050 zustande? Die Autoren der britischen Studie gehen davon aus, dass Keime in Zukunft deutlich mehr Resistenzen entwickeln. Und zwar gehen sie von einer Steigerung um 40 Prozentpunkte aus.

Das wär für einen Keim, der heute zu zehn Prozent resistent ist, eine Verfünffachung der Resistenz. Sie würde von zehn auf fünfzig Prozent steigen. Zudem geht man in diesem Szenario von einer Verdopplung der Ansteckungsrate aus. Auch das ist schwer nachvollziehbar, wird doch die Hygiene weltweit immer besser. Dritte Annahme: Die Sterblichkeit bleibt gleich. Mit anderen Worten: Die Medizin wird bis 2050 keine substanziellen Fortschritte machen in der Entwicklung neuer Antibiotika.

Fazit: Hochgradig unseriös

So wissenschaftlich die Studie daherkommt, so unwissenschaftlich ist sie in Wirklichkeit. Sowohl was die Methodik angeht, als auch was ihre Entstehung betrifft. Hinter der Prognose stehen die beiden kommerziellen Beratungsfirmen Rand und KPMG. Sie haben die Szenarien entwickelt und sie dem Expertengremium unter der Leitung des britischen Ökonomen Lord Jim O'Neill präsentiert.

Veröffentlicht ein Wissenschaftler eine Studie, wird sie ihn auf Jahre hinaus begleiten. Werden deren Ergebnisse kritisiert, muss er sich rechtfertigen. Die Autoren der alarmierenden britischen Studie sind jedoch nicht Teil des Wissenschaftsbetriebs und beschäftigen sich längst mit anderen Themen. Lord Jim O'Neill war von Correctiv für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Mit anderen Worten: Es ist wenig wahrscheinlich, dass vom Jahr 2050 jährlich rund zehn Millionen Menschen an resistenten Keimen sterben. Die Zahl gehört eingemottet. Das bedeutet freilich nicht, dass multiresistente Keime harmlos wären. Sie sind tatsächlich eine große Bedrohung - auch ohne Übertreibungen. Die wohl gemeint sein können, letztlich aber Vertrauen verspielen.

Warum aber die Übertreibungen?

Marlieke de Kraker, die Forscherin aus Genf, berichtet, wie gut ihr Paper in der wissenschaftlichen Community ankomme. "Wir kriegen nur positive Rückmeldungen", sagt sie. Viele Forscher hatten ob der britischen Studie Bauchschmerzen - und sind dankbar, dass nun jemand den Unsinn widerlegt.

Auch Petra Gastmeier, Hygienikerin an der Charité, begrüßt die Arbeit. "Die Autoren haben die Fehler der Briten Schritt für Schritt aufgezeigt", sagt sie. Wobei sie und ihre Kollegen die Zahl von zehn Millionen Toten ohnehin nie ernst genommen hätten. "Die Zahl ist aus der Luft gegriffen", sagt die Charité-Medizinerin.

Doch warum ist sie dann so anhaltend populär, nicht nur bei Journalisten, Politikern und Aktivisten, sondern auch in unzähligen wissenschaftlichen Papern, in Förderanträgen und auf Konferenzen? Warum haben sich die Forscher nicht eher gegen die monströse Schätzung gewehrt? Warum hat es mehr als zwei Jahre gedauert, ehe die Hochrechnung jetzt auseinander genommen wurde?

Weil auch ernsthafte Forscher von der Übertreibung profitiert haben. "Wenn ich einen Förderantrag über Antibiotikaforschung bewilligt bekommen will, will ich eine höhere Anzahl von Toten", sagt Petra Gastmeier von der Charité. Wobei sie betont, die Zahl nie selbst in einen Antrag geschrieben zu haben.

Warner werden gehört

Zudem sind die 10 Millionen die bisher einzige konkrete Schätzung. Fragt man Gastmeier oder de Kraker nach einer anderen, genaueren Prognose, weigern sich beide, eine Zahl zu nennen - eben weil es zu wenig Daten und zu viele Unsicherheiten gibt. Als Wissenschaftlerinnen beharren sie darauf, nur seriöse Hochrechnungen zu machen. Die aber seien derzeit nicht möglich. Weshalb die unwissenschaftlichen 10 Millionen Toten konkurrenzlos durch die Medien geistern.

"Wer warnt, hat immer recht", sagt Markus Lehmkuhl, Kommunikationsforscher an der TU Karlsruhe. Wer warnt, sei auf der sicheren Seite. Wer dagegen zu früh Entwarnung gibt, mache sich angreifbar, sollte es dann doch schlimmer kommen. Im umgekehrten Fall kann man zumindest erklären: Man habe die Bevölkerung ja nur schützen wollen.

Lehmkuhl erforscht seit Jahren, wie über Antibiotikaresistenz geredet und berichtet wird - nämlich von Anfang an mit einem alarmistischen Unterton. Was vor allem daran liege, sagt Lehmkuhl, dass das Thema in der Bevölkerung insgesamt wenig bekannt sei. Deswegen habe sich noch keine reife und vielschichtige Debatte entwickelt. Anders als beim Klimawandel, wo die Erkenntnisse und Unsicherheiten der Wissenschaft inzwischen zu vielen Bürgern durchgedrungen seien.

Die Autoren sind Redakteure des Recherchezentrums Correctiv. Die Redaktion, mit der SPIEGEL ONLINE kooperiert, finanziert sich ausschließlich über Spenden und Mitgliedsbeiträge. Ihr Anspruch: Mit gründlicher Recherche Missstände aufzudecken und unvoreingenommen darüber zu berichten. Wenn Sie Correctiv unterstützen möchten, werden Sie Fördermitglied. Informationen finden Sie unter Correctiv-Website.

insgesamt 58 Beiträge
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vantast64 16.12.2016
1. Da bin ich aber beruhigt,
ich hatte nämlich immer befürchtet, daß wegen des Vorrangs des Profits vor dem Leben der Menschen in Krankenhäusern selbst die allerletzten Antibiotika in Massentierställen und darüber hinaus, erlaubt sind. Wir dürfen also beruhigt sein und die Massentierhalter dürfen weitermachen, obwohl: niemand wollte die Antibiotika aus Liebe zu Kranken einschränken....
patras 16.12.2016
2. Klar
alles übertrieben. Wer erlebt hat, wie ein geliebter Mensch an Multiresistenten Keimen zugrunde geht nach einem Routineeingriff, die Hilflosigkeit der Ärzte erlebt hat, der kann so eine Verharmlosung nur als Hohn empfinden.
kassadra 16.12.2016
3. Multiresistenz ist kein Problem
Das Thema wird meines Erachtens nach bewußt von der Pharmalobby gepusht, um weiterhin Geld mit noch spezielleren Antibiotika verdienen zu können. Dabei gibt es seit Anfang des vorigen Jahrhunderts eine wirksame Alternative natürlicher Gegenspieler der Bakterien, ohne die unsere Welt heute nicht existieren dürfte. Bakteriophagen. Ist im Westen in Vergessenheit geraten und wurde in Expertenkreisen schon vor 10 Jahren wieder diskutiert. Ist jetzt groß im Kommen. Eine gute Doku dazu läuft derzeit (noch) auf Arte in der Mediathek. Auch das erste Auto war ein Elektroauto. Hat sich aber auch nicht durchgesetzt, nachem alle auf Öl gesetzt haben. Wo wären wir heute mit 100 Jahren Batterieforschung? Es setzt sich leider nicht immer die beste Lösung durch.
sonnemond 16.12.2016
4. Versuchen Sie heute mal eine ganz einfache Prostataentzündung loszuwerden
Die Bakterien sind resistent.
interessierter Laie 16.12.2016
5. So unseriös finde ich das nicht...
Erstens: Die Resistenzen haben in kurzer Zeit stark zugenommen. Man kann durchaus annehmen, dass sie sich weiter so entwickeln und durch Rekombination verschiedener Stämme zusätzlich verstärken. Zweitens: Regional verschlechtert sich die Hygiene eher - Krieg, Flucht und Vertreibung und Hunger sorgen für ideale Bedingungen für die Verbreitung und Verstärkung. Drittens: In der ersten Welt werden die Menschen immer älter. Das heißt auch, dass viel mehr Eingriffe nötig sind und mehr alte und geschwächte Menschen in Pflegeheimen und Krankenhäusern landen, die zudem mit steigenden Zahlen und höherem Kostendruck konfrontiert sind. Wieder: Ideale Bedingungen für ein echtes Problem. Viertens: Die wachsende Bevölkerung: Mehr Menschen bedeutet auch dann mehr Opfer, wenn Ansteckungsrisiken und Sterblichkeit konstant bleiben. Und dass die Medizin besser wird, ist zwar zu erwarten. Aber auch, dass dieser Fortschritt nur einer Minderheit von Betroffenen nützt.
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