Falsches Putzen "Eine Zahnbürste kann zur Waffe werden"

Kann Zähneputzen schaden? Zahnarzt Roland Frankenberger erklärt, wie lange man nach Mahlzeiten mit der Zahnreinigung warten sollte, welche Nahrungsmittel dem Schmelz schaden und was Kaugummi wirklich bringt.
Richtig Zähneputzen: Nicht zu stark drücken, nach Obst eine Pause machen

Richtig Zähneputzen: Nicht zu stark drücken, nach Obst eine Pause machen

Foto: Corbis
Zur Person

Roland Frankenberger ist Direktor des Instituts für Zahnerhaltungskunde an der Universität Marburg und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Zahnerhaltung.

SPIEGEL ONLINE: Ist Zähneputzen gefährlich für die Zähne?

Frankenberger: Es kann gefährlich sein, wenn man mit der falschen Technik putzt, zu viel Druck ausübt oder es zu lange macht. In Deutschland wird aber eher zu wenig als zu viel geputzt, daher ist weniger die Dauer eine Gefahr als eine falsche Technik. Eine Zahnbürste kann zur Waffe werden, wenn man mit festem Druck horizontal am Zahnfleisch entlang schrubbt. Das Zahnfleisch und der Zahn werden dadurch geschädigt. Die Folge sind freiliegende Zahnhälse, die auch anfällig für Karies sein können.

SPIEGEL ONLINE: Ich bin groß geworden mit dem Rat "nach jedem Essen Zähne putzen" - ist das aus heutiger Sicht falsch?

Frankenberger: Was wirklich erwiesenermaßen die Zähne schützt, ist zweimal pro Tag Zähne zu putzen. Also abends sehr gründlich und idealerweise auch mit Zahnseide und morgens nochmal, um einen frischen Geschmack und vor allem eine wirksame Menge Fluorid auf die Zähne zu bekommen. Wer zusätzlich mittags die Zähne putzt, um ein saubereres Gefühl im Mund zu haben - gerne. Das ist kein Fehler, aber um weniger Karies zu haben, muss es nicht unbedingt sein.

SPIEGEL ONLINE: Kann putzen direkt nach dem Essen schädlich sein?

Frankenberger: Nur nach sauren Speisen. Wenn Sie Äpfel, Orangen oder Mandarinen gegessen haben, sollten Sie eine halbe Stunde warten. Ein Milchprodukt danach verbessert außerdem die Remineralisation. Man braucht noch nicht mal eine Zahnbürste, um sich mit Obst die Zähne zu ruinieren. Es gibt Patienten, die essen so viel Obst, dass die Kauflächen praktisch verschwunden sind.

SPIEGEL ONLINE: Alle Ernährungsexperten raten dazu, viel Obst zu essen - wie viel ist aus zahnmedizinischer Sicht zu viel?

Frankenberger: Ich spreche von Patienten, die sich fast ausschließlich von Obst ernähren. Die Tipps der Ernährungsexperten dagegen gehen von fünf Obst- oder Gemüseportionen pro Tag aus, das ist kein Problem - wenn die 30 Minuten zwischen Kauen und Zähneputzen eingehalten werden. Warnen möchte ich vor Softdrinks wie Cola. Gerade wenn sie schluckweise über eine längere Zeit getrunken werden, sind die Zähne dauerhaft der Säure ausgesetzt.

SPIEGEL ONLINE: Können zu festes Zähneputzen und säurehaltige Mahlzeiten zu überempfindlichen Zähnen führen?

Frankenberger: Ja - wenn die Zähne bereits überempfindlich sind, ist der Schaden schon eingetreten. Besser ist, wenn es gar nicht erst dazu kommt. Das kann man mit der richtigen Zahnputztechnik und durch richtige Ernährung schaffen, also, indem man nicht ständig isst und indem man nicht ständig Softdrinks zu sich nimmt. Auch sollte man saure Getränke wie zum Beispiel Cola im Mund nicht hin und her bewegen, weil man dann die Zähne noch stärker dem schädlichen Einfluss aussetzt. Diese Vorsichtsmaßnahmen sind natürlich auch dann sinnvoll, wenn bereits Beschwerden da sind - damit diese nicht noch schlimmer werden.

SPIEGEL ONLINE: Kann eine Zahnpasta, die gegen empfindliche Zähne wirken soll, die Schäden beseitigen?

Frankenberger: Nein - aber sie kann die Beschwerden stark reduzieren. Es gibt heute mehrere Zahnpasten, die sehr gut wirksam sind. Bei empfindlichen Zähnen fehlt meistens am Zahnhals direkt am Übergang zum Zahnfleisch Zahnschmelz. Dadurch liegen Dentin und die darin enthaltenen Kanälchen frei, die zum Nerv führen. Dann wird der Nerv leicht gereizt und schmerzt. Die Zahnpasten für empfindliche Zähne verstopfen diese Nervkanälchen, dann hört die Heiß-Kalt-Empfindlichkeit auf. Wenn man diese Spezialzahncremes immer wieder aufträgt, bleibt der Schutzfilm erhalten und die Beschwerden verschwinden. Sollte das auch nicht helfen, ist es auch möglich, in dem Bereich dünne Füllungen aus Kunststoff aufzukleben.

SPIEGEL ONLINE: Auf der Verpackung von Zahncremes für empfindliche Zähne steht, dass man sie nur zweimal täglich benutzen solle und dass sie nicht für Kinder unter zwölf geeignet sei. Heißt das, die Inhaltsstoffe sind gesundheitsschädlich?

Frankenberger: Die Firmen sind da einfach sehr vorsichtig mit jedwedem Zusatzstoff, weil viele Kinder Zahnpasta verschlucken. Erwachsene können solche Zahncremes auch dreimal am Tag benutzen, das ist nicht gesundheitsschädlich.

SPIEGEL ONLINE: Kann ein Kaugummi einen Säureangriff nach dem Essen beenden?

Frankenberger: Der große Vorteil von Kaugummis - wenn sie zuckerfrei sind - ist das Anregen der Speichelproduktion. Speichel ist der beste Schutz für die Zähne. Er spült die Zähne und neutralisiert Säuren. Gäbe es keinen Speichel, würden sich die Zähne schnell auflösen, denn es werden laufend Mineralien aus dem Zahn herausgelöst. Der Speichel remineralisiert den Zahn ständig, das heißt, er führt ihm Kalzium und Phosphat zu.

SPIEGEL ONLINE: Sonst haben Kaugummis keinen Effekt?

In der Werbung wird behauptet, dass ein in manchen Kaugummis enthaltenes Granulat die Zähne säubert - das ist aber nicht wissenschaftlich bewiesen. Positiv ist aber, wenn Xylitol enthalten ist. Der Zuckeralkohol verdunstet in der Mundhöhle. Dadurch entsteht Kälte - und das regt den Speichelfluss noch stärker an. Da die Bakterien im Mund das Xylitol nicht abbauen, sterben sie eher ab. Außerdem können sich die Bakterien schlechter am Zahn anhaften.

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