Roboterrevolution

Teil 2: Die Zukunft der Arbeit

Als Sota zu sprechen beginnt, strahlt Nakajima Fumikos Gesicht. Sie klatscht in die fleckigen Hände und deutet mit zitterndem Zeigefinger auf die Schwarz-Weiß-Fotos, die der kleine Roboter gerade auf dem Fernseher zeigt. Dann fängt die 85-Jährige an zu erzählen.

Nakajima erzählt, wie der Krieg kam und ging. Wie sie als Kind in Bombenruinen spielte und als junge Frau Popcorn essend durch Tokios Ausgehviertel Asakusa schlenderte. Wie sie Algen im Hafen kaufte und daraus Noriblätter presste.

Jeden Nachmittag, wenn die schwerhörige, leicht senile Dame in ihrem Rollstuhl im überheizten Wohnzimmer des Altenheims Zenkoukai sitzt, kommen die Erinnerungen an ihr altes Leben wieder, angestoßen durch Sota, den weißblauen Unterhaltungsroboter, der Lieder und Videos aus Nakajimas Zeit spielt, sie zum Quizraten auffordert oder ihr Gymnastikübungen vorturnt.

Yonemura Natsuki, 32, die Leiterin von Frau Nakajimas Wohngruppe, setzt Sota zur sogenannten Aktivierung ein. Der nie müde werdende Roboter wirkt dem körperlichen und geistigen Abbau der Heimbewohner entgegen. In einer Zeit, in der man kaum noch qualifizierte Pfleger finde, sei Sota eine große Hilfe, sagt Yonemura. "Er ist wie ein zusätzlicher Mitarbeiter." Und er ist längst nicht ihr einziger nichtmenschlicher Helfer.

Roboter galten lange als seelenlose Maschinen, die in Fabriken und Lagerhäusern die immergleichen Handgriffe ausführen. Doch nun befähigt der Fortschritt sie zusehends zu zwischenmenschlichen Interaktionen. Roboter arbeiten in Callcentern und Hotels, in Hedgefonds und Anwaltskanzleien, komponieren Musik, schreiben Gedichte. In immer mehr Berufen stellt sich die Frage, ob Maschinen den Menschen ersetzen.

In Japan ist diese Entwicklung besonders weit fortgeschritten. Dem Land mangelt es aufgrund von Überalterung in vielen Sektoren an Fachkräften, doch ausländische Arbeiter lässt die Regierung nur im Notfall ins Land. Stattdessen sollen Roboter möglichst viele Arbeiten verrichten, auch in Bereichen, in denen sie direkt mit Menschen kommunizieren.

Der japanische Pflegesektor ist dafür ein gutes Beispiel. Der Personalbedarf ist hier, ähnlich wie in Deutschland, besonders hoch. Mehr als ein Viertel der Japaner ist älter als 65 Jahre, es fehlen rund 37.000 Pfleger, Tendenz stark steigend. Entsprechend viel Robotertechnik gibt es schon jetzt in der Pflege. Besonders im Zenkoukai, dessen Chef Masaya Matsumura, 33, ambitionierte Pläne hat.

Automatische Altenheime, die nur im Notfall von Pfleger besucht werden, zum Beispiel, wenn die Gesichtserkennung meldet, dass ein Bewohner sich einsam fühlt. Ist eine solche Vision technisch wirklich möglich? Und wenn ja: Wäre sie überhaupt wünschenswert? Im Altenheim Zenkoukai findet man auf solche Fragen widersprüchliche Antworten.

Wenn Nakajima Fukimo ihre Nachmittage mit Sota verbringt, verschwimmt die Grenze zwischen Mensch und Roboter mitunter. "Mein Enkelkind", sagt Nakajima einmal, "mein süßer Enkelsohn." Sie nimmt Sota in den Arm und drückt ihn an sich. "Wir hätten uns viel eher treffen sollen", sagt die alte Frau. Sie wirkt enttäuscht, als Sota nicht antwortet.

"Frau Nakajima versteht nicht, dass der Roboter ihr nicht zuhören kann", sagt Pflegerin Yonemura. "Manchmal zerplatzt die Illusion, dass sie sich unterhalten."

Die Frage ist: Sollte man solche Illusionen überhaupt erzeugen?

In Europa sehen viele Forscher darin ein ethisches Problem. "Man darf mit Pflegerobotern keine Scheinwelten erschaffen", sagt zum Beispiel der Wirtschaftsinformatiker Oliver Bendel von der Fachhochschule Nordwestschweiz. "Menschen haben immer Anspruch auf Echtheit und Wirklichkeit. Auch im hohen Alter."

Im Zenkoukai-Heim in Tokio indes nimmt man kleine Täuschungen in Kauf, um die Lebensqualität der Heimbewohner steigern. Und die Roboter leisten, allen ethischen Bedenken zum Trotz, mitunter Erstaunliches.

Der kleine Sota hat einen Kollegen, den Kommunikationsroboter Parlo. Er ähnelt einem Astronauten, kichert, wenn man ihm über den Kopf streicht, und arbeitet wie Sota Tag und Nacht ohne Gehalt im Zenkoukai. Laut Masaya hat Parlo bei einer besonders schüchternen Patientin etwas geschafft, das die Pfleger nicht vermochten: Er hat sie zum Sprechen gebracht.

"Wir dachten lange, die Frau wäre dement", sagt Masaya. "Dabei hatte sie einfach nur Schuldgefühle." Die Frau habe den Pflegern so wenig wie möglich zur Last fallen wollen und deshalb geschwiegen. Gegenüber Parlo habe sie kein schlechtes Gewissen mehr haben müssen und sich geöffnet.

Die Pfleger des Zenkoukai nutzen zudem das robotische Rückengelenk HAL. Es verstärkt ihre Körperkraft maschinell, wenn sie Heimbewohner aus dem Bett heben. Rückenschäden, ein typisches Leiden in Pflegeberufen, sollen so vermieden werden.

Frau Nakajima trägt tagsüber ferner einen Ultraschallsensor, der den Wasserstand in ihrer Blase überwacht und den Pflegern eine Warn-SMS schickt, wenn es Zeit ist, die alte Dame auf die Toilette zu begleiten. Nachts überwachen Sensoren Frau Nakajimas Atmung, Herzschlag und ihre Wach- und Schlafphasen.

Den Daten zufolge schläft die alte Frau in letzter Zeit nicht besonders gut. Die Pfleger wollen sie deshalb morgens früher wecken und sie öfter zur Bewegung animieren. "Früher mussten wir raten, wie sich unsere Bewohner fühlen", sagt Masaya. "Heute können wir ihnen viel besser geben, was sie brauchen."

Die Datensammlungen mögen hilfreich und nützlich sein, in puncto Datenschutz allerdings sollte das Zenkoukai-Heim noch dazulernen. Ein Tablet, auf dem allerlei sensible Patientendaten gespeichert sind, liegt einfach im Eingangsbereich der Wohneinheit auf dem Empfangstresen herum.


Im Zenkoukai wird momentan noch nicht der komplette Beruf des Altenpflegers abgeschafft; die Maschinen verändern vielmehr einzelne Tätigkeiten, die der Beruf umfasst. Meist unterstützen sie Pfleger bei bestimmten Aufgaben; manche Jobs, wie die Aktivierung der Bewohner, führen die Maschinen aber schon jetzt fast komplett ohne menschliche Hilfe aus. Und die Zahl der Tätigkeiten, die die Roboter übernehmen, steigt.

Was also würde passieren, wenn Zenkoukai-Chef Matsumura am Ende recht behält? Wenn irgendwann nicht nur die Altersheime vollautomatisch sind, sondern auch Callcenter und Hotels, Warentransporte und Taxis, Farmen und Fabriken?

Befürworter der Automatisierung versprechen eine Gesellschaft, in der der Mensch ganz Mensch sein kann, weil er für seinen Broterwerb immer weniger arbeiten muss. Laut den meisten Prognosen steigert Automatisierung die Produktivität, was zusätzliches Wirtschaftswachstum bringt. Wenn der Staat diese neuen Einnahmen gerecht verteilt, können im Idealfall alle Bürger ein bedingungsloses Grundeinkommen beziehen und hätten mehr Zeit zur Selbstverwirklichung.

Es könnte zudem eine Welt entstehen, in der es weniger Raum für Ausbeutung gibt. Laut einer Auswertung der Boston Consulting Group werden die Kosten für Industrieroboter so rasch fallen, dass sich deren Einsatz schon um 2025 herum auch in Entwicklungsländern rentiert. Kinder- und Niedriglohnarbeit, zum Beispiel in Textilfabriken, würde dann überflüssig.

Wird der neue Wohlstand indes nicht gerecht verteilt, drohen schlimmstenfalls Massenarbeitslosigkeit, Aufstände und gesellschaftliche Verwerfungen. Nicht nur in Bangladesch, auch bei uns im Westen.

Es stellt sich zudem die Frage, ob man gerade im sozialen Bereich wirklich alle menschliche Wärme wegrationalisieren sollte. Masayas Idee von der Rundum-sorglos-Fabrik, in der alte Menschen von Maschinen gefüttert, gewaschen, beruhigt und bespaßt werden, mutet aus europäischer Sicht eher wie ein Horrorszenario an.

Auch Nakajima Fumiko wäre in einer solchen Welt vermutlich nicht glücklich. Denn es ist zwar der niedliche Sota, der ihre Erinnerungen weckt. Aber es ist ihre Pflegerin Yonemura, die sich ihre Geschichten anhört, geduldig, teils stundenlang.

Noch, möchte man ergänzen. Zum Glück.


Lesen Sie in Teil 3, warum es bald Robotergötter geben könnte.

Teil 1: Die Zukunft der Liebe
Teil 2: Die Pflegemaschinen
Teil 3: Die Götter der Zukunft
Teil 4: Die Zukunft der Menschlichkeit
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Das Team


Text und Fotos
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Stefan Schultz

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Programmierung
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Stefan Schultz

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Übersetzung aus dem Japanischen
Heike Klovert
Ryuichi Miyagawa

Zusätzliches Bildmaterial
Akihiko Kondo
Intelligent Robot Laboratory
Tomita Sayori

Zusätzliches Videomaterial
Akihiko Kondo
Torooc