Senioren-Gehhilfe Rollator-Führerschein für Fußgänger

Dahinterstellen und losschieben? Nicht immer lässt sich ein Rollator leicht bedienen. Spätestens beim Einsteigen in den Bus oder beim Manövrieren an engen Stellen haben Senioren häufig Probleme. Abhilfe schaffen spezielle Trainings.

Immer schön langsam: Laufen mit dem Rollator bedarf Übung
DPA

Immer schön langsam: Laufen mit dem Rollator bedarf Übung


Einfach normal gehen können - darüber denken gesunde und fitte Menschen meist nicht nach. Aber wer mit einem Handicap leben muss oder nach einer Krankheit oder einem Unfall wieder auf die Beine kommen will, für den ist er lebenswichtig - der Rollator. Allein Tausende nutzen ihn in der Reha nach einem Schlaganfall, denn oft ist durch den Apoplex der Gleichgewichtssinn gestört. Dann fehlt vielen im Umgang mit der rollenden Gehhilfe die Sicherheit - die Handhabung von Rollatoren ist nicht so einfach, wie es den Anschein haben mag.

In der Pflege von alten Menschen kommt es immer wieder zu Stürzen mit dem Rollator. Die meisten Unfälle mit Gehhilfen passieren, weil Senioren nicht richtig gelernt haben, sie zu bedienen. "Oder die Bremsen sind ganz falsch eingestellt", sagt Clemens Becker, Chefarzt der Klinik für Geriatrische Rehabilitation am Robert Bosch Krankenhaus Stuttgart.

Wer mit dem Gerät vor die Tür will, hat noch mit ganz anderen Hindernissen zu kämpfen: Der Einstieg in den Bus ist schwierig oder die Räder verhaken sich am Gullydeckel. Spezielle Rollator-Trainings können sinnvoll sein - eine Art Führerschein für die Gehhilfe.

Slalom mit dem Gehwagen

Ursula Maslowski nutzt ihren Rollator täglich. "Davor saß ich im Rollstuhl", sagt die 84-Jährige, die seit fünf Jahren im St.-Mauritius-Stift in Bochum lebt. Mit dem Rollator kann sie immerhin kurze Strecken gehen. Vor einer Weile hat sie an einem Rollator-Training teilgenommen, das die Polizei angeboten hat. Vor allem beim Bremsen und beim Überwinden von Bordsteinen sei sie sicherer geworden. Busfahren traut sie sich mit dem Rollator aber nicht alleine, "nur in Begleitung".

In den Trainings wird meist ein Parcours aufgebaut. Fast immer sind es die gleichen Stolperfallen, die Probleme machen:

Ampel: Kaum ist sie auf Grün gesprungen, springt sie auch schon wieder auf Rot um. Wer in einer größeren Menge von Menschen steht, kommt mit dem Rollator deshalb sicher nicht rüber. "Wichtig ist, sich gleich ganz vorne hinzustellen und auf sich aufmerksam zu machen", sagt Cornelia Brodeßer. Sie arbeitet mit der Verkehrswacht Bonn zusammen und bietet Rollator-Trainings an. Am einfachsten geht das mit einer Klingel aus dem Fahrradgeschäft, die an der Gehhilfe befestigt wird.

Kopfsteinpflaster: Der Belag schüttelt den Fahrer ordentlich durch - denn die Gehhilfe hat keine Stoßdämpfer. Wer regelmäßig auf unebenem Untergrund unterwegs ist, wählt am besten weichere Reifen oder große Räder: "So wird nicht jeder Hubbel eins zu eins weitergegeben", erklärt Brodeßer. "Auch im Park kann eine andere Bereifung sinnvoll sein, etwa wenn die Wege mit Kiesschotter gestreut sind", ergänzt sie.

Bus oder Bahn: Viele Busse lassen sich nicht absenken, deshalb müssten Senioren wissen, wie sie den Rollator zum Einsteigen richtig ankippen und mit der Bremse stabilisieren. Ein weiteres Problem ist der Boden im Bus: Häufig rutschen die Rollatoren bei jeder Kurve oder jedem Bremsen weg. Wirklich sicher mache hier nur viel Übung. Bei einem Rollator-Training erfahren Ältere auch, dass es in Bussen häufig Druckknöpfe mit einem Rollstuhlsymbol gibt: Das signalisiere dem Fahrer, dass er länger halten soll.

Wohnung: Auch drinnen kann es mit dem Rollator Probleme geben. "Weniger als zehn Prozent der Wohnungen sind barrierefrei", erklärt Becker. Bei den meisten Zimmern kommt man dann nur schwer durch Türen oder um Ecken herum. Oft gehen die Türen auch nur nach innen auf: "Dann müsste ich eigentlich zur Seite gehen, die hinteren Räder sind aber nicht lenkbar - das heißt, ich muss den Rollator hochheben." Das sei für viele eine große Herausforderung. Auch das Rückwärtsgehen, beispielsweise um sich auf einen Stuhl zu setzen, bereite vielen Schwierigkeiten.

Rutschige Flächen oder Eis: Bei Matsch, Regen oder Eis wird das Manövrieren mit dem Rollator richtig schwer. "Viele haben dann ein doppeltes Problem, weil sie auch nicht mehr gut sehen", sagt Brodeßer. Hat sich eine Eisschicht auf den Straßen gebildet, bleibe nur, feste Schuhe mit Spikes anzuziehen. Im Winter und bei Dämmerung bietet es sich grundsätzlich an, Reflektoren am Rollator anzubringen. Diese gibt es etwa im Sanitätsgeschäft zu kaufen.

Bergab: Dort wird der Rollator leicht immer schneller. Vermeiden lässt sich das nur, wenn mit leicht schleifender Bremse die ganze Zeit die Geschwindigkeit gedrosselt wird. "Man kann auch mit der Bremse lenken", erklärt Brodeßer. Wer beispielsweise ganz leicht links bremse, fahre auch nach links. Schwierig wird es an dieser Stelle aber bei bestimmten Erkrankungen: "Parkinsonpatienten können bergab nicht bremsen", sagt Becker. Sie können den Bremsgriff aufgrund ihres Tremors nicht dauerhaft anziehen.

Effektiv etwas tun können Senioren nur gegen verschmutzte, verklebte Reifen. Vor allem die Stellen, an denen die Bremsen auf den Reifen aufliegen, sollten sie nach jedem Spaziergang bei schlechtem Wetter reinigen. Am besten klappt das mit einer Spülbürste und etwas Wasser, das man beispielsweise in eine leere Sprudelflasche umfüllt.

Julia Kirchner, dpa



© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.